Marianna Gerber aus dem Berner Jura – “Gottes Engel der Barmherzigkeit” inmitten des Armenier-Genozids

Marianna Gerber (1858-1917) – “Mutter vieler Waisen” [Portrait aus M.A.Gerber “Passed Experiences, Present Conditions, Hope for the Future”, Pasadena 1917]

Durch seine offizielle Anerkennung als Genozid hat US-Präsident Joe Biden den Völkermord an den Armeniern in diesen Tagen erneut ins Blickfeld einer breiteren Weltöffentlichkeit gestellt. Je nach Schätzung kamen dabei vor und während des Ersten Weltkrieges durch Massaker und auf Todesmärschen zwischen 300’000 und mehr als 1,5 Millionen meist christliche Armenierinnen und Armenier im damaligen Osmanischen Reich, dem Vorläufer der heutigen Türkei, ums Leben. Während die offizielle Türkei diese Ereignisse bis heute als «kriegsbedingte Massnahmen» bezeichnet, sieht die grosse Mehrheit der historischen Forschung es aufgrund zahlreicher Dokumente als erwiesen an, dass die osmanisch-türkische Regierung die systematische Vernichtung eines gesamten Volkes bewusst anvisiert hat. Damit stellt der Völkermord an den Armeniern nicht nur den ersten planmässigen Genozid des 20. Jahrhunderts dar – er diente den Nationalsozialisten kurz danach auch als Modell für den Holocaust der Juden.

Auch wenn der Armenier-Genozid bereits recht gut erforscht ist, so dürfen die Bemühungen, zu dokumentieren, was da geschehen ist, nie aufhören. Es gibt eine Pflicht zur Erinnerung. Es ist mit Paul Ricoeur die Pflicht, Geschundenen und Geschlagenen wenigstens durch Erinnerung noch etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und nur so darf zaghaft gehofft werden, dass Menschen sich durch die Konfrontation mit den Ereignissen der Vergangenheit so sensibilisieren lassen, dass sich solche schlimmen Vorkommnisse in Zukunft möglichst niemals wiederholen werden.

Für manche mag es überraschend sein zu vernehmen, dass auch seitens der schweizerischen Täufergeschichte wenigstens ein solcher Beitrag zur Erforschung der Geschichte des Armenier-Genozids ganz direkt erfolgen könnte.

Gemeint sind damit Leben und Werk der auf dem Bauernhof Les Veaux bei Les Genevez (damals Berner Jura, heute Kanton Jura) aufgewachsenen Marianna Gerber (1858– 1917). Sie wurde am 30. Mai 1858 als Tochter des mennonitischen Ehepaars Christian und Elisabeth Gerber-Geiser geboren. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass aus dieser Familie noch eine zweite Tochter einen wichtigen Beitrag im Rahmen der internationalen Missionsarbeit leistete: Es ist ihre jüngere Schwester Marie (1869-1910), die zusammen mit ihrem Mann Rodolphe Petter (1865-1947) eine noch lange nachwirkende Tätigkeit unter den Cheyenne in Oklahoma ausübte.

Einträge der Geburten von Marianne Gerber und ihrer Schwester Maria (vertikal!) im Heimatrodel der Täuferfamilien von Langnau (StABE, KB Langnau 36, p.79).

Marianna liess sich im Alter von 16 Jahren in der mennonitischen Sonnenberg-Gemeinde zwar taufen, sprach im Rückblick aber von einer Zeit geistlicher Leere, die sie mit weltlichen Vergnügen übertünchte. Prägend wurde für sie der Durchbruch ihrer durch Glaubenszweifel zunehmend depressiv gewordenen Mutter zu einer frohen Glaubensgewissheit um die Mitte der 1870er Jahre. Im Alter von 20 Jahren machte sie dann im Rahmen der auch im Jura mehr und mehr um sich greifenden Heiligungsbewegung ebenfalls eine einschneidende Bekehrungserfahrung mit innerer und äusserer Heilung. Fortan war sie entschlossen, ihr Leben ganz “in den Dienst Jesu” zu stellen.

Sie setzte es gegen den Widerstand ihres Vaters durch, dass in der Familie eine tägliche Andacht gehalten wurde. Sie organisierte in Nachbarschaft und Gemeinde eine Sonntagschule. Sie lud zu Jugendtreffen ein, besuchte Kranke und scheute sich auch nicht, in der Öffentlichkeit mit der Bibel in der Hand zum Glauben aufzurufen. Das rief die Ältesten ihrer Mennonitengemeinde auf den Plan. Irritiert von dieser “alle bisherigen Regeln ignorierenden jungen Schwester”, berieten die kirchlichen Vorgesetzten, was nun zu tun sei. Dabei fand jener Gemeindeleiter Zustimmung, der zur Gelassenheit riet, zumal es sich bei Marianna Gerbers Aktivismus wohl um ein Strohfeuer handle, das so rasch wieder verschwinden werde, wie es aufgetaucht sei. In diesem Punkt allerdings sollte sich dieser Gottesmann fundamental täuschen.

Marianna Gerber trat 1881 in das Berner Diakonissenhaus ein, wo sie sich zur Krankenschwester ausbilden liess. 1885 verliess sie das Heim allerdings bereits wieder, nachdem die Oberschwester zur Überzeugung gelangt war, sie habe einen zu unabhängigen und eigenwilligen Geist, der nicht in das Diakonissenheim passe. In den folgenden Jahren wirkte sie in Tramelan als “Stadtmissionarin”. In ihrer evangelistischen und sozial-diakonischen Tätigkeit zugunsten von Armen und Kranken erfuhr sie nach eigenen Angaben im Kreise von Gleichgesinnten auf besondere Weise die Ausgiessung des Heiligen Geistes. Diese äusserte sich bei ihr massgeblich in Sprachengebet und der Gabe der Krankenheilung. Diese Offenheit für pfingstlich-charismatische Akzente sollte zeitlebens ein charakteristisches Merkmal von Marianna Gerbers Wirken bleiben.

1889 lernte Marianna Gerber den auf dem Münsterberg bei Moutier geborenen und als Kind mit seinen Eltern nach Nordamerika ausgewanderten John A. Sprunger kennen. Dieser befand sich mit seiner Frau in der Schweiz im Rahmen eines mehrmonatigen pastoralen Besuchs, wo er Gemeinden besuchte, predigte und evangelisierte, und dabei auch für diakonische und missionarische Projekte nordamerikanischer Mennoniten warb. Marianna Gerber interessierte sich vor allem für dessen Vision eines Diakonissenwerkes in den USA. Sie reiste darum im Sommer 1891 nach New York, wo sie eine Missionsschule besuchte. Anschliessend half sie Sprunger 1892 bei der Ausbildung der ersten Gruppe von Diakonissen für die neue Missionsgesellschaft Light & Hope. Maria knüpfte auch Kontakte zu Dwight Moody und dessen Bibelinstitut in Chicago, und während der Weltausstellung 1893 wirkte sie in einem Team mit, welches Moody bei seinen Evangelisationen mit Wortbeiträgen und Gesang unterstützte.

Als 1894 in Cleveland (Ohio) das Light and Hope Diakonissen-Spitals eröffnet wurde, bekleidete sie das Amt einer “Hausmutter”. In jenen Jahren hörte sie erstmals von der Notlage der verfolgten Armenier im Osmanischen Reich. Zusammen mit ihrer Mitschwester Rose Lambert wurde ihr das Schicksal der zahlreichen Waisenkinder, deren Eltern im Rahmen der Armenier-Verfolgung von Handlangern des Osmanischen Reichs bereits umgebracht worden waren, zu einem Herzensanliegen.

Marianna Gerber (ca. 1896) [Photo Courtesy Max Haines]

Ob dieses Mitgefühl der beiden Frauen mit der Not der Armenier wohl durch ihre gemeinsamen Wurzeln in der ebenfalls Jahrhunderte lang verfolgten Täuferbewegung der Schweiz mitgeprägt war? Mariannas Vater jedenfalls war ein Gerber aus Langnau im Emmental, die Mutter eine Geiser aus Langenthal, Roses Mutter eine Gäumann aus Grosshöchstetten – alles Nachfahren von Menschen, die als religiöse Minderheit wegen ihres täuferischen Glaubens aus der bernischen Heimat vertrieben worden waren, weil die Obrigkeit ihr Territorium “täuferfrei” halten wollte… (Damit war die Täuferverfolgung in der Schweiz sicher kein Genozid, aber mit der Verfolgung der Armenier war ihr gemeinsam, dass eindeutig die obrigkeitliche Absicht bestand, eine ganze Glaubensgemeinschaft und religiöse Kultur auf dem eigenen Territorium zu eliminieren.)

Im November 1898 brachen die beiden Frauen in die Türkei auf und begannen ihre Arbeit in Hadjin (heute Saimbeyli), einer damals 30.000 Einwohner zählenden Stadt im Taurusgebirge. Die Not in der ganzen Region war – ein Jahr nach dem letzten Massaker – unbeschreiblich. Sie mieteten Häuser, in denen sie sich um 200 Waisenkinder kümmern konnten, und gaben Hunderten von hungernden Menschen zu essen. Rose Lambert verfasste später ein Buch über diese notvolle Zeit mit dem Titel «Hadjin, and the Armenian Massacres» (1911). Um sich ein Bild von der Lage der armenischen Bevölkerung zu machen, reiste Marianna oft von Dorf zu Dorf und ermutigte die Menschen mit evangelistischen Botschaften. Dank ihrer Gabe, Sprachen leicht zu erlernen, konnte sich Maria bald auch auf Türkisch verständigen. In Hadjin fand sie Wege, den vielen Witwen Arbeit zu verschaffen, damit diese für sich selbst sorgen konnten. Dies erfolgte im Rahmen der 1901 gegründeten United Orphanage and Mission Society. Unterstützung für das Waisenhaus gab es von Freunden in Europa und aus Nordamerika, speziell auch von mennonitischen Bekannten aus Deutschland und Russland. Auch im Wochenblatt «Zionspilger» der Schweizer Mennoniten erschienen Berichte von ihrer Arbeit.

“Wer vermag in Worte zu fassen, oder wo ist die Feder, die
in der Lage ist, das blutige Bild des armenischen Volkes zu zeigen? Die Macht der Sprache reicht nicht aus, um zu beschreiben, was geschehen ist, oder was immer noch geschieht?” (Marianna Gerber 1917).             Bild: Marianna Gerber umgeben von Waisenkindern bei Zinjidere  [Photo Courtesy Max Haines / https://gameo.org/index.php?title=Gerber,_Maria_A._(1858-1917)]

Nach fünf Jahren in Hadjin kehrte Marianna Gerber 1902 zur Erholung in die USA zurück, da ihr ihre Gesundheit zu schaffen machte. Als die sendende Missionsbehörde der Allgemeinen Konferenz der Mennoniten eingegliedert und umstrukturiert wurde, sah Marianna Gerber darin die Unabhängigkeit ihrer Arbeit gefährdet und kündete 1903 ihr Dienstverhältnis. Nach ihrer Rückkehr in die Türkei im Jahr 1904 arbeitete Marianna mit Unterstützung ihres grossen, zunehmend überdenominationellen Freundeskreises sechs Monate lang in Konya (Iconium) und zog dann in die Nähe der Stadt Kayseri (Caesarea) in Kappadozien. Hier ermöglichte ihr ein Kreis von Freunden, innerhalb von zwei Jahren vier neue Häuser zu bauen, um 1908 in Zinjidere das Zion-Waisenhaus eröffnen zu können.

Grundsteinlegung für den Bau des Zion-Waisenhauses in Zinjidere 1906. Marianna Gerber vorne unten rechts (Foto aus M.A.Gerber “Passed Experiences, Present Conditions, Hope for the Future”, Pasadena 1917)

Eine erneute Erkrankung und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwangen Marianna Gerber 1914 zur Rückreise in die USA, noch bevor der Völkermord an den Armeniern seine volle Wucht entfaltete. 1917 publizierte sie ein Buch in Englisch über ihr eigenes Leben mit dem Titel “Vergangene Erfahrungen, gegenwärtige Lage, Hoffnung für die Zukunft“. Das Buch ist eine eindrückliche Mischung von erbaulich-selbstkritischer Autobiographie, von unbändiger Liebe zu Armen und Kranken, Witwen und Waisen, von Mut und Schaffenskraft einer engagierten und eigenwilligen Frau und von erstaunlicher politischer und religionsgeschichtlicher Analyse. Der Druck des Buches sollte damals helfen, Geld für ihr Waisenhaus zu sammeln, zu dem sie nach dem Krieg zurückzukehren gedachte.

Marianna Gerber mit einer Gruppe armenischer Witwen (aus: M.A.Gerber “Passed Experiences, Present Conditions, Hope for the Future”, Pasadena 1917)

Nach mehreren Schlaganfällen starb Marianna Gerber allerdings noch im gleichen Jahr am 6. Dezember 1917. In armenischen Kreisen wurde sie von denjenigen, welche die Massaker von 1914/1915 überlebt hatten, noch lange als «Gottes Engel der Barmherzigkeit» in hohen Ehren gehalten.

In täuferisch-mennonitischen Kreisen der Schweiz scheint Marianna Gerber schon bald in Vergessenheit geraten zu sein: Ihr Tod wird in deren Zeitschrift “Zionspilger” (Nr. 4/1918 vom 27. Januar 1918) bloss in einer kurzen Notiz vermerkt und in Samuel H. Geisers Standardwerk “Die Taufgesinnten Gemeinden” von 1971 wird sie grad knapp vermerkt (573). Dies im Gegensatz zu nordamerikanischen Kirchen mit pfingstlicher Tradition, denen sie sich in ihren letzten Lebensjahren zunehmend verbunden fühlte und wo die Erinnerung an sie bis in die Gegenwart wach behalten wird.

Diese wenigen Pinselstriche vermögen Leben und Werk von Marianna Gerber nur unzureichend zu skizzieren. Aber die Quellenlage zumal in der Schweiz und Nordamerika scheint gut genug zu sein für eine umfassendere Studie über diese profilierte und eindrückliche Persönlichkeit aus täuferisch-mennonitischen Kreisen des früheren Berner Jura.

(Die wichtigsten Quellen zu diesem Beitrag sind über die Links leicht zu erschliessen!)

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Heinrich Zschokke und seine Reise zu den Täufern im Jura

 

Heinrich Zschokke – eine Selbstschau 1842 (Quelle Wikimedia Commons)

Zu seinem heutigen 250. Geburtstag an diesem 22. März 2021 wird der aus Magdeburg stammende Heinrich Zschokke (1771-1848) in vielen schweizerischen Medien ausführlich gewürdigt:

Gewürdigt als eine zentrale politische Figur des Übergangs von der alten Eidgenossenschaft zum Bundesstaat. Gewürdigt als ein Pionier der Pressefreiheit in der Schweiz. Gewürdigt als ein führender Vertreter einer Volksaufklärung, die Volksbildung als Volksbefreiung verstand.

Weniger bekannt sind seine Reisebeschreibungen, die auf seinen zahlreichen Exkursionen quer durch die Schweiz entstanden sind. Und im Rahmen eines solchen Ausflugs durch den Jura ist auch eine der wohlwollendsten Schilderungen entstanden, die dem einheimischen Täufertum im 19. Jahrhundert je zuteil geworden ist. Der romantisierend-idealtypische Duktus der Ausführungen sagt dabei zwar wohl ebenso viel über das Weltbild und die pädagogischen Anliegen des Autors aus wie über das Täufertum im Jura. Und doch bleibt dieser Text ein eindrückliches Denkmal für die Präsenz dieser aus seinen Stammlanden im Emmental, Oberaargau und Oberland vertriebenen Glaubensgemeinschaft in abgelegenen Gegenden des Jura.

Hier eine Passage im Originalton aus diesem 1838 erschienenen Bericht im Kapitel «Pierre Pertuis»:

«[…] Auch über hundert Familien der Wiedertäufer wohnen hier; und nirgends in der Schweiz so viel beisammen. Aber sie leben zerstreut auf einsamen Höfen in Wäldern und Bergen, und zwingen mit ihrer Arbeitsamkeit den unwirthbarsten Gegenden Fruchtbarkeit ab. Ein kräftiger Menschenschlag, vom schönsten Geblüt; treuherzig, friedsam, gewissenhaft und wohlwollend. Allen Nachbarn sind sie lieb. Katholiken und Protestanten der Umgegend vertrauen ihnen mehr, als sich selbst unter einander. Und diese biedern Leute wurden von der Berner Regierung im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert aus ihren Heimathen verjagt, weil sie keine Eide schwören, keine Waffen tragen mochten. Die Fürst – Bischöfe von Basel, weiser und duldsamer als jene protestantische Obrigkeit, nahmen die verstoßenen Jünger Menno’s in ihr damaliges weltliches Gebiet auf. Ich weiß nicht, ob die Lehre der Wiedertäufer etwas Ketzerei mit sich führt, wie da und / dort ein Geistlicher vielleicht meint; aber der Herr spricht: «An ihren Werken sollt Ihr sie erkennen!» Und da scheints mir bei ihnen so übel nicht zu stehn. Man muß sie besuchen; unter ihnen leben; und man wird sie lieb gewinnen, ja sogar ein wenig bewundern, während man sonst wenig Christen wegen ihres Christenthums bewundert.»

Täuferpredigt in Chaluet bei Court. (Quelle: Vogel, Ludwig: Wiedertäuffer Predigt. [Schweiz] : 4 Juny 1826, 1826. Zentralbibliothek Zürich, Varia Wiedertäufer I, 2,  https://doi.org/10.7891/e-manuscripta-38993 / Public Domain Mark)

Wer die eindrücklichen Schilderungen nachlesen möchte über die Begegnungen Zschokkes mit den Täufern «im stillen Bergthal des Tschaywo, an den Solothurner Gränzen, im Wald auf Champoz, in andern freundlichen Einöden», der möge folgendes Werk zur Hand nehmen oder online die entsprechenden Seiten 322 bis 324 konsultieren:

Heinrich Zschokke, Die klassischen Stellen der Schweiz und deren Hauptorte in Originalansichten dargestellt. Karlsruhe und Leipzig (Kunst-Verlag), 1836-1838, Bd. 2, 322–324   (→  Online  ) .

Verlassener Stall “im stillen Bergthal des Tschaywo, an den Solothurner Gränzen” (Foto HPJ)

Vgl. zu Zschokke auch den älteren Beitrag von Hans Rudolf Lavater hier.

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VON MATERIELLER NOT, FROMMEN SEHNSÜCHTEN UND DER HOFFNUNG AUF BESSERE ZEITEN

ZU DEN ANFÄNGEN DER TÄUFERISCH-MENNONITISCHEN REDIGER/REIDIGER/REUTIGER-FAMILIEN AUS BOLTIGEN IM SIMMENTAL.

EINE SPURENSUCHE ZUM RELIGIÖSEN NONKONFORMISMUS IM BERNER OBERLAND

Kirche von St. Stephan. Der Artikel weist nach, dass Sebastian Reutiger, der “Stammvater” der mennonitischen Rediger-/Reutiger-Familien, hier am 4. April 1717 reformiert getauft worden ist (Foto M:Heath).

Das Simmen- und Kandertal im südwestlichen Berner Oberland in den Schweizer Alpen zählen nicht zu den täuferischen Kerngebieten. Daran ändert auch die Tatsache nicht, dass mit Jakob Amman die Schlüsselfigur der Gemeinschaft der Amischen Täufer aus Erlenbach im Simmental stammt.

Gleichwohl gab es im frühen 18. Jahrhundert in dieser Gegend eine Reihe von religiösen Bewegungen, die im Umfeld von Täufertum und Pietismus für viel Unruhe sorgten und prompt die Behörden auf den Plan riefen.

In der neuen Ausgabe von MENNONITICA HELVETICA 43 (2020) wird ein längerer Artikel dieses Thema aufgreifen.

Der Beitrag beschreibt anhand einer auf teils neuen Quellenfunden basierenden Detailstudie das familiäre, soziale und kirchliche Umfeld von Sebastian Reutiger (1717–1791), einem reformierten Bergbauernsohn aus Boltigen im bernischen Simmental. Aufgewachsen in einer Zeit und Region, in der es immer wieder zu Manifestationen von religiösem Nonkonformismus kam, suchte er – ohne offenbar an kirchlichen Fragen gross interessiert zu sein – primär aus wirtschaftlicher Not sein Glück im Ausland. Sein überraschender Übertritt zum Täufertum im Zweibrückischen (1739) regt an, nochmals zurückzufragen und genauer hinzusehen, welche täuferisch-pietistischen Impulse zur Zeit seiner Kindheit und Jugend in Boltigen spürbar waren und ihn allenfalls via Verwandte, Bekannte und Nachbarschaft geprägt haben könnten.

Die Boltiger Chorgerichtsmanuale erweisen sich als äusserst farbige Quelle – etwa wenn sich der reformierte Pfarrer Rudolf von Bergen über das «Täuffer- und Quacker-Mäydli» Christina Moser aufregt (CGM Boltigen 5, 348f.)

Durch diese Fragestellung werden einerseits neue Einsichten zur Geschichte des religiösen Nonkonformismus im südwestlichen Berner Oberland gewonnen – unter anderem über den «Schwärmer» und Separatisten Hans Reutiger. Anderseits kommen auch genealogisch Interessierte auf ihre Rechnung, indem in diesem Beitrag die bisher lückenhaften Kenntnisse vertieft werden über die Anfänge der in Europa und Nordamerika mittlerweile sehr zahlreich gewordenen mennonitischen Rediger/Reidiger-Familien: Sie alle gehen zurück auf den obgenannten Sebastian Reutiger aus Boltigen im Simmental.

MH 43 (2020) erscheint voraussichtlich Mitte Februar 2021 und wird allen Mitgliedern des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte gratis zugestellt. Einzelne Kopien können beim Verein bestellt werden (CHF 30.-).

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MH 43 (2020) erscheint demnächst

Titelblatt einer Ausbund-Ausgabe von 1792

Die Drucklegung des neuen Jahrbuches MENNONITICA HELVETICA steht kurz bevor. Wir freuen uns über die wiederum vielfältige Palette an interessanten Beiträgen, die wir unseren Leserinnen und Lesern anbieten können.

Da ist zum Beispiel die umfangreiche Täuferlied-Studie von Prof. Max Schiendorfer mit dem Titel «’Ach Gott, wem soll ichs klagen…!’ Schweizer Sängerdichter als Chronisten der Täuferverfolgungen im 17. Jahrhundert». Im Zentrum stehen dabei Klagegesänge vorwiegend von bernischen Täufern und deren wohl kaum zu überschätzende Bedeutung für das Nähren und Stärken des Durchhaltewillens dieser unter Repression leidenden Gemeinschaft.

Weiter sind in der neuen Ausgabe von MH zu finden:

  • Eine quellenbasierte Untersuchung des kanadischen Historikers David Y. Neufeld zum frühen Zürcher Täufertum. Darin plädiert der Autor für eine weit grössere Einbettung vieler früher Schweizer Täuferinnen und Täufer in das gesellschaftliche Leben ihrer Zeit als bisher angenommen.
  • Eine längere Studie von Hanspeter Jecker,  die neben neuen familiengeschichtlichen Erkenntnissen zu den Anfängen der mennonitischen Rediger/Reidiger-Familien auch spannende Einblicke in ein weitgehend unbekanntes Kapitel des religiösen Nonkonformismus im Berner Oberland bietet.
  • Ein Portrait von Ulrich Gerber zur Familie des Christian und der Katharina Schnegg-Gerber von La Chaux-d’Abel. Aus den vielfältigen Biographien der zahlreichen Nachkommen wählt der Autor dabei einige Beispiele von speziell bemerkenswerten Tätigkeitsfeldern aus.
  • Judith Wipfler stellt in ihrem Beitrag die Tätigkeit der mennonitischen Radiomission «Worte des Lebens» vor, die von 1952 bis 1992 vom Bienenberg aus Sendungen produziert hat. Erstmals wurde für diese Arbeit das Archiv der Radiomission mit den dort lagernden Schriften, Dokumenten und Tonträgern ausgewertet.
  • Eine Miszelle von Peter Erismann über Besonderheiten der täuferischen Froschauerbibeln.

(Hier das Inhaltsverzeichnis!)

Voraussichtlich wird der Versand des neuen Jahrbuches im Verlauf des Monats Februar erfolgen. Mitglieder des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte erhalten gratis ein Exemplar zugestellt. Mitglied werden kann man/frau jederzeit hier für CHF 30 pro Jahr.

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Zum 250. Todestag von Hieronymus Annoni (1697 – 1770)

Gedenktafel für Hieronymus Annoni im Muttenzer Kirchhof (Foto: HPJ)

Fast unbemerkt jährte sich am 10. Oktober 2020 zum 250. Mal der Todestag von Hieronymus Annoni (1697-1770), des “Wegbereiters des Basler Pietismus”. Annoni war lange Zeit ein Hausschullehrer im Schaffhausischen und ab 1740 für  Jahrzehnte Pfarrer in den Basler Landgemeinden Waldenburg und Muttenz. Seine zahlreichen Kontakte und Begegnungen mit religiösen Nonkonformisten und Separatisten und seine Sympathien mit manchen ihrer Anliegen führten immer wieder zu Spannungen mit den politischen und kirchlichen Behörden, in deren Auftrag er sein Pfarramt ausübte. Seine integrative Persönlichkeit und seine Beharrlichkeit ermöglichten es ihm, trotz vieler innerlicher Anfechtungen und äusserer Anfeindungen ein Leben lang diese Spannungen auszuhalten und fruchtbar zu machen.

In der Täuferforschung der letzten Jahre sind vor allem seine Begegnungen mit dem Pratteler Hans Martin sowie dem bernischen Täuferlehrer Ulrich Amman entdeckt, vorgestellt und analysiert worden.

Das alte Pfarrhaus in Muttenz, wo Annoni gelebt und gewirkt hatte. (Foto HPJ)

Dass es just in Muttenz war, wo kurz nach Annonis Tod (1770) erstmals im Baselbiet und entgegen den geltenden obrigkeitlichen Mandaten an täuferische Familien Bauernhöfe (Rothaus und Birsfeld) verpachtet wurden, ist wohl kein Zufall. Annonis pietistisch-erweckliche Verkündigung als Pfarrer in Muttenz hatte hier das kirchlich-religiöse Klima nachhaltig verändert – und nicht zuletzt auch in vornehmen und begüterten Kreisen für eine über enge konfessionelle Grenzen hinausführende Weitherzigkeit geführt. Dieser Goodwill kam Täuferinnen und Täufern zugute, die aufgrund ihrer landwirtschaftlichen Kompetenz und ihres sprichwörtlichen Fleisses nun auch im Baselbiet rasch zu beliebten Pächtern auf kleineren und grösseren Gutsbetrieben wurden. Und damit war der Grundstein gelegt für die spätere Entstehung der Evangelischen Mennonitengemeinde Schänzli in Muttenz!

Bis heute ist in Muttenz eine Strasse nach Annoni benannt (Foto: HPJ)

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Gewagt! – 500 Jahre Täuferbewegung 1525 – 2025

500 Jahre Täuferbewegung

Am 10. Oktober 2020 fand in der Hamburger Mennonitenkirche die Eröffnung des “Täufergedenkens” statt. Damit begann ein fünfjähriger Zyklus des Gedenkens an 500 Jahre Täufertum, der 2025 seinen Höhepunkt und Abschluss erleben soll. Bis dahin werden fünf Themenjahre wesesntliche Charakteristika der täuferischen Theologie und Geschichte aufgreifen und deren Relevanz für die Gegenwart nachspüren. Federführend für dieses Projekt sind Mennoniten, Baptisten sowie die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland – in Verbindung mit täuferisch-mennonitschen Kirchen anderer v.a. deutschsprachiger) Länder.

“Gewagt! Mündig leben” bildet dabei das Motto für das Jahr 2020. Ein umfangreiches Themenheft ist bereits erschienen, das diesen Schwerpunkt von sehr unterschiedlichen Blickwinkeln aus beleuchtet.

Nähere Informationen zum Gesamtprojekt finden sich auf der Website des Vereins “500 Jahre Täuferbewegung 2025 e.V.” unter http://www.taeuferbewegung2025.de/. Dort sind alle Veranstaltungen aufgelistet, dort können auch Themenhefte bestellt werden.

Auch in der Schweiz wurde unlängst von diesem Anlass in den Medien Kenntnis genommen. Radio SRF2 berichtete kurz in zwei Sendegefässen über den Anlass: Am 10. Oktober in “Zwischenhalt” (von 01:30 bis 06:00 Laufzeit) und am 11. Oktober in “Blickpunkt Religion” (von 12:08 bis 13:10 Laufzeit).

 

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Mitgliederversammlung 2020 abgesagt / Assemblée générale 2020 annulée

Wegen steigenden Covid-19-Fallzahlen:

Die Mitgliederversammlung des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte vom 5. September 2020 in Welschenrohr ist abgesagt und auf 2021 verschoben!

(SVTG 28AUG2020)

 

Le nombre de nouveaux cas de Covid-19 augmente:

L’assemblée générale de la Société Suisse d’Histoire Mennonite du 5.septembre 2020 à Welschenrohr est annulée et reportée en 2021!

(SSHM 28AOUT2020)

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Hans Rudolf LAVATER (26.3.1946 – 9.7.2020)

Betroffen und sehr traurig müssen wir als Vorstand des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte zur Kenntnis nehmen und mitteilen, dass unser langjähriger geschätzter Vorstands-Kollege und Freund Hansruedi Lavater am 9. Juli 2020 nach längerer Krankheit verstorben ist.

Von seinen Operationen, die er im vergangenen Sommer und Herbst vornehmen lassen musste, hat er sich nur sehr langsam erholt. Und doch haben wir alle bis zuletzt gehofft, dass trotz Rückschlägen die Genesung nachhaltig sein werde. Zuversichtlich gestimmt hat uns, dass manche von uns mit ihm bis zuletzt in einem anregenden Austausch über Gott und die Welt – und nicht zuletzt über faszinierende täufergeschichtliche Forschungs- und Publikationsprojekte gestanden haben. Leider, leider hat es nun einen anderen Ausgang genommen.

Mit seiner Frau Marianne und der ganzen Familie trauern wir um Hansruedi, auch uns als SVTG-Vorstand schmerzt das Abschiednehmen-Müssen sehr. Wir sind dankbar für alles, was uns Hansruedi gewesen ist und was uns bleibend inspirieren wird – aber ihn nicht mehr unter uns zu wissen, gibt uns ein Gefühl der Leere und die entstandenen Lücken tun weh.

Viele von uns werden ihn auf unseren nächsten Wegstücken vermissen, nicht zuletzt in den zahlreichen täufergeschichtlichen Projekten, an denen er mit uns zusammen gearbeitet hat, und von denen viele nun wohl unvollendet bleiben werden.

An der Mitgliederversammlung 2018 in Zofingen

Eine ausführliche Würdigung von Hansruedi Lavaters Leben und Werk erfolgt in unserem Jahrbuch Mennonitica Helvetica 43 (2020).

Vgl. zu Hansruedi Lavaters zahlreichen Publikationen die Inhaltsverzeichnisse von MENNONITICA HELVETICA sowie die Angaben auf seiner eigenen Website.

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Die “Wiedertäuferhütte” auf dem Ober-Bölchen. Oder: Was COVID-19 und das Jungfraujoch mit Täufergeschichte zu tun haben

Blick von der Belchenfluh ins Baselbiet. Links unten sieht man Gutsbetrieb und Restaurant Ober-Bölchen, die frühere “Wiedertäufer-Hütte” oberhalb von Eptingen (Foto Eliane Kipfer).

Nach dem Covid-19-bedingten Ausbleiben asiatischer Touristen titeln Schweizer Medien: «Die Schweizer erobern das Jungfraujoch zurück!». Anstatt Japanisch, Chinesisch und Koreanisch erklinge dort neuerdings Schwytzertütsch und Romandie-Französisch. Aber auch Destinationen wie das Freilichtmuseum Ballenberg bei Brienz im Berner Oberland ist plötzlich wieder propevoll mit Thurgauern, Solothurnern und Wallisern und selbst das Restaurant Kemmeriboden-Bad unterhalb der Furgge im hintersten Emmental kann nicht allen Besuchern sofort einen der vielen Tische zuweisen und muss Besucherinnen und Besucher bisweilen warten lassen, bis wieder etwas frei geworden ist.

Die Furgge (Hohgant) von Schangnau aus gesehen. Der dank Katharina Zimmermanns gleichnamigem Täufer-Roman bekannte Berg hat sich allerdings noch nicht zum touristischen Renner entwickelt… (Foto HPJ)

In der Tat: Schweizerinnen und Schweizer entdecken nach dem Stornieren ihrer Auslandferien wieder einmal die Schönheiten des eigenen Landes.

Neben Reisen zu den bekannten touristischen Hotspots im eigenen Land bietet sich damit allerdings auch DIE Gelegenheit, um auch unbekanntere Schauplätze zu erkunden. Für die Täufergeschichte könnte das heissen: Exkursionen abseits der ausgetretenen Trampelpfade mennonitischer Pilgerinnen und Wallfahrer etwa in der Zürcher Altstadt oder zur Täuferhöhle bei Bäretswil (ZH), abseits von Schloss-Trachselwald-Besichtigungen im Emmental und abseits von Anabaptist History Tour-Expeditionen zum Pont des anabaptistes oder zum Geisskirchli im Berner Jura.

Exkursionen zum Beispiel ins Baselbiet, auf den Ober-Bölchen etwa, zur sogenannten «Wiedertäuferhütte», wie man diesen Sennhof früher nannte, und wo sich heute ein Gasthof befindet.

Hier, unweit des Nordportals des Belchentunnels der Autobahn A2, auf fast 900 Meter Höhe, befand sich in den 1720er Jahren eines der Zentren einer täuferisch-pietistischen Erweckung rund um den Laienprediger Hans Martin aus Pratteln.

Immer mehr Menschen begannen am Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert, an Lehre und Leben der be­stehen­den Konfessionen irre zu werden. Immer mehr drängten nach ei­nem Neuaufbruch und sehnten sich nach geistlicher Erweckung. Und tatsächlich: Mit dem Pietismus war seit einigen Jahren eine Bewegung entstanden, die aus den Engführungen der Orthodoxie herauszuführen versprach: Anstelle blosser “rechter Lehre” sollte nun auch “rechte Praxis” gepflegt werden. Überall im Land entstanden Bibellese- und Gebetskreise. Vertreter traditioneller Kirchlichkeit und Obrigkeiten sahen sich durch diese Aufbrüche oft bedroht und versuchten sie einzudämmen. Nicht alle Erneuerungswilligen liessen sich allerdings in vorgegebene Institutionen einbin­den oder in erbauliche Privatheit abdrängen.

Immer wieder kam es um 1700 zu Kontakten zwischen solchen „Pietisten“ und dem aus der Reformationszeit stammenden Täufertum. Auch dieses hatte – nach Jahrhunderten der blutigen Unterdrückung – da und dort an in­nerem Schwung verloren und stand – ähnlich wie die Grosskirchen – in der Gefahr der Erstarrung. Es scheint aber, dass das Täufertum seit den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts auch in der Schweiz auf Erneuerungswillige wieder eine wachsende Anziehungskraft ausübte. Bezeichnenderweise glaubten manche Zeitgenossen, dass wer ernsthaft und glaubwürdig Christ sein wolle, über kurz oder lang zum Täufertum treten müsse. Zwar war für manche der zu bezahlende Preis eines solchen Beitritts zu hoch – immerhin drohte dabei im Normalfall Gefangenschaft, Güterkonfiskation und Landesverweisung. Es lässt aber aufhorchen, dass mit Johann Jakob Wolleb von Tenniken im Baselbiet anno 1722 auch ein reformierter Pfarrer im Baselbiet ein Buch publiziert hat, worin er seine eigenen Kirchgenossen von einem Übertritt zum Täufertum abhalten will: Der Titel des Buches lautet «Gespräch zwischen einem Pietisten und einem Wiedertäuffer». Als erneuerungswilliger Landeskirchler befürchtete er die Abwanderung seiner engagiertesten Kirchenmitglieder, auf die er bei seinem Kampf gegen die Missstände im eigenen reformierten Lager so dringend angewiesen wäre! Sein Buch dürfte eine Antwort gewesen sein auf die durch Hans Martin mitgeprägte Aufbruchsbewegung im Raum Diegten-Eptingen-Oberbölchen!

Titelblatt des 1722 vom Tenniker Pfarrer Johann Jakob Wolleb publizierten Buch zur besseren Unterscheidung von Pietismus und Täufertum.

Den Behörden fehlt in diesem Umfeld von Täufertum und Pietismus oft noch das nötige Differenzierungsvermögen. Bei entsprechenden religiösen Normabweichungen wird auch in Basel weiterhin der berüchtigte „Wiedertäufer“-Artikel der Basler Kirchenordnung von 1595 zur Anwendung gebracht, Haft, Güterkonfiskation und Verbannung vorsieht.

Es fehlt hier der Platz, um die spannende und dramatische Geschichte des Hans Martin zu erzählen, die ihn und seine Familie fast ein Leben lang auf der Flucht vor obrigkeitlichen Nachstellungen durch die halbe Welt herumirren liess: Vom Baselbiet ins niederländische Friesland, vom Hackboden im Emmental via den Mont Soleil im Berner Jura bis nach North Carolina in Amerika…  (Vgl. dazu aber die ausführliche Darstellung in MENNONITICA HELVETICA 24/25 [2001/2002], ferner unseren Blog-Beitrag von April 2020)

Anregungen zu täufergeschichtlichen Ausflügen auch an unbekanntere Orte liefern übrigens u.a. der Exkursionsführer von Markus Rediger und Erwin Röthlisberger «Täuferführer der Schweiz» oder das Geschichten-Bändchen von Hanspeter Jecker «Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern» (Online unter: https://issuu.com/ebraun/docs/jeker).

Die vom Hotel Bienenberg im Juli 2020 organisierte Tour d’Histoire führte am Hof Grütsch bei Niederdorf vorbei (Foto Markus Rediger)

Vgl. zum Thema täufergeschichtlicher Exkursionen auch das interessante «Täuferspuren»-Projekt deutscher Mennoniten.

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Die Lörzbachmühle bei Schönenbuch – ein früher Zufluchtsort bernischer Täuferfamilien im elsässisch-baslerischen Grenzraum im 18. Jahrhundert

Der alte Mühlstein der Lörzbachmühle bei Schönenbuch (BL) [Foto Vera Klaunzer]

Kaum hatten die letzten einheimischen Täufer gegen Ende des 17. Jahrhunderts ihre Basler Heimat aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen verlassen, so setzte bald schon in denselben geographischen Raum eine neue Zuwanderung von Täuferfamilien ein. Meist waren es Personen aus dem Bernbiet, die dort keine Bleibe mehr hatten und auf der Suche nach einem neuen Aufenthaltsort allmählich auch die Regio Basiliensis in Erwägung zogen. Durch zunehmenden Einfluss von Pietismus und Aufklärung war hier die anti-täuferische Stimmung in Politik, Gesellschaft und Kirche ab 1750 allmählich abgeklungen.

Diese Immigration erfolgte allerdings in der Regel nicht direkt aus dem Bernbiet, sondern in den meisten Fällen via erste Zufluchtsorte anderswo. So war es auch bei den wohl ersten täuferischen Ankömmlingen mit bernischen Wurzeln, der aus Frutigen stammenden Familie des Peter Rychen und der Margreth Zurbrügg. Kurz nach 1703 hatten sie das Berner Oberland verlassen und waren nach Aufenthalten im Raum Montbéliard gegen 1725 nach Blotzheim bei Basel gekommen.[1] Ab 1739 bewirtschaftete die Familie die zum sundgauischen Hagenthal-le-Bas gehörende Mühle von Schönenbuch unweit der Schweizer Grenze – die sogenannte Lörzbachmühle (heute zur Gemeinde Allschwil gehörig).[2]

Die Angehörigen der nächsten Generation dieser täuferischen Rychen (bzw. später auch Rich) wohnten und arbeiteten später auf Gütern im Sundgau unweit von Basel, teils auch auf der damals baslerischen Enklave in Michelfelden bei Hüningen. Zahlreiche Nachkommen dieser täuferischen Migranten aus dem Berner Oberland leben noch heute in der Regio Basiliensis – einige immer noch als Mitglieder täuferisch-mennonitischer Kirchgemeinden (Basel-Holee bzw. Muttenz-Schänzli).   Zu den ersten Versammlungshäusern dieser beiden Gemeinden vgl. unsern Blog-Beitrag.

Wohnhaus der Lörzbachmühle [Foto Vera Klaunzer]

 

[1] Peter Rychen und Katharina Zurbrück verheirateten sich am 1. Oktober 1696 (Staatsarchiv Bern, KB Frutigen 5, 59) und liessen noch vor ihrem Wegzug folgende Kinder in Frutigen taufen: Peter am 24. April 1698 (KB Frutigen 5, 418), Elsbeth am 25. Februar 1700 (KB Frutigen 6, 2), Susanna am 18. Dezember 1701 (KB Frutigen 6, 12) und Daniel am 25. März 1703 (KB Frutigen 6, 21). Zum Umzug und Aufenthalt der Rychen in Blotzheim vgl. Archives Départementales Bas-Rhin (ABR), C 338.

[2] Archives Départementales Haut-Rhin (AHR), 4 E Huningue 41. Zur Lörzbachmühle vgl. den «Dictionnaire géographique et statistique de la Suisse» Bd. 1, Lausanne 1836, p. 29. Im April 1745 stirbt Vater Peter Rychen bei Hagenthal-le-Bas – wohl auf der Lörzbachmühle, AHR 4 Huninge 12.

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