Kontroverse „Schweizer Brüder“

Ende März fand auf dem Bienenberg bei Liestal ein gut besuchtes internationales Symposium zum Thema «Erneuerungsbewegungen und Täufertum» statt. Die Referate dieser Tagung sollen im nächsten  Jahrbuch MENNONITICA HELVETICA 42 (2019) publiziert werden. Als Erscheinungstermin ist Dezember 2019 geplant.

Im Anschluss an das Symposium trafen sich einige Spezialisten der frühneuzeitlichen Täuferforschung zu einer ganztägigen Diskussionsrunde zum Thema «Schweizer Brüder» ebenfalls am Bildungszentrum Bienenberg. Dem Begriff, nicht aber der Sache angemessen, blieb es leider bei einer Männer-Runde…


Die Teilnehmenden der Diskussionsrunde (v.l.n.r.): John D. Roth (Goshen College University, USA), David Y. Neufeld (University of Arizona, Tucson USA), Hanspeter Jecker (Bienenberg / Liestal, Schweiz), Martin Rothkegel (Theologische Hochschule Elstal, BRD), Christian Scheidegger (Zentralbibliothek Zürich, Schweiz), Joe A. Springer (Mennonite Historical Library, Goshen USA), Karl Koop (Canadian Mennonite University, Winnipeg Kanada), C. Arnold Snyder (Conrad Grebel University, Waterloo Kanada)

Ausgangspunkt der Debatte war der kontroverse Beitrag von Martin Rothkegel in der online-Version des Mennonitischen Lexikon über die «Schweizer Brüder». Darin bezeichnete er diese «als eine von der Pfalz ausgehende Sammlungsbewegung», die ab 1540 «täuferische Restgruppen in Süddeutschland, im Elsass, der Schweiz, den Rheinlanden, Hessen und Mähren» integrierte. Diese «Schweizer Brüder» seien – so Rothkegel – weder geographisch noch theologisch so eng und so direkt mit den Anfängen des Täufertums in Zürich um 1525 und dessen anschliessender Ausbreitung in benachbarten Regionen verbunden, wie das die bisherige Forschung bisher weitgehend angenommen hatte. Dieses «Konstrukt einer kontinuierlichen konfessionellen Identität mit einem klar umrissenen, pazifistischen und ‘evangelischen’ theologischen Profil von der Frühzeit der Reformation bis zur Gegenwart» sei zurückzuweisen: Es entspreche mehr dem Wunschdenken von «nordamerikanischen „Schweizer“ Mennoniten» als der historischen Realität.

Dieser Ansicht trat in der Vergangenheit vor allem der kanadische Historiker und emeritierte Täufergeschichts-Professor Arnold Snyder entgegen, der Rothkegels Ideen mit umfangreichen Quellenhinweisen zu widerlegen suchte. Bereits zuvor hatte Snyder seinen Einspruch angemeldet mit seinem Beitrag «In Search of the Swiss Brethren“ in der Zeitschrift MENNONITE QUARTERLY REVIEW 90 (2016), 421-515 oder in seiner jüngsten Publikation «Later Writings of the Swiss Anabaptists 1529-1592″ von 2018 (Foto):

Um die zunehmend kontrovers diskutierten Überzeugungen über blosse literarische Debatten hinauszuführen, moderierte John D. Roth eine ganztägige Diskussionsrunde, wo neben der Vorstellung der unterschiedlichen Positionen und einer Diskussion von deren Stärken und Schwächen sich auch dann und wann Gelegenheiten zur Vermittlung und zum Brückenbau boten.

Zum Abschluss der Tagung wurde seitens der Teilnehmenden zwar keine Erklärung zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden formuliert – zu weit lagen die Meinungen noch auseinander. Der erstmalige Austausch um einen runden Tisch von Angesicht zu Angesicht erwies sich aber gleichwohl als hilfreich. Und nach den teils sehr engagiert und kontrovers geführten Debatten bezeugt das abschliessende Gruppenbild aller Teilnehmenden (s.o.) immerhin die gute Stimmung nach Gesprächsabschluss durchaus zutreffend. Sicher ist aber auch, dass das letzte Wort in dieser Sache noch lange nicht gesprochen ist! Affaire à suivre!

Vgl. zur Thematik auch den Beitrag von David Y. Neufeld hier!

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