Kontroverse „Schweizer Brüder“

Ende März fand auf dem Bienenberg bei Liestal ein gut besuchtes internationales Symposium zum Thema «Erneuerungsbewegungen und Täufertum» statt. Die Referate dieser Tagung sollen im nächsten  Jahrbuch MENNONITICA HELVETICA 42 (2019) publiziert werden. Als Erscheinungstermin ist Dezember 2019 geplant.

Im Anschluss an das Symposium trafen sich einige Spezialisten der frühneuzeitlichen Täuferforschung zu einer ganztägigen Diskussionsrunde zum Thema «Schweizer Brüder» ebenfalls am Bildungszentrum Bienenberg. Dem Begriff, nicht aber der Sache angemessen, blieb es leider bei einer Männer-Runde…


Die Teilnehmenden der Diskussionsrunde (v.l.n.r.): John D. Roth (Goshen College University, USA), David Y. Neufeld (University of Arizona, Tucson USA), Hanspeter Jecker (Bienenberg / Liestal, Schweiz), Martin Rothkegel (Theologische Hochschule Elstal, BRD), Christian Scheidegger (Zentralbibliothek Zürich, Schweiz), Joe A. Springer (Mennonite Historical Library, Goshen USA), Karl Koop (Canadian Mennonite University, Winnipeg Kanada), C. Arnold Snyder (Conrad Grebel University, Waterloo Kanada)

Ausgangspunkt der Debatte war der kontroverse Beitrag von Martin Rothkegel in der online-Version des Mennonitischen Lexikon über die «Schweizer Brüder». Darin bezeichnete er diese «als eine von der Pfalz ausgehende Sammlungsbewegung», die ab 1540 «täuferische Restgruppen in Süddeutschland, im Elsass, der Schweiz, den Rheinlanden, Hessen und Mähren» integrierte. Diese «Schweizer Brüder» seien – so Rothkegel – weder geographisch noch theologisch so eng und so direkt mit den Anfängen des Täufertums in Zürich um 1525 und dessen anschliessender Ausbreitung in benachbarten Regionen verbunden, wie das die bisherige Forschung bisher weitgehend angenommen hatte. Dieses «Konstrukt einer kontinuierlichen konfessionellen Identität mit einem klar umrissenen, pazifistischen und ‘evangelischen’ theologischen Profil von der Frühzeit der Reformation bis zur Gegenwart» sei zurückzuweisen: Es entspreche mehr dem Wunschdenken von «nordamerikanischen „Schweizer“ Mennoniten» als der historischen Realität.

Dieser Ansicht trat in der Vergangenheit vor allem der kanadische Historiker und emeritierte Täufergeschichts-Professor Arnold Snyder entgegen, der Rothkegels Ideen mit umfangreichen Quellenhinweisen zu widerlegen suchte. Bereits zuvor hatte Snyder seinen Einspruch angemeldet mit seinem Beitrag «In Search of the Swiss Brethren“ in der Zeitschrift MENNONITE QUARTERLY REVIEW 90 (2016), 421-515 oder in seiner jüngsten Publikation «Later Writings of the Swiss Anabaptists 1529-1592″ von 2018 (Foto):

Um die zunehmend kontrovers diskutierten Überzeugungen über blosse literarische Debatten hinauszuführen, moderierte John D. Roth eine ganztägige Diskussionsrunde, wo neben der Vorstellung der unterschiedlichen Positionen und einer Diskussion von deren Stärken und Schwächen sich auch dann und wann Gelegenheiten zur Vermittlung und zum Brückenbau boten.

Zum Abschluss der Tagung wurde seitens der Teilnehmenden zwar keine Erklärung zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden formuliert – zu weit lagen die Meinungen noch auseinander. Der erstmalige Austausch um einen runden Tisch von Angesicht zu Angesicht erwies sich aber gleichwohl als hilfreich. Und nach den teils sehr engagiert und kontrovers geführten Debatten bezeugt das abschliessende Gruppenbild aller Teilnehmenden (s.o.) immerhin die gute Stimmung nach Gesprächsabschluss durchaus zutreffend. Sicher ist aber auch, dass das letzte Wort in dieser Sache noch lange nicht gesprochen ist! Affaire à suivre!

Vgl. zur Thematik auch den Beitrag von David Y. Neufeld hier!

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MENNONITICA HELVETICA 41 (2018) SOEBEN ERSCHIENEN



INHALTSVERZEICHNIS /TABLE DES MATIÈRES
Hanspeter Jecker : Zum Geleit / Éditorial
3 –6

ABHANDLUNGEN / ÉTUDES
Pierre Bühler : « Es steht geschrieben / Les fous de Dieu » (1947).
Le jeune Dürrenmatt se confronte aux anabaptistes de Münster
7 – 26
Dorothea Loosli-Amstutz : Stationenweg zur Geschichte der Täufer in Bern
27 – 34
Hanspeter Jecker : Die Schweizer Anfänge von «Pionier-Siedler» Hans Herr
in Pennsylvania. Von Mythen, Legenden und neuen Einsichten
35 – 58
Hans Rudolf Lavater-Briner : «… ob sie vielleicht eine Insel fänden, wo die Bruderschaft hingehen könnte». Die abenteuerlichen Erkundungsreisen des Hutterers Johannes Sermond 1596–1608
59 – 112


QUELLEN / SOURCES
Hanspeter Jecker : «Diese Christen halten Wehrhaftigkeit in jeder Form als
unhaltbar». Ein Bericht von 1829 über die Täufer im Jura
113 – 119


MISZELLEN / MÉLANGES
Henri Spychiger : «Le Cheval des Teufets»
120 – 126
Markus Jost : Sabbat, Bibel und Spinoza – Zur Beziehung zwischen Täufern
und Juden
127 – 137
Hanspeter Jecker : «Alte Handschrift – neu entdeckt. «Kurze Betrachtung»
des Emmentaler Ältesten Ulrich Steiner (1806–1877)
139 – 142
Hanspeter Jecker : Die Anfänge der «Neutäufer» im Raum
Hirzel-Horgen-Wädenswil (1834ff.)
143 – 146


KURZGESCHICHTEN ZUM REFORMATIONS-JUBILÄUM
Die Perspektive des Zürcher Täufertums
Beiträge von Urs B. Leu / C. Arnold Snyder / Hanspeter Jecker / David Y. Neufeld /
Daniel Gut / Frieder Boller / John Landis Ruth
147 – 163


HINWEIS / INFORMATION
L’Arc jurassien: Terre d’asyle des anabaptistes – un défi pour pionniers
Der Jurabogen: Asylland der Täufer – Eine Herausforderung für Pioniere
164 – 166

BUCHANZEIGEN / LIVRES PARUS
167 – 173

VEREIN / SOCIÉTÉ
Jahresbericht 2017/18 / Rapport annuel
174 – 176

Vorstandsmitglieder / Comité 2018
177

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Die Schweizer Anfänge von «Pionier-Siedler» Hans Herr in Pennsylvania. Von Mythen, Legenden und neuen Einsichten

Hans Herr (1895). Gemälde von Leon von Ossko (1855-1906), nach einer Vorlage von John Funck (1755-1831). (Original im Besitz der Lancaster Mennonite Historical Society, Foto: Joel Nofziger).

Hans Herr gilt als eine der bekanntesten und prägendsten Figuren der frühen Einwanderung und Ansiedlung schweizerischer Täufer in Nordamerika. Gleichzeitig ist aber auch bekannt, dass es zu seiner Biographie bis heute zahlreiche offene Fragen gibt.

In der nächsten Ausgabe unseres Jahrbuches MENNONITICA HELVETICA wird ein längerer Artikel anhand neu entdeckter Quellen in schweizerischen (und niederländischen) Archiven einige der bisher offenen Fragen klären, was Alter, Herkunft, verwandtschaftliche Verhältnisse und innertäuferisches Beziehungsnetz der wichtigsten Protagonisten der Herr-Familie angeht. Der Fokus liegt dabei auf der  Zeit vor ihrer Flucht in den Kraichgau (1671/1672) und der späteren Auswanderung nach Pennsylvania.

Die Publikation ist geplant für Anfang April 2019. Eine spätere Übersetzung ins Englische ist vorgesehen.

Das «Hans Herr House» in Willow Street (Pennsylvania), das aber nicht vom Vater Hans, sondern 1719 vom Sohn Christian Herr erstellt worden ist (Foto HPJ).

ENGLISH TRANSLATION

The Swiss beginnings of „pioneer settler“ Hans Herr in Pennsylvania.

About myths, legends and new insights

Hans Herr is regarded as one of the most famous and influential figures of the early Immigration and settlement of Swiss Anabaptists in North America. At the same time, however, it is also clear that there are still numerous unanswered questions about his biography. In the next edition of our yearbook MENNONITICA HELVETICA, a longer article will clarify some of the open questions about age, origin, kinship and the Anabaptist network of the most important protagonists of the Herr family. This will happen on the basis of newly discovered sources in Swiss (and Dutch) archives. The focus lies on the time before the Herrs flight to the Kraichgau (1671/1672) and their later emigration to Pennsylvania. The publication is planned for the end of March / beginning of April. A later translation into English is planned.

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SOLA SCRIPTURA ZWISCHEN FUNDAMENTALISMUS UND BELIEBIGKEIT

ANMERKUNGEN ZUM NEUEN ZWINGLI-FILM

Zum Jahrestag der ersten Erwachsenentaufen in Zürich am 21. Januar 1525

Chorherr Konrad Hofmann (Andrea Zogg): «Solch ein Stumpfsinn! Wollt Ihr jetzt mit dem hinterletzten Bauern über die Bibel disputieren?» (alle Fotos, wo nicht anders vermerkt: © C-Films AG)

In einem alten Strassburger Druck von 1530 – der «Chronica der Altenn Christlichen Kirchen» von Caspar Hedio – hat ein offensichtlich katholischer Besitzer und wohl noch ein Zeitgenosse von Luther und Zwingli quer durch das ganze Buch von eigener Hand Randkommentare angebracht. Darin kommt zum Ausdruck, wie er sich entsetzt und empört über das, was die Reformation ins Rollen gebracht hat.

Das Buch enthält unter anderem die Schilderung des griechischen Kirchenhistorikers Sozomenus ( gest. um 450) , wie Kaiser Valentinian (321-375) sich nicht in kirchlich-theologische Fragen einmischen wollte, da dies für ihn als Laie ausserhalb seiner Kompetenz und Befugnis liege: Solches sei Sache der Bischöfe und Priester.

Katholische Reformationskritik in Randglossen (Foto HPJ)

Lobend, und dann auch tadelnd vermerkt dazu der anonyme Randglossenschreiber: «Keiser will sich in geistlichen Sachen nit inmischen. Nota: Aber iezsunder will solches ein ieder Zeinenflicker anrüoren.»

Genau diese traditionell «altgläubige» Position kommt auch im neuen Zwingli-Film gut zum Ausdruck – auch wenn es schade ist, dass sie fast nur von unsympathisch gezeichneten Figuren artikuliert wird. Sowohl der umtriebige konservative Chorherr Konrad Hofmann (1454-1525) als auch der bischöfliche Generalvikar Johannes Faber (1478-1541) kritisieren, dass Zwingli die gesamte Zürcher Bevölkerung zum Lesen und Verstehen der Bibel animiert und dass der Zürcher Rat sich anmasst, in kirchlich-theologischen Fragen mitzureden und Entscheide zu fällen.

Dagegen wendet sich Zwingli an der Disputation von 1523 im Film mit den folgenden Worten an den Rat: «Meine Predigten sorgen für Unruhe. Ich bin bereit, alles zu hinterfragen. Auch mich selber. Messt meine Worte an der Heiligen Schrift – und nur an der Heiligen Schrift.»

Ulrich Zwingli (Max Simonischek) an der Ersten Zürcher Disputation 1523

Aufgrund biblischer Texte hat Zwingli in der Folge traditionelle katholische Lehren und Praktiken wie Fegefeuer, Ablasswesen, Heiligenverehrung, Zölibat oder Messe kritisiert und mit Hilfe der politischen Obrigkeit abgeschafft. Aufgrund biblischer Texte hat er aber auch soziale Not und Ungerechtigkeit angeprangert und neue innovative Mittel und Wege gefunden, um viele Misstände zu beheben. Und ebenfalls aufgrund biblischer Texte hat er seinen Predigtbesuchern einen Gott vorgestellt, der ihnen wohlwollend zugewandt ist, einen Gott, der vor allem anderen barmherzig und gnädig ist und auch dort liebt und Hoffnung spendet, wo Menschen scheitern und schuldig geworden sind.

Diese Botschaft sprach viele Frauen und Männer in Zürich an. Sie wollten selber die Bibel lesen, sie wollten selber verstehen, sie wollten sich selber eine Meinung bilden, und sie wollten selber mitdiskutieren und mitentscheiden, wenn es um die künftige Gestaltung von Kirche und Gesellschaft geht.

Dafür haben die altgläubigen Gegenspieler Zwinglis in Zürich nur Spott und Hohn übrig. Als Zwingli mit seinen Gefährten an der Bibelübersetzung für das Volk arbeitet, schleudert ihnen der Chorherr Konrad Hofmann entgegen: «Solch ein Stumpfsinn! Wollt Ihr jetzt mit dem hinterletzten Bauern über die Bibel disputieren?»

Noch sind sie einträchtig beisammen beim Übersetzen der Bibel: Zwingli und die späteren Täufer Grebel und Mantz

Es bleibt eine Tragik der Zürcher Reformation, dass die Weggemeinschaft derer, die sich vorerst begeistert und motiviert miteinander aufmachten, um zusammen die Bibel zu lesen und aufgrund des Gelesenen sowohl das eigene Leben als auch Kirche und Gesellschaft zum Besseren umzugestalten – dass diese Weggemeinschaft schon bald zerbrach. Aus den engagiertesten Mitarbeitenden Zwinglis wurden bald die von ihm und dem Rat als Ketzer, Rebellen und pharisäische Fanatiker gebrandmarkten Täuferinnen und Täufer. Schon Ende 1524 schrieb der Kreis um die späteren Täufer Konrad Grebel und Felix Mantz im Hinblick auf die Bibel: «Nachdem aber auch wir die Schrift zur Hand genommen und auf alle möglichen Punkte hin untersucht haben, sind wir eines Besseren belehrt worden.» Am 21. Januar 1525 war mit der ersten Erwachsenentaufe der Bruch mit Zwingli vollzogen, zwei Jahre später wurde Felix Mantz in der Limmat ertränkt…

Und dass Zwingli diese Hinrichtung „zunächst vergeblich zu verhindern versucht und schliesslich als Beschluss der Obrigkeit akzeptiert“ habe, wie Peter Opitz (hist. Berater für den Film) in der WELTWOCHE schreibt, so ist das schwer nachvollziehbar. Wenn Zwingli noch ein paar Tage vor dieser Hinrichtung schreiben kann „Die Wiedertäufer, die endlich einmal den Geiern vorgeworfen werden sollten, stören bei uns den Frieden der Frommen. Aber ich glaube, dass die Axt dem Baum an die Wurzel gelegt ist.“ (ZSW IX, 8) , dann klingt das für mich nicht danach, dass da einer gross leidet und schweren Herzens den Beschluss der Obrigkeit akzeptiert…

Der Täufer Felix Mantz (Michael Finger) wird hingerichtet

Einig waren sich Zwingli und die Täufer darin, dass die Bibel Zeugnis ablegt von einem Gott, der die Menschen liebt und sie zu einem Leben einlädt, das sich von dieser Liebe umgestalten und prägen lässt, sie für andere sichtbar macht und sich für Friede und Gerechtigkeit in der Welt einsetzt. Wie und von wem die Bibel allerdings auszulegen sei, wie radikal und wie rasch das Erkannte umgesetzt werden sollte, wer diese Umsetzungen beschliessen und initiieren sollte, und wie mit unterwegs auftauchenden Meinungsunterschieden umzugehen sei – an der Uneinigkeit darüber zerbrach letztlich die Reformation, nicht nur in Zürich. Und von den Appellen des Humanisten Erasmus, der die Reformation massgeblich mitinitiiert hatte, und von dessen Ermahnungen zu Toleranz und Gewissensfreiheit, war ohnehin hüben wie drüben leider kaum noch etwas zu spüren…

Was den Stellenwert der Bibel in der Schweiz – zumal in reformierten Gegenden – in den folgenden Jahrhunderten angeht, so ist immerhin eines bemerkenswert: Die Bibel wurde dank der weitgehend engen Allianz von kirchlichen und politischen Obrigkeiten bald zu einem Buch, dessen Auslegung von den Regierungen in protestantischen Territorien oft auch dazu instrumentalisiert worden ist, um sich die Untertanen gefügig zu halten. Wer sich an die obrigkeitskonforme Interpretation der Schrift hielt, der gehorchte. Und wer mal auf die schiefe Bahn geriet und im Gefängnis landete, der fand dort bis in die jüngste Zeit in seiner Zelle immerhin das vor, was ihn wieder auf den guten Weg zurückführen sollte: Eine Bibel.

Damit war ein langer Weg zurückgelegt: Aus der Bibel, deren kirchlich-theologischer und sozial-politischer Zündstoff die Mächtigen am Anfang der Tätigkeit Zwinglis irritiert hatte, war ein domestiziertes Instrument zum bürgerlichen Wohlverhalten und zur Erhaltung des Status Quo geworden. Man hatte verdrängt und vergessen, dass die biblische Botschaft durchaus auch fundamentale Kritik an den Ist-Zuständen selbst im sogenannt «christlichen Abendland» auslösen konnte, ja bisweilen musste (bzw. gemusst hätte…).

Titelblatt der Zürcher Froschauer-Bibel von 1536 – aus dem Bestand der täuferischen Friedersmatt-Gemeinde (Bowil), deren Mitglieder bis ins 18. Jhrt. zu Dutzenden von der Berner Obrigkeit inhaftiert, enteignet und ausgeschafft wurden (Archiv des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte, Bienenberg/Liestal, Foto HPJ).

Szenenwechsel. Schweiz 1970er Jahre. Inspiriert u.a. auch vom täuferischen Pazifismus verweigerte ich den Militärdienst und wurde zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt. Im Basler Untersuchungs-Gefängnis Lohnhof wurde es mir nicht erlaubt, Studienliteratur mit in die Zelle zu nehmen. Das einzige Buch, das ich lesen durfte, war die Bibel. Als ich dem Gefängnisaufseher mein Erstaunen ausdrückte, dass just DAS Buch, das mich mit ins Gefängnis gebracht hatte, hier von Staates wegen anstandslos erlaubt sei, reagierte er unwirsch und verärgert und hiess mich schweigen…

Ich betrat meine Zelle. Ich musste an den Täufer Hans Seckler aus Lausen bei Liestal denken. Dieser hatte kurz nach der Ertränkung von Mantz in Zürich, und unmittelbar vor seiner eigenen Hinrichtung in Bern im Hinblick auf das, was er aus der Bibel zu Gewalt und Krieg gelernt hatte, folgendes gesagt: «Was werend wir für Christen, wan wir ess rechen wetten an die, so uns ferfolgen. Wir haben Christus nit also glernet, das wir solen Argss und Bessess dun denen, so uns Leytz duont, sunder wir sellen in Guotz duon. Dass wend wir ouch tun, diewil wir leben.»

Lange gelebt hat Seckler dann effektiv nicht mehr. Aber sein Zeugnis hat seine Kraft bis heute behalten, über alle Grenzen der Religionen und Konfessionen hinaus… Und es bleibt dabei: Auf die Spur gebracht wurden diese frühen Schweizer Täufer massgeblich durch Zwingli und sein wissenschaftlich reflektiertes und mutiges Eintreten für das Ernstnehmen der biblischen Aussagen. Und das Beispiel (nicht aller, aber) mancher pazifistischer Täuferinnen und Täufer bleibt ein Beleg dafür, dass dieses Ernstnehmen von «Heiligen Schriften» weder notwendigerweise zu menschenverachtendem Fundamentalismus und naiver Buchstabengläubigkeit, noch zu alles relativierend-indifferenter Beliebigkeit führen muss. Auch wenn ein in manchen Medien mittlerweile hip daherkommendes Pauschal-Bashing gegen «frommes Bibellesen» uns dies bisweilen glauben machen möchte…

So oder so: Wer an Reformation und Täufertum und deren möglicher Relevanz für die Gegenwart interessiert ist, darf sich diesen Film eigentlich nicht entgehen lassen! (Und auch unser täufergeschichtliches Symposium nicht: https://mennonitica.ch/2877-2/)

Hanspeter Jecker

Vgl. zum Zwingli-Film auch den Blog-Beitrag https://de.bienenberg.ch/blog/zwinglifilm

 

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Zwingli und die Täufer auf Grossleinwand

VON REFORMATIONSJUBILÄEN, GEDENKTAFELN UND EMPÖRTEN STADTVÄTERN

Es war Anfang Juli 1952. Alles war bereit in Zürich für den Besuch der Delegierten der Mennonitischen Weltkonferenz, die in Basel tagte. Der reformierte Zürcher Theologieprofessor Fritz Blanke – dieser «Querdenker mit Herz» (Christoph Möhl in seiner Blanke-Biographie von 2011) – hatte alles aufgegleist für die feierliche Einweihung zweier Gedenktafeln in Zürich, um an die schwierige Geschichte der Täufer in Zürich zu erinnern.

Und da geschah es. Der Zürcher Stadtrat legte in allerletzter Minute sein Veto ein und nahm frühere Zusagen zurück. Offenbar hatte er erst jetzt den genauen Wortlaut der einen Gedenktafel sorgfältig studiert, die an der Limmat platziert werden sollte im Gedenken an den anno 1527 hier ertränkten Täufer Felix Mantz. Und dabei kam der Stadtrat zum Schluss, dass die Inschrift auf inakzeptable Weise den guten Ruf und das Ansehen Ulrich Zwinglis beschmutze. (Eine Gedenktafel kam dann erst 2004 an die Schipfe an der Limmat [Foto unten], vgl. dazu Näheres bei Michael Baumann, Gemeinsames Erbe, Zürich 2007)

67 Jahre später kommt nun ein Film über Zwingli in die Kinos (ab 17.1.2019), der nicht verschweigt, dass der Reformator der Limmatstadt durchaus eine gewisse Mitverantwortung an der Hinrichtung von Mantz trägt. Mehr noch: In der Figur von Zwinglis Frau Anna Reinhart lassen Film-Regie und Drehbuch auf überraschende Weise just diejenige Person zu einer Fürsprecherin für die Täufer werden, die dem Reformator vielleicht am nächsten steht.

Anna Reinhart und Zwingli (Foto: C-Films AG)

Historisch belegen lässt sich diese Position der Anna Reinhart zwar nicht. Aber weil wir über sie aus den Akten fast nichts Genaues wissen, ist es immerhin denkbar, dass sie so gedacht und gehandelt haben könnte. Dieser kleine Kunstgriff eröffnet dem Film einige interessante Perspektiven: An Zwingli können Fragen gestellt werden, die vielleicht so nie gestellt worden sind, oder nur von ganz anderen Personen. Auf jeden Fall tragen sie dazu bei, Zwingli doch noch wesentlich kritischer zu befragen, als sich der Zürcher Stadtrat dies 1952 wohl hätte träumen lassen…

Einzig bei den Texteinblendungen am Schluss des Films unmittelbar vor dem Abspann zum Film mit den m.E. irreführenden Aussagen zur angeblich so „friedlichen“ Fortsetzung der Reformation irrlichtet mir der Geist jener heroisierend-beschönigenden Stadtrats-Mentalität von 1952 wieder befremdlich stark auf. Aber ich will das eigentlich nicht als die Schlussbotschaft des Films verstehen…

So oder so: Wer an Täufergeschichte und deren möglicher Relevanz für die Gegenwart interessiert ist, darf sich diesen Film eigentlich nicht entgehen lassen!

Ausführlichere Anmerkungen zum Film siehe unter https://de.bienenberg.ch/blog/zwinglifilm  sowie https://mennonitica.ch/sola-scriptura-zwischen-fundamentalismus-und-beliebigkeit/ sowie https://mennonitica.ch/sola-scriptura-zwischen-fundamentalismus-und-beliebigkeit/

Hanspeter Jecker

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INTERNATIONALES KOLLOQUIUM 

ERNEUERUNGSBEWEGUNGEN UND

TÄUFERGESCHICHTE

REFORMATIONSJUBILÄEN – RENEWAL – RIGHT REMEMBERING

27. – 29. MÄRZ 2019, BILDUNGSZENTRUM BIENENBERG

THEMA DER TAGUNG
In Kirche und Gesellschaft ist die Frage, wie Transformationsprozesse gelingen können, eine zentrale Herausforderung. Im Kontext der aktuellen Reformationsjubiläen spielt das Thema «Erneuerung» darum eine Schlüsselrolle. Dass auch die Mennonitische Weltkonferenz das bevorstehende 500-Jahr-Jubiläum ihrer eigenen Anfänge in der Täuferbewegung unter das Motto «Renewal» stellt, ist bezeichnend. Und dass die Frage, wie «Richtiges Erinnern» (right remembering) an solche Erneuerungsprozesse aussehen könnte, mittlerweile zu einer Kernfrage in Kirchen-Dialogen geworden ist, bietet für uns als Bildungszentrum Bienenberg Grund genug, um an einem Kolloquium über diese Themen im Umfeld täuferisch-mennonitischer Ge-schichte und Theologie nachzudenken.

Quer durch die Jahrhunderte gab es in der Kirchengeschichte solche Erneuerungsanstösse. Im Reformationszeitalter des 16. Jahrhunderts war die Täufer-Bewegung selbst ein solcher Aufbruch. Es gab diese Erneuerungsanstösse aber auch in Pietismus und Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, in den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts, in den pfingstlich-charismatischen Aufbrüchen oder im Religiösen Sozialismus des 20. Jahrhunderts. Und fast immer haben diese Aufbrüche auch täuferische Kirchen und Gruppen tangiert, bisweilen auch durchgeschüttelt.

Manche Erneuerungsanstösse versandeten, andere wurden umgesetzt, einige rascher und umfassend, andere langsamer und nur teilweise oder gar nicht. Diese Umsetzungen wurden von manchen begeistert begrüsst, von anderen vehement bekämpft. Einige sahen und sehen in ihnen hoffnungsvolle geistliche Neuaufbrüche, andere verhängnisvolle Irrwege und schmerzhafte Kirchentrennungen. Manche dieser Erneuerungsprozesse waren oder blieben innerkirchlich, andere hatten gesamtgesellschaftliche Ausstrahlung.

Wir sind überzeugt, dass eine bessere Kenntnis der Dynamik von Erneuerungsimpulsen, Erneuerungsprozessen und Erneuerungsbewegungen, wichtige Einsichten zu liefern vermag für das Ringen in der Gegenwart um gelingende Transformationsprozesse, um optimale Mischungen von Kontinuität und Wandel und von Einheit und Vielfalt, um einen guten Umgang von Mehrheiten und Minderheiten in Kirche und Gesellschaft.


Flyer (PDF)

PROGRAMM

MITTWOCH, 27. MÄRZ 2019

14.00   Tagungseröffnung (Lukas Amstutz/ HanspeterJecker/ Denis Kennel)

Thema I: Täufertum und Reformation im 16. Jahrhundert
14.20   Hans Rudolf LAVATER (CH) : Die Krise von Kappel 1531/32 und die bernischen Täufer

15.10   C. Arnold SNYDER (CAN) : An Anabaptist vision for church reform in late 16th century Switzerland

16.45   Frank MULLER (F) : De nouvelles images de propagande: l’apport des dissidents à Strasbourg et ses prolongements dans les Anciens Pays-Bas (1526 – vers 1550)

Öffentlicher Abendvortrag

20.00   John D. ROTH (USA) : MWC’s «Renewal 2027» . . . and the Challenge of Analytical Clarity in Understanding “Renewal” within the Anabaptist-Mennonite Tradition

DONNERSTAG, 28. MÄRZ 2019

08.50   Johannes REIMER (BRD) : Litauische Brüder – Täufer in Weissrussland zur Zeit der Reformation

Thema II: Täufertum im Zeitalter von Pietismus und Aufklärung

10.10   Karl KOOP (CAN) : An Appeal for Toleration in an Age of Conflict. Peter Pietersz’s ‹Way to the City of Peace›

11.00   Astrid VON SCHLACHTA (BRD) : «Bleiben hangen in der Todesfurcht». Erweckliches Predigen als «Ausweg» oder «Ärgernis»

Thema III: Täufertum und Erweckungsbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

14.30   Alfred NEUFELD (PAR) :  Erweckung oder Kirchenspaltung? Die Entstehung der Mennoniten-Brüdergemeinde 1860

15.20   Johannes DYCK (BRD) : Erneuerung unter Totalitarismus: Fallstudie zum mennonitischen Neuanfang in der Sowjetunion seit dem II. Weltkrieg

17.00   Yennamalla JOYAKER (IND) : Mennonite Brethren Mission in India Then and Now: The Need For Ongoing Renewal

Öffentlicher Abendvortrag

20.00   Hanspeter JECKER (CH): Die Entstehung der Amischen (1693ff.) – Chronologie und Hintergründe des Zerbruchs eines kirchlichen Transformationsprozesses

FREITAG, 29. MÄRZ 2019

Thema IV: Übergreifende Fallstudien

08.50   Markus JOST (CH) : Die Rolle der Bibel bei Erneuerungsbewegungen in der Täufergeschichte

10.10   Knut V.M. WORMSTÄDT (BRD) : «Recht erinnert» Reformation. Gemeinsame Geschichtserzählungen als Ermöglichungs-Raum für eine Kirchengeschichte unter dem «Right Remembering»-Paradigma

11.00   Neal BLOUGH (F) : Le cheminement vers l’œcuménisme: une contribution au renouveau de l’identité mennonite?

11.50   Zum Abschluss : Bilanz und Ausblick (Lukas Amstutz/ HanspeterJecker/ Denis Kennel)

TAGUNGSORT & KONTAKT

Bildungszentrum Bienenberg
Bienenbergstrasse 85a, 4410 Liestal (Schweiz)
+41 61 906 78 11

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GALERIE: Mitgliederversammlung / Assemblée générale 2018


Fotos: UK (Ulrich Kipfer) / MBL (Marianne Briner Lavater)

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Mitgliederversammlung / Assemblée générale 2018


SCHWEIZERISCHER VEREIN FÜR TÄUFERGESCHICHTE
SOCIÉTÉ SUISSE D’HISTOIRE MENNONITE

Mitgliederversammlung
Samstag, 8. September 2018 um 9.30 Uhr
Reformiertes Kirchgemeindehaus 4800 Zofingen
Hintere Hauptgasse 19

Die diesjährige Mitgliederversammlung führt uns nach Zofingen. Das schmucke Städtchen und sein hügeliges Umland waren im 16. und 17. Jahrhundert Schauplatz etlicher täufergeschichtlich bedeutsamer Ereignisse. Etwa das Zofinger Täufergespräch von 1532. Fast gleich weit entfernt von den drei einflussreichen reformierten Städten Zürich, Bern und Basel, formierte sich in dieser grenznahen Region im ehemals bernischen Aargau ein täuferischer Kreis, der gleicherweise flüchtigen Glaubensgeschwistern Unterschlupf zu bieten als auch eigenständige Impulse zu setzen vermochte. Unser Besuch in Zofingen wird faszinierende Einblicke in ein nur wenig bekanntes Kapitel schweizerischer Täufer-, Kirchen- und Kulturgeschichte eröffnen. Wir freuen uns sehr, viele von Ihnen in Zofingen begrüssen zu können.

Programm
09:30 Ankunft und Begrüssungskaffee
10:00 – 11.00 Mitgliederversammlung
11:15 – 12:15 Referate
Anlass, Verlauf, Bedeutung des Zofinger Gesprächs 1532 (Hans Rudolf Lavater)
Kurzer Überblick zum späteren Zofinger Täufertum (Hanspeter Jecker)
12:30 – 14.00 Mittagessen im Restaurant «Le Cheval Blanc»

14.15 – 15.15 Besuch und Führung in der Stadtbibliothek
15.30 – 16.30 Stadtführung

Anmeldungen bitte bis 1. September 2018 bei: Eliane Kipfer, Hühnerbach 178,
3550 Langnau / Tel. +41 79 740 79 42, E-Mail: eliane.kipfer@mennonitica.ch.

Einladung (PDF)

Invitation à l’assemblée générale
Samedi, 8 septembre 2018 à 9h30
Centre paroissial réformé à 4800 Zofingen
Hintere Hauptgasse 19

L’assemblée générale de cette année se déroulera à Zofingue. La jolie petite ville et ses environs vallonnés ont été le théâtre de plusieurs événements importants dans l’histoire anabaptiste aux XVIe et XVIIe siècles. Un exemple : les entretiens anabaptistes de Zofingue de 1532. Située presque à égale distance des trois villes réformées influentes de Zurich, Berne et Bâle, cette région frontière de l’ancienne Argovie bernoise a vu se former un cercle anabaptiste qui a pu offrir un refuge à des frères de foi tout aussi éphémères et donner des impulsions indépendantes. Notre visite à Zofingue nous donnera un aperçu fascinant d’un chapitre peu connu de l’histoire anabaptiste suisse, de l’Eglise et de l’histoire culturelle. Nous nous réjouissons beaucoup de pouvoir vous accueillir nombreux dans cette cité argovienne.

Programme

09:30 Arrivée, accueil et café
10:00 – 11.00 Assemblée générale
11:00 – 12:15 Exposés
Cause, déroulement et signification des entretiens de Zofingue de 1532 (Hans Rudolf Lavater)
Bref aperçu de l’anabaptisme ultérieur de Zofingue (Hanspeter Jecker)
12:30 – 14.00 Repas de midi au restaurant Cheval Blanc
14.15 – 15.15 Visite guidée de la bibliothèque

 Prière de vous inscrire jusqu‘au 1er september 2018 auprès de: Eliane Kipfer, Hühnerbach 178, 3550 Langnau / Tel. +41 79 740 79 42 E-mail: eliane.kipfer@mennonitica.ch.

Invitation (PDF)

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MENNONITICA HELVETICA 40 (2017)


INHALTSVERZEICHNIS


Hanspeter Jecker: Zum Geleit 
(3-7)

ABHANDLUNGEN

Hans Rudolf Lavater: Joseph Hauser (1560/65–1616). Ein ehemaliger Berner Pfarrer bei den Hutterern in Mähren (8 – 86)
Die quellenbasierte Studie untersucht die mutmasslichen Gründe für den Übertritt des Berner Theologen Joseph Hauser († 1616) zu den mährischen Hutterern und würdigt erstmals in einer Gesamtschau dessen Leistungen als Kolonisator und Theologe im Dienste der kommunitären Bruderschaft an der schwierigen Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert.

Hanspeter Jecker: Täufertum und Pietismus als Herausforderung für Obrigkeit und Kirche in Bern 1650–1720 (87 – 105)
Täufertum und Pietismus profilierten sich um 1700 als Sammelbecken für Frustrierte und für Suchende. Beide traten im reformierten Bern gleichzeitig auf und wurden von Obrigkeit und Kirche intensiv bekämpft. Beim Pietismus führte diese Auseinandersetzung allmählich zur (teilweisen) Integration ins kirchliche Leben. Das bernische Täufertum hingegen erlitt in der Heimat eine massive Schwächung, erlebte in Asylregionen aber neue Aufschwünge. Oft bildete es hier sogar einen wichtigen Faktor im regionalen Wirtschaftsleben. Das Image von Rebellen und Ketzern wich allmählich dem Ruf von vorbildhaften «Stillen im Lande». Seitens der Obrigkeit bestanden die längerfristigen Auswirkungen der Auseinandersetzungen in umfassenderen Formen der Sozialdisziplinierung und Herrschaftsdurchdringung. Darüber hinaus führte die Repression aber auch zu neuem Fragen nach Glaubens- und Gewissensfreiheit und nach alternativen Formen des Umgangs von Mehrheiten mit Minderheiten.

Ulrich J. Gerber: «Mit Wenigem viel in Bewegung setzen». Das künstlerische Erwachen bei den Schweizer Mennoniten seit den 1960er Jahren, mit autobiographischen Kommentaren des Autors (106 – 146)
Es wird erstmals die musikalische und gestalterische Eruption der Loosli-Geiser Familie von La Chaux-d’Abel mit Theo (Chorgemeinschaft der Mennoniten und Berner Bach-Chor), Arthur, Walter und Ernst Loosli dargestellt, die Vielzahl von Dirigierenden und Musizierenden mit täuferischen Wurzeln. Die Singfreudigkeit in den Mennonitengemeinden der Schweiz mit den vielen Gemischten Chören und Männerchören, sowie musikalische Persönlichkeiten mit täuferischen Wurzeln im Laufe der Jahrhunderte (Ludwig Hätzer, Margrethli Zimmermann, Bendicht Brechbühl, Jean-David Pantillon und Abraham Lerch) bezeugen, dass in der kleinen Freikirche die Muse der Musik und des Gestaltens einen besonders guten Nährboden hat.

MISZELLEN

Denis Kennel: Une conception plus « optimiste » de la nature humaine? Ou : Comment les anabaptistes ont-ils vu l’être humain et sa réponse au salut proposé en Jésus-Christ? (147 – 152)

Hans Rudolf Lavater: Täuferisches im Bullinger-Briefwechsel Band 18 (153 – 160)

BUCHANZEIGEN
(168 – 178)

VEREIN
Jahresbericht 2016/17 (179 – 180)
Vorstandsmitglieder 2017 (181)

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Eröffnung des täufergeschichtlichen Stationenweges in Bern

Bald ist es so weit: Am 24. August 2018 wird die Eröffnung des täufergeschichtlichen Stationenweges in der Stadt Bern mit einer Feier im Berner Münster vollzogen (18.45 Uhr).

Der Stationenweg ist ein gemeinsames Projekt der Mennonitengemeinde Bern und der reformierten Kirchgemeinde Münster. Nach dem Prinzip der in manchen Städten vorhandenen „Foxtrails“ versucht der Stationenweg auf spielerische Weise, in die Geschichte der Täufer in Bern einzutauchen und über aktuelle Gegenwartsfragen (Umgang mit Minderheiten, Migration, Gewalt etc.) nachzudenken.

Im Zentrum des Berner Stationenweges steht «Jacob Baltzli», eine zwar durchaus frei erfundene täuferische Figur, deren Leben aber ganz und gar nicht zufällig grosse Ähnlichkeiten mit Begebenheiten aufweist, die sich tatsächlich in Bern abgespielt haben…

Die Baltzlis waren ein täuferischer Familienverband, der jahrzehntelang auf dem Gut Riselried bzw. Wysshus oberhalb von Habstetten in der Kirchgemeinde Bolligen bei Bern gewohnt hat.

Blick über den Weiler Wysshus hinweg nach Habstetten und Bolligen

Die täuferischen Mitglieder der Familie haben sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts teils vorübergehend, teils definitiv durch Flucht ins Ausland abgesetzt, meist ins Elsass.

Ein Mitglied der Familie – Niklaus Baltzli – gehörte allerdings zusammen mit Durs Rohrer, einem anderen Täufer aus der Kirchgemeinde Bolligen, zu denjenigen über 50 Berner Täuferinnen und Täufern, die nicht geflüchtet, sondern im März 1710 auf obrigkeitlichen Befehl auf Schiffe verfrachtet und rheinabwärts deportiert wurden…

Liste der 1710 deportierten Berner Täufer: Durs Rohrer und Niklaus Baltzli tragen die Nummern 35 und 36 (Schenk-Chronik, Gemeindearchiv Röthenbach)

Nachkommen der ins Elsass geflüchteten Berner Täuferfamilie Baltzli sind noch heute in Frankreich und in Nordamerika nachweisbar, meist unter dem Namen «Pelsy»(F) bzw. Belsley (USA)! Balzlis sind aber auch ein bis in die Gegenwart weiterhin in Habstetten und auf dem Wysshus vorhandener Name! Details zu den täuferischen Baltzlis hier.

Die Fachstelle für täuferische Geschichte und Theologie (Bienenberg / Liestal) sowie der Schweizerische Verein für Täufergeschichte haben bei der Ausgestaltung des Stationenweges im Rahmen der historischen Beratung mitgewirkt.

Nähere Informationen zum Stationenweg unter https://stationenweg-bern.ch/

Hanspeter Jecker

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