Täufergeschichtliche Schleuderkurse Oder: Die Geschichte des Täuferlehrers Christian Güngerich von Aeschlen bei Oberdiessbach

Weiler Unter Hus_ mit Strassenschild

Eigentlich macht die abgebildete Hinweistafel auf Schleudergefahr wenig Sinn. Sie steht an einem schmalen Fahrsträsschen, das zum Weiler Underhus bei Aeschlen / Oberdiessbach führt, der im Hintergrund sichtbar ist. Wer den abgelegenen Ort nicht kennt, wird bei diesem engen Weg hangaufwärts kaum zu schnell fahren. Und alle andern lassen sich auch durch dieses Schild nicht davon abhalten…

Die Hinweistafel ist aber eine hübsche Erinnerung an eine etwas andere  Art von Schleudern.

Täufergeschichtliche Nachforschungen stossen nämlich immer wieder auf Einzelfakten, die zwar auf spannende Vorgänge deuten, aber in ihrer Bruchstückhaftigkeit doch vieles offen lassen. Und da droht manchmal die Gefahr, dass man zu spekulieren anfängt. Plötzlich werden Vermutungen zu Gewissheiten, wenn man sie nur lange genug wiederholt.

Solche Schleudergefahr besteht auch im Zusammenhang mit dem abgebildeten Weiler Underhus. Hier wohnte bis in die 1660er Jahre ein Täuferlehrer namens Christian Güngerich. Als er um 1670 herum inhaftiert wird und später in Bern im Gefängnis stirbt, kommt es in der Folge zu jahrelangen Debatten um seinen umfangreichen Besitz. Clevere Verwandte und Bekannte wollten nämlich noch vor der obrigkeitlichen Konfiskation möglichst viel davon auf teils abenteuerliche Weise sichern. Dass Behörden und missgünstige Nachbarn hier etwas dagegen hatten, ist klar – und sorgte für einen kontinuierlich anwachsenden Aktenberg…

Eines der Dokumente zum "Güngerichischen Teüfferguth", ein Brief von Pfarrer Abraham Fueter von 1680 (Kirchgemeindearchiv Ober-Diessbach)

Eines der Dokumente zum „Güngerichischen Teüfferguth“, ein Brief von Pfarrer Abraham Fueter von 1680 (Kirchgemeindearchiv Ober-Diessbach)

Zwar wissen wir mittlerweile genug, um dazu einen mehrseitigen Artikel zu schreiben, der Einblick in spannende Zusammenhänge der bernischen Täuferpolitik jener Zeit zu vermitteln vermag. Die Publikation dieses Beitrages ist geplant für die Nummer 38 (2015) unseres Jahrbuches Mennonitica Helvetica.

Anderseits bleiben auch viele Fragen offen. Insbesondere bleibt die Geschichte der bernischen Wurzeln der heute in mennonitischen und amischen Kreisen weit verbreiteten Familie Güngerich-Gingerich-Gingrich sehr komplex. Klar ist, DASS die Ursprünge der meisten, wenn nicht sogar aller täuferischen Güngerich im Grossraum Thun (Oberdiessbach-Steffisburg-Schwarzenegg) liegen. Wer aber wo und wie mit wem genau verwandt ist, und welche Geschichten sich im Detail dahinter verbergen, das bleibt in manchem ungeklärt.

Und hier droht Schleudergefahr: wer diese offenen Fragen nicht aushält und aus Hypothesen vorschnell Beweise macht, kommt unweigerlich ins Schleudern…!

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Bendicht Schrag (1767-1843) und der Hof Ostenberg bei Liestal

Besitzereintrag des Bendicht Schrag in seiner Kopie des Märtyrer-Spiegel (Pirmasens 1780): Das Buch befindet sich heute in der Heritage Historical Library in Aylmer / Ontario.

Besitzereintrag des Bendicht Schrag in seiner Kopie des Märtyrer-Spiegel (Pirmasens 1780): Das Buch befindet sich heute in der Heritage Historical Library in Aylmer / Ontario (Kanada).

Bendicht Schrag (1767–1843) aus Wynigen bei Burgdorf (Bern) war eine der zentralen Figuren im Rahmen der umfangreichen Migration schweizerischer Täufer nach Nordamerika im 19. Jahrhundert.

Vor seiner Auswanderung nach Ohio lebte er einige Jahre lang mit seiner Familie bei Moutier im Jura, wohin bereits seine Vorfahren geflohen waren. Später zog er ins Baselbiet, wo er nach Jahrhunderten der Repression anno 1801 wohl als erster Täufer einen Bauernhof nicht nur pachtete, sondern einen solchen trotz obrigkeitlicher Irritationen kaufen konnte. Dabei ging es um den Hof Ostenberg bei Liestal. Dieses bereits im 19. Jahrhundert abgegangene kleine Bauerngütchen verschwand in der Folge allerdings von allen Landkarten und liegt heute inmitten eines grossen Waldgebietes auf einem Hügelrücken westlich des Städtchens Liestal. Sein genauer Standort wurde unlängst wieder entdeckt.

Die bisher kaum bekannte Geschichte Bendicht Schrags (nordamerikanisch auch Schrock oder Shrock) und des Hofes Ostenberg wird in der neusten Ausgabe von Mennonitica Helvetica ausführlich erzählt. Das Jahrbuch mit vielen weiteren interessanten Beiträgen erscheint demnächst. Es kann auch via diese Website bestellt werden!

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Vor 400 Jahren… Hans Jakob Bolls Toleranzschrift „Christenlichs Bedencken“

Eines der der seltenen Exemplare der Schrift von Hans Jakob Boll befindet sich in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern unter der Signatur L Theol. 789 - 14

Eines der der seltenen Exemplare der Schrift von Hans Jakob Boll befindet sich in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern unter der Signatur L Theol. 789 – 14

Als am 29. September 1614 die reformierte Stadt Zürich den einheimischen Täuferlehrer Hans Landis hinrichtete, da ging durch einen Teil der diplomatischen und kirchlichen Öffentlichkeit in Europa (vor allem in den Niederlanden) ein Sturm der Entrüstung.

Gleichzeitig bereitete ein phasenweise der schweizerischen Täuferbewegung nahestehender Autor namens Hans Jakob Boll aus Stein am Rhein eine Protest-Schrift für den Druck vor. Er tat dabei nichts anderes, als Passagen aus frühen Texten von Luther und Zwingli und anderen evangelischen Gelehrten zusammen zu stellen, in denen diese sich gegen eine Verfolgung wegen Glaubensfragen aussprachen. Bloss Vorwort und Nachwort sind seine eigenen Worte in diesem Schriftchen mit dem folgenden Titel:

„Christenlichs Bedencken, ob einem Evangelischen Christen gebühre, jemanden umb dess Glaubens willen zu verfolgen.“

In diesen Tagen jährt sich diese Publikation zum 400. Mal: Das Vorwort des Traktates ist nämlich datiert auf den 12. März 1615 auf einem Hof namens Unterrieden. (Vielleicht identisch mit dem Weiler Unterriedern bei Steffisburg? Nachtrag: Laut neuesten Erkenntnissen aufgrund der Forschungen von Roland Senn liegt der Hof „Unterrieden“ zweifelsfrei nördlich von Zofingen wohl unweit von „Finsterthülen“)

Einem Freund stellt Boll wenig später eine Kopie des in Basel gedruckten Büchleins mit folgenden Worten zu:

„Demnach schicke ich dir ein Büchlein, welches ich habe drucken lassen, weil die Zürcher jetzt so unruhig wider die [täuferische] Bruderschaft sind mit Verfolgen, ich habe es aus den Schriften ihrer eigenen Gelehrten zusammengestellt – Was die Vorrede und den Beschluß antrifft, so will ich diese mit Gottes Hilfe [selber] verantworten, wenn Ich darum solte gerechtfertiget [=zur Rechenschaft gezogen] werden. Ich schicke es dir also in guter Meinung, da ich glaube, es werde dir nicht übel gefallen. Und dies darum, weil ich mich bemüht habe, ihre [eigenen] Bücher zu durchsuchen, und ihnen die Aussagen in eine [richtige] Ordnung zusammen zu setzen, also dass sie mit ihren eigenen „ußzuckten“ Schwertern geschlagen, und die Bogen, so sie auf andere gespannt haben, nun sie selber treffen werden.“

In der Tat wurde unmittelbar nach Drucklegung der anonym bleiben wollende Autor Boll im bernischen Zofingen ausfindig gemacht, er wurde von seiner Obrigkeit zur Rechenschaft gezogen und inhaftiert.

Nur wenige Exemplare seines Traktates haben die anschliessende Bücher-Vernichtungsaktion der Berner Regierung überlebt. Aber Bolls 400 Jahre alter Text von 1615 bleibt ein wichtiger Zeuge des Ringens um Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Schweiz.

Zu den Hintergründen der Geschichte von Hans Jakob Boll vgl. meine Ausführungen in „Ketzer-Rebellen-Heilige. Das Basler Täufertum von 1580-1700“. Unser Jahrbuch MENNONITICA HELVETICA plant für 2015 ein Update dieser spannenden Zusammenhänge!

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Chorgründung mitten im Weltkrieg

Chor der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinde Schänzli in Muttenz bei Basel, um 1920. In der Mitte des Bildes der Dirigent Samuel Nussbaumer (1866-1944).

Chor der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinde Schänzli in Muttenz bei Basel, um 1920. In der Mitte des Bildes der Dirigent Samuel Nussbaumer (1866-1944).

In einem Protokollbuch der Basler Holeegemeinde findet sich zum Jahr 1914 der folgende Eintrag:

„Man ahnte nicht, dass am 19. Juli die Sänger sich für lange Zeit das letzte Mal trafen – Krieg zog in die Lande – viele Brüder mussten einrücken*.“

Da geschichtlich bedingt viele Mitglieder der ursprünglich amischen Holeegemeinde in der elsässischen und südbadischen Nachbarschaft wohnten, war sie in besonderer Weise vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges tangiert. Das bekam offenbar auch der 1897 gegründete „Gesangverein der Mennoniten-Gemeinde Basel“ zu spüren.

Interessanterweise wurde aber in der benachbarten Schänzli-Gemeinde in Muttenz, die ebenfalls einige Mitglieder im grenznahen Ausland hatte, im Kriegsjahr 1915 just ein solcher Chor gegründet.

Dieses Jahr begeht dieser Chor sein 100jähriges Jubiläum. Es ist geplant, auch seine Geschichte etwas näher zu untersuchen. Man darf gespannt sein, was dabei alles zum Vorschein kommt – vor allem auch über die Beweggründe zu seiner Entstehung inmitten der Zeit des Ersten Weltkrieges.

Eine der ältesten Fotos des Chores dürfte die obenstehende Aufnahme sein. Sie ist undatiert, stammt aber wohl aus der Zeit um 1920. Eine später erstellte Legende nennt die Namen der abgebildeteten Sängerinnen und Sänger. Die fast ausschliesslich bernischen Heimatorte sind bezeichnend für die Herkunft der Gemeindeglieder, deren Vorfahren meist im 17. und 18. Jahrhundert ihre Heimat verlassen mussten, und die nun – meist auf Umwegen via den Jura oder das grenznahe Frankreich – in die Region Basel gekommen waren und hier in der Regel grössere und kleinere Bauernhöfe bewirtschafteten: Die Amstutz aus Sigriswil, die Oberli aus Lützelflüh, die Moser aus Rüderswil oder Landiswil, die Gyger aus Eriz, die Gerber aus Langnau, die Graber aus Huttwil, die Geiser aus Langenthal oder die Nussbaumer aus Lüterkofen/SO, aber ursprünglich ebenfalls aus dem Bernbiet, nämlich aus Gross-Höchstetten. Aus der letztgenannten Familie stammt auch der Dirigent zur Zeit der Aufnahme. Es ist der aus dem Jura ins Baselbiet zugezogene Samuel Nussbaumer (1866-1944), gleichzeitig auch Prediger und Ältester der Gemeinde sowie späterer Präsident der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinden (Mennoniten) der Schweiz und erster mennonitischer Landrat des Kantons.

* Zur Geschichte des weitgehenden Verlustes der täuferischen Gewaltverzichtsposition bei europäischen Mennoniten vgl. den Blogbeitrag zu Pierre Kennel und zum Ersten Weltkrieg bzw. die Ausführungen in „Glaube und Tradition in der Bewährungsprobe„.

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Alexandre Bisson & Julien Berr 1904: Les trois anabaptistes

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Die Komödie in vier Akten von Alexandre Bisson (1848–1912) und Julien Berr de Turique (1863–1923) erschien 1904 und wurde in Paris mit grossem Erfolg gespielt. Der Bezug zum Täufertum ergibt sich aus drei kurzen Sätzen auf Seite 66:

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Interessant: Die Verfasser konnten offenbar damit rechnen, dass die Gleichung «Anabaptistes = vrais frères» vom damaligen Pariser Publikum verstanden und goûtiert wurde.

3_anabaptistes_3Das turbulente Vaudeville-Stück kann übrigens bei Archive.org nachgelesen oder heruntergeladen werden.

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Habanische Flasche 1770/1801

habaner_10Foto: FBoudville auf Flickr (CC-Lizenz) (Museum of Anthropology Vancouver, Canada).

Dekorative Habaner Flasche mit dem doppelköpfigen Adler Russlands, Vishenka (Ukraine) um 1770/1801Unter Habanerkeramik ist das vom 16.–18. Jahrhundert von den hutterischen Täufern in Ungarn, der Slowakei und in Niederösterreich hergestellte Fayencegeschirr mit Scharffeuerbemalung zu verstehen. •

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Albrecht von Graffenried (1656-1711) – Hardliner in der Bernischen Täuferkammer

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Schultheissenstuhl (Schlossmuseum Thun)

Im Schlossmuseum Thun ist der abgebildete Schultheissen-Stuhl aufgestellt, auf dem wohl auch Albrecht von Graffenried (1656-1711) während seiner Amtszeit gesessen haben dürfte. Später nahm er ab 1706 auch in der berühmt-berüchtigten Täuferkammer in Bern Einsitz, welche die Aufgabe hatte, den Kampf gegen das Täufertum zu führen und das eigene Territorium möglichst „täuferfrei“ zu kriegen. Als einer der Hardliner war er massgeblich mitverantwortlich für den repressiven Kurs dieses Gremiums in den Jahren seiner Dienstzeit. Höhepunkte dieses Kampfes gegen das Täufertum waren die Deportation von 1710 und der Grosse Täufer-Exodus von Sommer 1711 (vgl. dazu die Beiträge in Mennonitica Helvetica!).

Tafel des Thuner Landvogts Albrecht von Graffenried (Schlossmuseum Thun)

Tafel des Albrecht von Graffenried (Schlossmuseum Thun)

Sein Tod infolge eines Unfalls in Moudon im September 1711 wurde vom niederländischen Gesandten in der Eigenossenschaft, Johann Ludwig Runckel, als Zeichen der Hoffnung auf Erleichterung und einen Kurswechsel in der bernischen Täuferpolitik unverzüglich nach Amsterdam gemeldet. In einem Brief vom 11. Oktober liess er dem mit seiner Familie nach Deventer geflohenen Daniel Rychen aus Frutigen ausrichten, „dass derjenige Herr aus der Täuffer Cammer, so Ihme jederzeit am meisten zuwider gewesen, nemblich Herr von Graffenried, Alt Schultheiss von Thun vor ungefehr 4 Wochen von seinem Hauss zu Milden in Welschland unversehens zu todt gefallen und den halss gebrochen.“

Blick vom Schloss Thun in Richtung Langenegg, Kerngebiet des Täufertums im Hinterland der Kirchgemeinde Steffisburg

Blick vom Schloss Thun in Richtung Langenegg, Kerngebiet des Täufertums im Hinterland der Kirchgemeinde Steffisburg

 

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Täufergeschichte, Menschenrechte und Folterverbot

Folterung des Täufers Geleijn Cornelis in Breda/NL um 1572 (Stich von Jan Luyken aus dem Märtyrer-Spiegel von 1685)

Folterung des Täufers Geleijn Cornelis in Breda/NL um 1572 (Stich von Jan Luyken aus dem Märtyrer-Spiegel von 1685)

Folter stellte nicht nur wie abgebildet in den Niederlanden, sondern auch in der Schweiz für viele Jahrhunderte ein gängiges Mittel dar, um missliebige Minderheiten gefügig zu machen. Dies galt auch für die Repression des Täufertums, dieser auf die Reformation zurückgehenden Bewegung kirchlicher Nonkonformisten.

Dass die Täufer Gottesdienstbesuch, Kirchenmitgliedschaft und Glaube von jeglichem obrigkeitlichen Zwang befreien wollten und sich weigerten, Kriegsdienst zu leisten und politischen Behörden bedingungslosen Gehorsam zu schwören, führte zu ihrer europaweiten Verfolgung.

Am längsten und härtesten traf es das Täufertum in Bern. Hier war es trotz Güterkonfiskationen, lebenlänglichen Haftstrafen, Deportationen und Ausschaffungen lange Zeit nicht gelungen, diese als Ketzer, Rebellen und Scheinheilige bezeichnete religiöse und gesellschaftliche Minderheit auszumerzen. Mitte 1714 griff die Obrigkeit der Aarestadt darum erneut zum Mittel der Galeerenstrafe, um „dieses Unkraut in unseren Landen auszuwurzeln“. Da dieses Verdikt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Todesurteil auf Raten gleichkam, erreichte es die bezweckte Einschüchterung und Abschreckung der noch im Land befindlichen Täuferinnen und Täufer durchaus. Der anvisierte „Ekklesiozid des Täufertums“ schien endlich in erreichbare Nähe zu rücken…

Dies ist der Hintergrund für einen der seltenen Suizide eines inhaftierten Täufers in der Schweiz. Fast auf den Tag genau vor 300 Jahren (wohl am 29. November 1714) nahm sich in einem Berner Gefängnis der Täufer Christian Trachsel das Leben.

Trachsel stammte aus Noflen in der Kirchgemeinde Kirchdorf in der Aareebene zwischen Bern und Thun. Er war verheiratet mit Barbara Gfeller. Spätestens seit 1704 war er Täufer. Das war wohl der Grund, dass die Familie schon bald abtauchte, sich auf quasi permanenter Flucht befand und in der Hoffnung auf ruhigere Zeiten in abgelegeneren Gegenden zu überleben versuchte. 1699 liess das Ehepaar ein Kind in Röthenbach, 1702 in Schwarzenegg hinter Steffisburg taufen, 1705 wohnte die Familie auf Kapf im Eggiwil, 1707 auf Stockern.

Im Herbst 1714 halfen aber alle Heimlichkeiten nichts mehr: Trachsel wurde verhaftet und als Rudersklave auf die Galeeren verurteilt. Das bewegte ihn, sich gegenüber den Behörden vorerst als umkehrwillig zu bezeichnen (StABE, A II 648, 261), bevor ihn Angst und Verzweiflung Ende November in den Suizid trieben:  In seiner Zelle im Dittlinger Turm fand man ihn, als er sich an einem «Schnürlin gleichsam ständlings erwürget» hatte (StABE, A II 649, 35).

Blick von Norden auf die Stadt Bern. Der Dittlinger Turm in der Bildmitte rechts neben der Heiliggeistkirche war seit dem 16. Jahrhundert ein Gefängnis. Seine Grundrisse sind beim Neubau des Bahnhofplatzes 2007 neu ausgegraben worden. (Gemälde von Joh. Grimm um 1740)

Blick von Norden auf die Stadt Bern. Der Dittlinger Turm in der Bildmitte rechts neben der Heiliggeistkirche war seit dem 16. Jahrhundert ein Gefängnis. Seine Grundrisse sind beim Neubau des Bahnhofplatzes 2007 ausgegraben worden. (Gemälde von Joh. Grimm um 1740)

Schicksale wie das von Trachsel wiederholen sich seither weltweit. Die Umstände mögen sich verändert haben, geblieben sind unzählige Varianten von Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Arten der Behandlung oder Strafe.

Grund genug, auch aus Solidarität und Wertschätzung für das Leiden von Täuferinnen und Täufern in der Vergangenheit an die heutigen Opfer von Folter und Gewalt zu denken. Der 10. Dezember als Tag der Menschenrechte und als 30. Jahrestag der Anti-Folterkonvention der Vereinten Nationen bietet Gelegenheit, sich auf die eine oder andere Weise stark zu machen für diejenigen Menschen, die weltweit unter Gewalt und Folter leiden und sich weiter einzusetzen für die Unbedingtheit des Folterverbots.

(Vgl. zum Ganzen meinen Aufsatz in Georg Plasger / Heinz-Günther Stobbe (Hrsg.), Gewalt gegen Christen. Formen, Gründe, Hintergründe. Leipzig 2014)

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Habanischer Teller 1707

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Habanischer Teller, Slowakei 1707

(Museum of Anthropology Vancouver, Canada, Katalog Nr. Ch 64). Foto: FBoudville auf Flickr (CC-Lizenz)

Unter Habanerkeramik ist das vom 16.–18. Jahrhundert von den hutterischen Täufern in Ungarn, der Slowakei und in Niederösterreich hergestellte Fayencegeschirr mit Scharffeuerbemalung zu verstehen. •

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350 Jahre Mennistenkonzession – Oder: Eine Berner Familie aus Oberdiessbach findet Asyl in Sembach in der Pfalz

In diesem Jahr finden im Kraichgau und in der Pfalz Gedenkveranstaltungen statt für den 350. Jahrestag der sogenannten „Mennistenkonzession“. Am 4. August 1664 erlaubte der pfälzische Kurfürst Karl Ludwig mit diesem Erlass die Ansiedlung von Täuferinnen und Täufern, die damals aus der Schweiz flüchten mussten. Verfolgte erhielten Bleiberecht und halfen mit beim Aufbau des im 30jährigen Krieg zerstörten Landes.

Vor allem im Winter 1671 / 1672 flohen Hunderte von bernischen Täuferinnen und Täufern in die Pfalz und in den Kraichgau und fanden dank dieser Mennistenkonzession eine Bleibe. Für manche war dies bloss vorübergehend, andere blieben auf Generationen hinaus in diesen Regionen wohnen…

Wer genau all diese Flüchtlinge aus der Schweiz waren, ist bis heute nicht umfassend geklärt. Zwar gibt es umfangreiche Listen über die Empfänger von materieller Hilfe, die den meist mittellosen Immigranten seitens niederländischer Mennonitengemeinden zuteil geworden ist. Aber die von niederländischen Schreibern aufgelisteten Familiennamen sind dabei oft derart entstellt, dass sie kaum noch erkennbar sind. (Vgl. dazu die Quelleneditionen von Jeremy Bangs, Letters of Toleration oder von James Lowry, Documents of Brotherly Love)

Hier liegt noch viel Arbeit, um diese vorwiegend aus dem Bernbiet stammenden täuferischen Asylantinnen und Asylanten zu identifizieren und zu verlinken mit den Hintergründen ihrer leidvollen Geschichte in der schweizerischen Heimat.

Zur Illustration ein Beispiel aus einer Liste des Hilfswerks der Doopsgezinden von 1672 aus Sembach in der Pfalz:

Abraham Bondeli und Verena Jung_Täufer

Dass es sich beim erwähnten „Abraham Bundel“ um einen Abraham Bondeli handeln könnte, liegt auf der Hand – auch wenn man diesen auf vornehme Herkunft weisenden Namen nicht unbedingt in einem täuferischen Flüchtlingstreck vermuten würde. Schwieriger wird es schon mit seiner Frau. Um „Freny Jonge“ sicher als Verena Jung identifizieren zu können, braucht es schon einiges an Hintergrundwissen (und eine umfangreiche historische Datenbank…;-).

Dass der genannte Bundel Prediger und Leinenweber genannt wird, lässt zusätzlich aufhorchen und macht deutlich, dass dieser Mann wohl auch Leitungsfunktionen in der Täufer-Gemeinde inne gehabt haben muss.

Woher er und seine Frau aber stammen, und wie sie zum Täufertum gestossen sind, das geht aus den bisher bekannten Quellen in der Regel nicht hervor…

Erst umfangreiche Recherchen in Archiven und Bibliotheken lassen allmählich etwas erahnen von einer sehr bewegten Geschichte, die hier nur ganz knapp skizziert werden soll:

Getauft 1626 in Lützelflüh als Sohn des Schulmeisters Niklaus Bondeli und der Margreth Locher, scheint er später in einem regierungsnahen Milieu in der Nähe von Schloss und Dorf Trachselwald aufgewachsen zu sein.

Eine erste Spur auf täuferische Bezüge von Abraham Bundeli ist der 1654 erhobene Vorwurf im Chorgerichtsmanual von Hasle bei Burgdorf, wonach der Sohn einer Gret Locher im Verdacht täuferischer Gesinnung stehe. Gret Locher?!? So heisst doch seine Mutter! Dies allein beweist zwar noch gar nichts, aber immerhin…

Ein Abraham Bondeli verheiratet sich ein Jahr später in Wichtrach mit Verena Jung – „Freny Jonge“ aus dem oben abgebildeten Sembacher Verzeichnis lässt grüssen! Bezeichnenderweise findet diese Hochzeit nun aber nicht in Hasle im Emmental statt, wo der Boden möglicherweise bereits zu heiss geworden ist, sondern 20km südlich im Aaretal zwischen Bern und Thun. Natürlich ist hier bei diesem hochoffiziellen Anlass in der reformierten Kirche und unter Leitung des lokalen Pfarrers von täuferischer Gesinnung bei Braut und Bräutigam noch keine Rede. Auch anlässlich der ersten Einträge von Taufen ihrer Kinder ab 1656 schweigen die Quellen diesbezüglich. Diese Einträge befinden sich nun aber nicht mehr in den Kirchenbüchern von Wichtrach. Interessanterweise ist die Familie nämlich mittlerweile schon wieder umgezogen, und zwar ostwärts weg aus der offenen Ebene in die hügelige Gegend von Bleiken in der Kirchgemeinde Ober-Diessbach.

Kirche von Ober-Diessbach

Kirche von Ober-Diessbach

Damit hat sich Abraham Bondeli mit seiner Frau nun aber niedergelassen in einem Gebiet, das man für das späte 17. Jahrhundert als absolutes Kernland des Täufertums bezeichnen muss. Später zieht die Familie innerhalb derselben Kirchgemeinde noch wenigstens ein weiteres Mal um, nämlich von Bleiken am Rand des Aaretals ins noch abgelegenere Hinterland auf die Hochebene von Wachseldorn. Zwar (damals) immer noch dieselbe Kirchgemeinde, aber volle 10 km entfernt von Pfarrer, Chorgericht und Dorfbehörden… Und nun taucht ab 1666 im Kirchenbuch von Ober-Diessbach prompt auch erstmals der Hinweis auf täuferische Gesinnung auf: „Töüfferlüt“…

Blick von Bleiken auf die Lueg (Kirchhöri Steffisburg), im HIntergrund die Berner Alpen

Blick von Bleiken auf die Lueg (Kirchhöri Steffisburg), im Hintergrund die Berner Alpen

Von nun an nimmt die Geschichte ihren bekannten Verlauf: Im Winter 1671 / 1672 fliehen mit Hunderten anderer bernischer Täuferinnen und Täufer auch Abraham Bondeli und seine schwangere Frau Verena Jung mit drei Kindern in die Pfalz…

Dort finden sie Asyl – dank der Mennistenkonzession von 1664 und dem glücklichen Umstand, dass man in der Pfalz diese Masseneinwanderung aus dem schweizerischen Ausland durchaus duldet und keine Initiative gegen diese verängstigten und traumatisierten Fremden lanciert…

(PS. Ein Tipp für Kurzentschlossene: Am Samstag, dem 8. November findet in Heidelberg eine Gedenkfeier statt für 350 Jahre Mennistenkonzession.

Ort: Hoffnungskirche, Ev.-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten), Feuerbachstr. 4, 69126 Heidelberg

Zeit: 11 Uhr
Festvortrag: Dr. Astrid von Schlachta (Universität Regensburg), Von verödeten Landen, Tränen … und einer Einladung mit Folgen )

Hanspeter Jecker

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