Prävention und Wiederaufbau – Bendicht Brechtbühl zum Zweiten

P1040876Dieser Tage hatte ich Gelegenheit, nach meinen Arbeiten zu Leben und Werk von Bendicht Brechtbühl in der Schweiz und im weiteren Europa nun auch den Ort zu besuchen, an dem dieser aus dem Emmental stammende und später in den Krauchgau gezogene Täuferlehrer  seine letzten Lebensjahre von 1717 bis 1720 verbrachte: Den kleinen Flecken Strasburg im Lancaster County / Pennsylvania (Foto oben).

Wer durch die derzeit üppig grüne Landschaft fährt, mit all seinen Mais-, Tabak- und Bohnenfeldern, vorbei an Versammlungshäusern von Dutzenden verschiedener kirchlicher Richtungen innerhalb des täuferisch-mennonitisch-amischen-brethreninchrist-Spektrums mit seinen teils feinst ausdifferenzierten theologischen und gemeindepraktischen Nuancen, die irgendeinmal kirchentrennend wurden, der ahnt um das jahrhundertelange Ringen innerhalb dieser Gemeinden um das, was sie als „den rechten Weg des Glaubens“ bezeichneten.

Und angesichts dieser meist mit erheblichen Schmerzen verbundenen „Ausdifferenzierung“ der kirchlichen Landschaft in der Vergangenheit kommt man fast nicht umhin, sich auch für die aktuellen kirchlichen (und nicht-kirchlichen) Debatten der Gegenwart das Vorhandensein von Persönlichkeiten wie Bendicht Brechtbühl zu wünschen, die als „Brückenbauer und Grenzüberschreiter“ einen eminent wichtigen Beitrag zu Versöhnung und einem geschwisterlichen Miteinander geleistet haben (vgl. meinen Beitrag in MH 36, jetzt auch in englischer Übersetzung in MQR July 2015).

Und geradezu bezeichnend ist es, wenn ein handschriftlicher Beitrag in einer alten Froschauerbibel in der Muddy Creek Farm Library in Ephrata festhält, dass das offenbar defekte Buch von seinem Besitzer just dem Bendicht Brechtbühl gegeben werden soll, dass er es repariere, beziehungsweise die fehlenden oder unlesbar gewordenen Seiten  neu schreibe (cf. nachfolgendes Foto).

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Vorbeugen, damit es gar nicht erst zum Crash kommt und Reparieren, wo doch etwas in die Brüche gegangen ist – wie bezeichnend sind doch diese beiden Akzente bei Bendicht Brechtbühl. Prävention und Wiederaufbau als die zwei Seiten der Versöhnungstätigkeit Brechtbühls – besser könnte friedenskirchliche Präsenz auch in den Herausforderungen der Gegenwart (in und ausserhalb der eigenen Gemeinden und Konferenzen) kaum zusammengefasst werden!

Eine andere Frage, die aber m.E. erst noch erforscht werden müsste: Inwiefern haben solche auf Gerechtigkeit und Versöhnung sensibilisierten Täuferinnen und Täufer wie Brechtbühl bemerkt, dass sie als Siedler in Pennsylvania Land kauften, das andern (den First Nations Peoples) unter meist dubiosen Umständen weggenommen worden ist? Wie konnte es kommen, dass dieselben Personen, denen kurz zuvor in der Schweiz oft der gesamte Besitz enteignet wurde, nun ihrerseits – vielleicht ohne es zu bemerken – an einem System partizipieten, das massgeblich auf der Enteignung anderer basierte?

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Täufergeschichtliche Schleuderkurse Oder: Die Geschichte des Täuferlehrers Christian Güngerich von Aeschlen bei Oberdiessbach

Weiler Unter Hus_ mit Strassenschild

Eigentlich macht die abgebildete Hinweistafel auf Schleudergefahr wenig Sinn. Sie steht an einem schmalen Fahrsträsschen, das zum Weiler Underhus bei Aeschlen / Oberdiessbach führt, der im Hintergrund sichtbar ist. Wer den abgelegenen Ort nicht kennt, wird bei diesem engen Weg hangaufwärts kaum zu schnell fahren. Und alle andern lassen sich auch durch dieses Schild nicht davon abhalten…

Die Hinweistafel ist aber eine hübsche Erinnerung an eine etwas andere  Art von Schleudern.

Täufergeschichtliche Nachforschungen stossen nämlich immer wieder auf Einzelfakten, die zwar auf spannende Vorgänge deuten, aber in ihrer Bruchstückhaftigkeit doch vieles offen lassen. Und da droht manchmal die Gefahr, dass man zu spekulieren anfängt. Plötzlich werden Vermutungen zu Gewissheiten, wenn man sie nur lange genug wiederholt.

Solche Schleudergefahr besteht auch im Zusammenhang mit dem abgebildeten Weiler Underhus. Hier wohnte bis in die 1660er Jahre ein Täuferlehrer namens Christian Güngerich. Als er um 1670 herum inhaftiert wird und später in Bern im Gefängnis stirbt, kommt es in der Folge zu jahrelangen Debatten um seinen umfangreichen Besitz. Clevere Verwandte und Bekannte wollten nämlich noch vor der obrigkeitlichen Konfiskation möglichst viel davon auf teils abenteuerliche Weise sichern. Dass Behörden und missgünstige Nachbarn hier etwas dagegen hatten, ist klar – und sorgte für einen kontinuierlich anwachsenden Aktenberg…

Eines der Dokumente zum "Güngerichischen Teüfferguth", ein Brief von Pfarrer Abraham Fueter von 1680 (Kirchgemeindearchiv Ober-Diessbach)

Eines der Dokumente zum „Güngerichischen Teüfferguth“, ein Brief von Pfarrer Abraham Fueter von 1680 (Kirchgemeindearchiv Ober-Diessbach)

Zwar wissen wir mittlerweile genug, um dazu einen mehrseitigen Artikel zu schreiben, der Einblick in spannende Zusammenhänge der bernischen Täuferpolitik jener Zeit zu vermitteln vermag. Die Publikation dieses Beitrages ist geplant für die Nummer 38 (2015) unseres Jahrbuches Mennonitica Helvetica.

Anderseits bleiben auch viele Fragen offen. Insbesondere bleibt die Geschichte der bernischen Wurzeln der heute in mennonitischen und amischen Kreisen weit verbreiteten Familie Güngerich-Gingerich-Gingrich sehr komplex. Klar ist, DASS die Ursprünge der meisten, wenn nicht sogar aller täuferischen Güngerich im Grossraum Thun (Oberdiessbach-Steffisburg-Schwarzenegg) liegen. Wer aber wo und wie mit wem genau verwandt ist, und welche Geschichten sich im Detail dahinter verbergen, das bleibt in manchem ungeklärt.

Und hier droht Schleudergefahr: wer diese offenen Fragen nicht aushält und aus Hypothesen vorschnell Beweise macht, kommt unweigerlich ins Schleudern…!

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Bendicht Schrag (1767-1843) und der Hof Ostenberg bei Liestal

Besitzereintrag des Bendicht Schrag in seiner Kopie des Märtyrer-Spiegel (Pirmasens 1780): Das Buch befindet sich heute in der Heritage Historical Library in Aylmer / Ontario.

Besitzereintrag des Bendicht Schrag in seiner Kopie des Märtyrer-Spiegel (Pirmasens 1780): Das Buch befindet sich heute in der Heritage Historical Library in Aylmer / Ontario (Kanada).

Bendicht Schrag (1767–1843) aus Wynigen bei Burgdorf (Bern) war eine der zentralen Figuren im Rahmen der umfangreichen Migration schweizerischer Täufer nach Nordamerika im 19. Jahrhundert.

Vor seiner Auswanderung nach Ohio lebte er einige Jahre lang mit seiner Familie bei Moutier im Jura, wohin bereits seine Vorfahren geflohen waren. Später zog er ins Baselbiet, wo er nach Jahrhunderten der Repression anno 1801 wohl als erster Täufer einen Bauernhof nicht nur pachtete, sondern einen solchen trotz obrigkeitlicher Irritationen kaufen konnte. Dabei ging es um den Hof Ostenberg bei Liestal. Dieses bereits im 19. Jahrhundert abgegangene kleine Bauerngütchen verschwand in der Folge allerdings von allen Landkarten und liegt heute inmitten eines grossen Waldgebietes auf einem Hügelrücken westlich des Städtchens Liestal. Sein genauer Standort wurde unlängst wieder entdeckt.

Die bisher kaum bekannte Geschichte Bendicht Schrags (nordamerikanisch auch Schrock oder Shrock) und des Hofes Ostenberg wird in der neusten Ausgabe von Mennonitica Helvetica ausführlich erzählt. Das Jahrbuch mit vielen weiteren interessanten Beiträgen erscheint demnächst. Es kann auch via diese Website bestellt werden!

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Vor 400 Jahren… Hans Jakob Bolls Toleranzschrift „Christenlichs Bedencken“

Eines der der seltenen Exemplare der Schrift von Hans Jakob Boll befindet sich in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern unter der Signatur L Theol. 789 - 14

Eines der der seltenen Exemplare der Schrift von Hans Jakob Boll befindet sich in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern unter der Signatur L Theol. 789 – 14

Als am 29. September 1614 die reformierte Stadt Zürich den einheimischen Täuferlehrer Hans Landis hinrichtete, da ging durch einen Teil der diplomatischen und kirchlichen Öffentlichkeit in Europa (vor allem in den Niederlanden) ein Sturm der Entrüstung.

Gleichzeitig bereitete ein phasenweise der schweizerischen Täuferbewegung nahestehender Autor namens Hans Jakob Boll aus Stein am Rhein eine Protest-Schrift für den Druck vor. Er tat dabei nichts anderes, als Passagen aus frühen Texten von Luther und Zwingli und anderen evangelischen Gelehrten zusammen zu stellen, in denen diese sich gegen eine Verfolgung wegen Glaubensfragen aussprachen. Bloss Vorwort und Nachwort sind seine eigenen Worte in diesem Schriftchen mit dem folgenden Titel:

„Christenlichs Bedencken, ob einem Evangelischen Christen gebühre, jemanden umb dess Glaubens willen zu verfolgen.“

In diesen Tagen jährt sich diese Publikation zum 400. Mal: Das Vorwort des Traktates ist nämlich datiert auf den 12. März 1615 auf einem Hof namens Unterrieden. (Vielleicht identisch mit dem Weiler Unterriedern bei Steffisburg? Nachtrag: Laut neuesten Erkenntnissen aufgrund der Forschungen von Roland Senn liegt der Hof „Unterrieden“ zweifelsfrei nördlich von Zofingen wohl unweit von „Finsterthülen“)

Einem Freund stellt Boll wenig später eine Kopie des in Basel gedruckten Büchleins mit folgenden Worten zu:

„Demnach schicke ich dir ein Büchlein, welches ich habe drucken lassen, weil die Zürcher jetzt so unruhig wider die [täuferische] Bruderschaft sind mit Verfolgen, ich habe es aus den Schriften ihrer eigenen Gelehrten zusammengestellt – Was die Vorrede und den Beschluß antrifft, so will ich diese mit Gottes Hilfe [selber] verantworten, wenn Ich darum solte gerechtfertiget [=zur Rechenschaft gezogen] werden. Ich schicke es dir also in guter Meinung, da ich glaube, es werde dir nicht übel gefallen. Und dies darum, weil ich mich bemüht habe, ihre [eigenen] Bücher zu durchsuchen, und ihnen die Aussagen in eine [richtige] Ordnung zusammen zu setzen, also dass sie mit ihren eigenen „ußzuckten“ Schwertern geschlagen, und die Bogen, so sie auf andere gespannt haben, nun sie selber treffen werden.“

In der Tat wurde unmittelbar nach Drucklegung der anonym bleiben wollende Autor Boll im bernischen Zofingen ausfindig gemacht, er wurde von seiner Obrigkeit zur Rechenschaft gezogen und inhaftiert.

Nur wenige Exemplare seines Traktates haben die anschliessende Bücher-Vernichtungsaktion der Berner Regierung überlebt. Aber Bolls 400 Jahre alter Text von 1615 bleibt ein wichtiger Zeuge des Ringens um Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Schweiz.

Zu den Hintergründen der Geschichte von Hans Jakob Boll vgl. meine Ausführungen in „Ketzer-Rebellen-Heilige. Das Basler Täufertum von 1580-1700“. Unser Jahrbuch MENNONITICA HELVETICA plant für 2015 ein Update dieser spannenden Zusammenhänge!

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Chorgründung mitten im Weltkrieg

Chor der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinde Schänzli in Muttenz bei Basel, um 1920. In der Mitte des Bildes der Dirigent Samuel Nussbaumer (1866-1944).

Chor der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinde Schänzli in Muttenz bei Basel, um 1920. In der Mitte des Bildes der Dirigent Samuel Nussbaumer (1866-1944).

In einem Protokollbuch der Basler Holeegemeinde findet sich zum Jahr 1914 der folgende Eintrag:

„Man ahnte nicht, dass am 19. Juli die Sänger sich für lange Zeit das letzte Mal trafen – Krieg zog in die Lande – viele Brüder mussten einrücken*.“

Da geschichtlich bedingt viele Mitglieder der ursprünglich amischen Holeegemeinde in der elsässischen und südbadischen Nachbarschaft wohnten, war sie in besonderer Weise vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges tangiert. Das bekam offenbar auch der 1897 gegründete „Gesangverein der Mennoniten-Gemeinde Basel“ zu spüren.

Interessanterweise wurde aber in der benachbarten Schänzli-Gemeinde in Muttenz, die ebenfalls einige Mitglieder im grenznahen Ausland hatte, im Kriegsjahr 1915 just ein solcher Chor gegründet.

Dieses Jahr begeht dieser Chor sein 100jähriges Jubiläum. Es ist geplant, auch seine Geschichte etwas näher zu untersuchen. Man darf gespannt sein, was dabei alles zum Vorschein kommt – vor allem auch über die Beweggründe zu seiner Entstehung inmitten der Zeit des Ersten Weltkrieges.

Eine der ältesten Fotos des Chores dürfte die obenstehende Aufnahme sein. Sie ist undatiert, stammt aber wohl aus der Zeit um 1920. Eine später erstellte Legende nennt die Namen der abgebildeteten Sängerinnen und Sänger. Die fast ausschliesslich bernischen Heimatorte sind bezeichnend für die Herkunft der Gemeindeglieder, deren Vorfahren meist im 17. und 18. Jahrhundert ihre Heimat verlassen mussten, und die nun – meist auf Umwegen via den Jura oder das grenznahe Frankreich – in die Region Basel gekommen waren und hier in der Regel grössere und kleinere Bauernhöfe bewirtschafteten: Die Amstutz aus Sigriswil, die Oberli aus Lützelflüh, die Moser aus Rüderswil oder Landiswil, die Gyger aus Eriz, die Gerber aus Langnau, die Graber aus Huttwil, die Geiser aus Langenthal oder die Nussbaumer aus Lüterkofen/SO, aber ursprünglich ebenfalls aus dem Bernbiet, nämlich aus Gross-Höchstetten. Aus der letztgenannten Familie stammt auch der Dirigent zur Zeit der Aufnahme. Es ist der aus dem Jura ins Baselbiet zugezogene Samuel Nussbaumer (1866-1944), gleichzeitig auch Prediger und Ältester der Gemeinde sowie späterer Präsident der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinden (Mennoniten) der Schweiz und erster mennonitischer Landrat des Kantons.

* Zur Geschichte des weitgehenden Verlustes der täuferischen Gewaltverzichtsposition bei europäischen Mennoniten vgl. den Blogbeitrag zu Pierre Kennel und zum Ersten Weltkrieg bzw. die Ausführungen in „Glaube und Tradition in der Bewährungsprobe„.

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Alexandre Bisson & Julien Berr 1904: Les trois anabaptistes

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Die Komödie in vier Akten von Alexandre Bisson (1848–1912) und Julien Berr de Turique (1863–1923) erschien 1904 und wurde in Paris mit grossem Erfolg gespielt. Der Bezug zum Täufertum ergibt sich aus drei kurzen Sätzen auf Seite 66:

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Interessant: Die Verfasser konnten offenbar damit rechnen, dass die Gleichung «Anabaptistes = vrais frères» vom damaligen Pariser Publikum verstanden und goûtiert wurde.

3_anabaptistes_3Das turbulente Vaudeville-Stück kann übrigens bei Archive.org nachgelesen oder heruntergeladen werden.

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Habanische Flasche 1770/1801

habaner_10Foto: FBoudville auf Flickr (CC-Lizenz) (Museum of Anthropology Vancouver, Canada).

Dekorative Habaner Flasche mit dem doppelköpfigen Adler Russlands, Vishenka (Ukraine) um 1770/1801Unter Habanerkeramik ist das vom 16.–18. Jahrhundert von den hutterischen Täufern in Ungarn, der Slowakei und in Niederösterreich hergestellte Fayencegeschirr mit Scharffeuerbemalung zu verstehen. •

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Albrecht von Graffenried (1656-1711) – Hardliner in der Bernischen Täuferkammer

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Schultheissenstuhl (Schlossmuseum Thun)

Im Schlossmuseum Thun ist der abgebildete Schultheissen-Stuhl aufgestellt, auf dem wohl auch Albrecht von Graffenried (1656-1711) während seiner Amtszeit gesessen haben dürfte. Später nahm er ab 1706 auch in der berühmt-berüchtigten Täuferkammer in Bern Einsitz, welche die Aufgabe hatte, den Kampf gegen das Täufertum zu führen und das eigene Territorium möglichst „täuferfrei“ zu kriegen. Als einer der Hardliner war er massgeblich mitverantwortlich für den repressiven Kurs dieses Gremiums in den Jahren seiner Dienstzeit. Höhepunkte dieses Kampfes gegen das Täufertum waren die Deportation von 1710 und der Grosse Täufer-Exodus von Sommer 1711 (vgl. dazu die Beiträge in Mennonitica Helvetica!).

Tafel des Thuner Landvogts Albrecht von Graffenried (Schlossmuseum Thun)

Tafel des Albrecht von Graffenried (Schlossmuseum Thun)

Sein Tod infolge eines Unfalls in Moudon im September 1711 wurde vom niederländischen Gesandten in der Eigenossenschaft, Johann Ludwig Runckel, als Zeichen der Hoffnung auf Erleichterung und einen Kurswechsel in der bernischen Täuferpolitik unverzüglich nach Amsterdam gemeldet. In einem Brief vom 11. Oktober liess er dem mit seiner Familie nach Deventer geflohenen Daniel Rychen aus Frutigen ausrichten, „dass derjenige Herr aus der Täuffer Cammer, so Ihme jederzeit am meisten zuwider gewesen, nemblich Herr von Graffenried, Alt Schultheiss von Thun vor ungefehr 4 Wochen von seinem Hauss zu Milden in Welschland unversehens zu todt gefallen und den halss gebrochen.“

Blick vom Schloss Thun in Richtung Langenegg, Kerngebiet des Täufertums im Hinterland der Kirchgemeinde Steffisburg

Blick vom Schloss Thun in Richtung Langenegg, Kerngebiet des Täufertums im Hinterland der Kirchgemeinde Steffisburg

 

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Täufergeschichte, Menschenrechte und Folterverbot

Folterung des Täufers Geleijn Cornelis in Breda/NL um 1572 (Stich von Jan Luyken aus dem Märtyrer-Spiegel von 1685)

Folterung des Täufers Geleijn Cornelis in Breda/NL um 1572 (Stich von Jan Luyken aus dem Märtyrer-Spiegel von 1685)

Folter stellte nicht nur wie abgebildet in den Niederlanden, sondern auch in der Schweiz für viele Jahrhunderte ein gängiges Mittel dar, um missliebige Minderheiten gefügig zu machen. Dies galt auch für die Repression des Täufertums, dieser auf die Reformation zurückgehenden Bewegung kirchlicher Nonkonformisten.

Dass die Täufer Gottesdienstbesuch, Kirchenmitgliedschaft und Glaube von jeglichem obrigkeitlichen Zwang befreien wollten und sich weigerten, Kriegsdienst zu leisten und politischen Behörden bedingungslosen Gehorsam zu schwören, führte zu ihrer europaweiten Verfolgung.

Am längsten und härtesten traf es das Täufertum in Bern. Hier war es trotz Güterkonfiskationen, lebenlänglichen Haftstrafen, Deportationen und Ausschaffungen lange Zeit nicht gelungen, diese als Ketzer, Rebellen und Scheinheilige bezeichnete religiöse und gesellschaftliche Minderheit auszumerzen. Mitte 1714 griff die Obrigkeit der Aarestadt darum erneut zum Mittel der Galeerenstrafe, um „dieses Unkraut in unseren Landen auszuwurzeln“. Da dieses Verdikt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Todesurteil auf Raten gleichkam, erreichte es die bezweckte Einschüchterung und Abschreckung der noch im Land befindlichen Täuferinnen und Täufer durchaus. Der anvisierte „Ekklesiozid des Täufertums“ schien endlich in erreichbare Nähe zu rücken…

Dies ist der Hintergrund für einen der seltenen Suizide eines inhaftierten Täufers in der Schweiz. Fast auf den Tag genau vor 300 Jahren (wohl am 29. November 1714) nahm sich in einem Berner Gefängnis der Täufer Christian Trachsel das Leben.

Trachsel stammte aus Noflen in der Kirchgemeinde Kirchdorf in der Aareebene zwischen Bern und Thun. Er war verheiratet mit Barbara Gfeller. Spätestens seit 1704 war er Täufer. Das war wohl der Grund, dass die Familie schon bald abtauchte, sich auf quasi permanenter Flucht befand und in der Hoffnung auf ruhigere Zeiten in abgelegeneren Gegenden zu überleben versuchte. 1699 liess das Ehepaar ein Kind in Röthenbach, 1702 in Schwarzenegg hinter Steffisburg taufen, 1705 wohnte die Familie auf Kapf im Eggiwil, 1707 auf Stockern.

Im Herbst 1714 halfen aber alle Heimlichkeiten nichts mehr: Trachsel wurde verhaftet und als Rudersklave auf die Galeeren verurteilt. Das bewegte ihn, sich gegenüber den Behörden vorerst als umkehrwillig zu bezeichnen (StABE, A II 648, 261), bevor ihn Angst und Verzweiflung Ende November in den Suizid trieben:  In seiner Zelle im Dittlinger Turm fand man ihn, als er sich an einem «Schnürlin gleichsam ständlings erwürget» hatte (StABE, A II 649, 35).

Blick von Norden auf die Stadt Bern. Der Dittlinger Turm in der Bildmitte rechts neben der Heiliggeistkirche war seit dem 16. Jahrhundert ein Gefängnis. Seine Grundrisse sind beim Neubau des Bahnhofplatzes 2007 neu ausgegraben worden. (Gemälde von Joh. Grimm um 1740)

Blick von Norden auf die Stadt Bern. Der Dittlinger Turm in der Bildmitte rechts neben der Heiliggeistkirche war seit dem 16. Jahrhundert ein Gefängnis. Seine Grundrisse sind beim Neubau des Bahnhofplatzes 2007 ausgegraben worden. (Gemälde von Joh. Grimm um 1740)

Schicksale wie das von Trachsel wiederholen sich seither weltweit. Die Umstände mögen sich verändert haben, geblieben sind unzählige Varianten von Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Arten der Behandlung oder Strafe.

Grund genug, auch aus Solidarität und Wertschätzung für das Leiden von Täuferinnen und Täufern in der Vergangenheit an die heutigen Opfer von Folter und Gewalt zu denken. Der 10. Dezember als Tag der Menschenrechte und als 30. Jahrestag der Anti-Folterkonvention der Vereinten Nationen bietet Gelegenheit, sich auf die eine oder andere Weise stark zu machen für diejenigen Menschen, die weltweit unter Gewalt und Folter leiden und sich weiter einzusetzen für die Unbedingtheit des Folterverbots.

(Vgl. zum Ganzen meinen Aufsatz in Georg Plasger / Heinz-Günther Stobbe (Hrsg.), Gewalt gegen Christen. Formen, Gründe, Hintergründe. Leipzig 2014)

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Habanischer Teller 1707

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Habanischer Teller, Slowakei 1707

(Museum of Anthropology Vancouver, Canada, Katalog Nr. Ch 64). Foto: FBoudville auf Flickr (CC-Lizenz)

Unter Habanerkeramik ist das vom 16.–18. Jahrhundert von den hutterischen Täufern in Ungarn, der Slowakei und in Niederösterreich hergestellte Fayencegeschirr mit Scharffeuerbemalung zu verstehen. •

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