Irritationen um Jörg Grebel und Konrad Blaurock – Anmerkungen zu einem (nicht mehr ganz) neuen (Fast-)Täuferroman aus dem Glarnerland

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Alfonso Hophan: Die Chronik des Balthasar Hauser. Salis-Verlag, Zürich 2014. 352 Seiten, Fr. 34.80.

Im Ringen um Erneuerung von Kirche und Gesellschaft im 16. Jahrhundert tauchte die Täuferbewegung in vielen Regionen der Schweiz auf. Im Zeitalter von Luther, Zwingli und Calvin bildete das Täufertum einen alternativen reformatorischen Ansatz. Schon früh trat es für Glaubens- und Gewissensfreiheit, für kirchliche Unabhängigkeit von Obrigkeiten und für Gewaltverzicht ein. In der alles dominierenden Auseinandersetzung zwischen «Altgläubigen» (Katholiken) und «Neugläubigen» (Evangelischen) fanden täuferische Gruppen längerfristig aber kein Gehör, sondern wurden rasch von allen Seiten systematisch unterdrückt und verfolgt.

Nur in wenigen Gegenden der Schweiz konnten sich täuferische Kreise über das 16. Jahrhundert hinaus behaupten, in ununterbrochener Kontinuität nur in einzelnen Gebieten im Kanton Bern.

So kann es nicht überraschen, dass vor allem das bernische Täufertum denn auch wiederholt Thema in der Belletristik geworden ist. Seit 1900 entstand eine Reihe von Novellen und Romanen, von denen hier einige der wichtigsten genannt seien: Ernst Martis «Zwei Häuser – zwei Welten» (1911), Rudolf von Tavels «Frondeur» (1929), Walter Lädrachs «Passion in Bern» (1938), Katharina Zimmermanns «Die Furgge» (1989), Marie Kuhlmanns «Les Frères amish» (2013) und Werner Rysers «Das Ketzerweib» (2016).

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Seltener sind Erzählungen, in denen das Täufertum in anderen Regionen der Schweiz thematisiert wird. Dazu gehört etwa Gottfried Kellers Novelle «Ursula» (1878) oder der von Daniel Guts vor dem Abschluss stehende Roman «Funks Stille» – beide im Zürcher Hinterland angesiedelte Werke – oder René Schurtenbergers «Der Ketzer von Basel» (2009).

Vollends überraschend ist es, wenn ein Roman in einer Region spielt, wo über das lokale Täufertum kaum etwas bekannt ist. Dies ist der Fall bei Alfonso Hophans Erstling «Die Chronik des Balthasar Hauser», welche das Ringen um kirchliche Erneuerung im innerschweizerischen Glarus zwischen 1525 und 1535 zum Thema hat.

Schweizer Karte mit Umriss des heutigen Kantons Glarus (Wikipedia, Von Tschubby – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85100837)

Nun ist es zwar nicht so, dass das Täufertum in diesem Buch eine absolut zentrale Rolle spielt. Aber das Leben des als Ich-Erzähler auftretenden Balthasar Hauser nimmt im Roman Hophans doch dramatische Wendungen, die ohne täuferische Einwirkungen nicht denkbar gewesen wären.

Über weite Strecken hält sich der Autor eng an das, was von der Glarner Geschichte jener Zeit bekannt ist, insbesondere an das, was Valentin Tschudi (1499-1555) in seiner Chronik der Reformationsjahre 1521–1533 geschrieben hatte. Im Hintergrund steht die Information, dass der spätere Reformator Ulrich Zwingli als junger Priester jahrelang in Glarus tätig war und dass die späteren Glarner Erneuerer in enger Verbindung zur Zürcher Reformation gehandelt hätten.

Zum Inhalt: Nachdem der zwölfjährige Bauernsohn Balthasar “Baltzli” Hauser aus Bilten schon seinen Vater als Söldner in Italien verloren hat, wird er nach dem Tod seiner Mutter aufgrund der Pest im Jahr 1526 zur Vollwaise. Von Pflegeplatz zu Pflegeplatz weitergereicht, durchlebt er im Glarnerland die aufbrechenden Wirren im Ringen um den rechten Glauben am eigenen Leibe. Zwei Begegnungen mit führenden Täufern seiner Zeit verändern sein Leben dann aber nachhaltig: Jörg Grebel und Konrad Cajakob. Der heranwachsende Baltzli sieht in der täuferischen Bewegung das Potential, die Menschheit so umfassend zu verändern und zu befreien, dass alle sozialen Schranken wegfallen – und dass dadurch nicht zuletzt er selbst doch noch mit seiner Jugendliebe Sophie aus vornehmem Haus zusammenfinden kann…

So verwundert es wenig, dass Baltzli immer tiefer in täuferische Kreise im Glarnerland eintaucht. Während dabei Grebel in einem sehr gütigen, warmherzigen und anziehenden Ton beschrieben wird, erscheint Cajakob als äusserst unsympatischer, rücksichtsloser Manipulator und Demagoge, der die Unsicherheiten seiner Zeitgenossen schamlos für den eigenen Vorteil nutzt. Der innertäuferische Gegensatz kulminiert in der Folge in der vom «Wolf» Cajakob inszenierten Ermordung Grebels – ohne dass dies aber zum Bruch Baltzlis mit den Täufern führt. Vielmehr wird er immer tiefer hineingezogen und nimmt Teil an diversen gewaltsamen Kirchenplünderungen und Bildersturm-Aktionen.

Bildersturm im Glarnerland (1526). Quelle: URL: https://www.glarus24.ch/artikel/bildersturm-im-glarnerland-2413761/#fancybox-13761

Es soll an dieser Stelle nicht alles verraten werden – nur dies: In seiner wachsenden Gewissens-Irritation über das, was er hier auf Anweisung Cajakobs an zunehmenden Gewalttaten verübt, begegnet er just jenem obgenannten Chronikautor Valentin Tschudi. Ihm – diesem historisch nachweislich auf Ausgleich zwischen den Konfessionsparteien bedachten Theologen und Pfarrer in Glarus – beichtet er seine Taten und findet bei ihm Wohlwollen und Aufnahme. Aus Solidarität und pädagogischer Rücksicht tilgt darauf Tschudi in seiner Chronik all jene Passagen über kirchenstürmerische und gewaltsame Aktionen, an denen Baltzli und seine Täuferfreunde beteiligt waren…

Aus Dankbarkeit zu seinem Wohltäter Tschudi, bei dem er nun in der Folge Lesen und Schreiben lernt, schreibt der alternde Balthasar Hauser seine eigene Chronik. Sie ist das Buch, das Alfonso Hophan vorerst als Maturarbeit eingereicht, und ein paar Jahre später in überarbeiteter Form als Roman zum Druck bringt.

Dass Tschudi zum Schutz seines Schützlings Balthasar Hauser alle Passagen aus seiner Chronik tilgt über die täuferische Beteiligungen an den Glarner Reformationswirren, ist ein cleverer Kunstgriff, der es dem Autor Hophan erlaubt, diejenigen Geschichten zu erzählen (bzw. via den alten Hauser retrospektiv erzählen zu lassen), die in Tschudis Chronik offenbar «fehlen». Selber sagt er dazu: «Es ist eine fiktive Geschichte. Fiktiv, aber basierend auf historisch belegte Daten». In der Tat: Das «Reislaufen», den «Schwarzen Tod», die Bilderstürme, das Zerstören katholischer Reliquien, das alles ist so passiert. Auch Personen wie den Glarner Pfarrer Valentin Tschudi* und seine Reformationschronik hat es gegeben. Dann aber bekennt der Autor Alfonso Hophan ehrlicherweise auch: «Einzig bei den Täufer-Sekten habe ich dazu erfunden. Es ist historisch nicht belegt, dass diese auch bis ins Glarnerland hinauf kamen.» (In: Glarner Woche vom 26.10.2011, S.10)

Glarus von S�den

Glarus um 1540. Nach einem Holzschnitt von Hans Asper von 1547. Quelle: URL http://www.altglarus.ch/grafiken.php.

Effektiv sind bisher kaum Quellen bekannt, welche die Geschichte täuferischer Einzelpersonen oder Gruppen im Glarnerland bezeugen. Auch in den vierbändigen Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz fehlen Hinweise auf Glarus weitestgehend, ebenso wie im neuen Standardwerk “Die schweizerische Reformation”. Insofern ist es auch durchaus konsequent, wenn Hophan die Namen der beiden täuferischen Schlüsselfiguren in seinem Roman in bezeichnender Weise über’s Kreuz verfremdet: Aus den historisch bezeugten Konrad Grebel und Jörg Cajakob alias Blaurock werden Konrad Cajakob und Jörg Grebel!

Beide repräsentieren im vorliegenden Buch Licht und Schatten des zeitgenössischen Täufertums. Und auch wenn man angesichts der jahrhundertlangen Pauschalverunglimpfung des Täufertums bedauern kann, dass hier – trotz aller aktuellen «Versöhnungs-Events» zwischen täuferischen und evangelischen Kirchen im Umfeld der Reformationsgedenkfeiern – das Dunkle und Hässliche mit Cajakob einmal mehr die Oberhand bei der Charakterisierung des Täufertums behält: Wer wollte die Warnung Ernst Jandls in den Wind schlagen, der bekanntlich die folgenden Zeilen mit «lichtung» überschrieb:

«manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum»

(Ernst Jandl: Laut und Luise. Walter, Olten 1966, 175)

* Tschudi war einer der Lieblingsschüler Ulrich Zwinglis, als dieser von 1506 bis 1516 Priester in Glarus war – just auf der Stelle, die Tschudi selber von 1522 bis zu seinem Tod 1555 bekleidete! Zum neuen Zwingli-Film vgl. unseren Blog “Zwingli und die Täufer auf Grossleinwand“.

 

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