Was Meiringen, das Oberhasli und der Ballenberg mit Täufergeschichte zu tun haben

Gewiss: Die Landschaft Oberhasli im Berner Oberland zählt nicht zu den täufergeschichtlich bedeutsamen Regionen der Schweiz. Aber so richtig dies etwa im Vergleich mit dem Emmental oder dem Grossraum Thun auch sein mag – es geht darob doch etwas vergessen, dass auch hier das Täufertum seine Spuren hinterlassen hat.

Das Oberhasli ist vor allem bekannt durch seine grandiosen Berglandschaften: Hier der Blick vom Sidelhorn auf den Oberaargletscher im Grimselgebiet (Foto HPJ)

So sind bereits in den 1530er und 1540er Jahren aus manchen Dörfern am Brienzersee (v.a. aus Brienz und Oberried) – und damit der unmittelbaren Nachbarschaft des Oberhasli – etliche Täuferinnen und Täufer nachweisbar (vgl. dazu die Belege in Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz Bd.3).

Besonders eindrücklich ist die Geschichte des Hans Stäli (Stähly) und seiner Familie aus Brienzwiler, dessen täuferische Überzeugungen ihn nach einigen Gefangenschaften zur Flucht zwingen und ihn zuerst ins Baselbiet und später möglicherweise bis nach Niederösterreich führen. In einem Verhör sagt er 1552 aus, dass die Begegnung mit einem Täuferlehrer namens Hans Lüthi aus dem Eggiwil bei seiner Wendung zum Täufertum eine wichtige Rolle gespielt habe. Dieser habe ihn eingeladen, an einer täuferischen Predigt auf dem Ballenberg bei Brienz teilzunehmen (vgl. StABE B IX 423, 89v ff., zum Berner Täufertum vgl. diesen Link). Auf dem Ballenberg habe er dann einen Täufer predigen hören – genau das, was die eigenen Prädicanten auch sagen. Nur habe er den Eindruck erhalten, dass die Täufer dies alles nicht nur lehren, sondern es auch tun:

„Welches im nit übel gfallen, dann inn bedüchte, sy fuortint ein erbar wäsen mit abstellung der lastern etc.“

Der Ballenberg ist heute bekanntlich ein beliebtes Freilichtmuseum, wo mehr als 100 originale, jahrhundertealte Gebäude aus allen Landesteilen der Schweiz zu besichtigen sind. Und interessanterweise stammt eines dieser Gebäude just aus dem besagten Eggiwil – es ist der Hof «Untere Grosstanne», welcher zufällig ebenfalls Berührungspunkte zum lokalen Täufertum aufweist: 1654 wird ein „Gross-Tannen-Michel“ als Täufer aktenkundig, weil er seit Jahren keine reformierten Gottesdienste besucht hat… (StABE, B III 563, Nr 135).

Der ursprünglich im Eggiwil gestandene Hof „Untere Grosstanne“, der sich nun im Freilichtmuseum Ballenberg befindet. (Foto HPJ)

 

(Als ich im Täuferjahr 2007 die Leitung des Ballenberges auf diese Berührungspunkte zum Täufertum hinwies, zeigte man damals leider kein Interesse, diese Bezüge zu thematisieren und auf ein interessantes Stück Schweizergeschichte hinzuweisen…)

An dieser Stelle sei auf einen täufergeschichtlichen Bezug nach Meiringen hingewiesen, dem Hauptort des Oberhasli. In der Kirche von Meiringen wirkte von 1569 bis 1575 Pfarrer Joseph Hauser. Hier im Pfarrhaus lebte er mit seiner Familie und hier wuchs auch sein gleichnamiger Sohn auf.

Kirche von Meiringen – bis 1709 einziges reformiertes Gotteshaus der Pfarrei Oberhasli, welche bis dahin die Gemeinden Meiringen, Schattenhalb, Hasliberg, Innertkirchen, Guttannen und Gadmen umfasste (Foto HPJ).

In den Fusstapfen seines Vaters studierte Joseph Hauser junior später Theologie, wurde seinerseits Pfarrer und ab 1588 Lateinschulmeister in Zofingen. Dann, um die Jahreswende 1589/90 erfolgte die überraschende Hinwendung Hausers zum Täufertum und seine unvermittelte Abreise nach Mähren zu den Hutterern.

In der unlängst erschienenen jüngsten Ausgabe von MENNONITICA HELVETICA 40 (2017) untersucht Hans Rudolf Lavater die mutmasslichen Gründe für diesen Gesinnungswandel. Dabei würdigt er erstmals in einer Gesamtschau dessen eindrückliche Leistungen als Kolonisator und Theologe im Dienste der kommunitären Gemeinschaft der hutterischen Täufer. Nicht nur für Oberhasli-Fans eine sehr empfehlenswerte Lektüre!

Und à propos Zofingen: Genau in diesem Aargauer Städtchen findet am 8. September 2018 – auf den Spuren Hausers – die diesjährige Mitgliederversammlung des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte statt! Termin bitte vormerken!

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Geburdsbuch der Gemeinde bey Basel

Keine heute noch existierende täuferisch-mennonitische Gemeinde in der Schweiz verfügt unseres Wissens über derart weit zurückgehende eigene Quellenbestände wie die Holee-Gemeinde in Basel.

Besonders bedeutsam ist dabei das „Geburdsbuch“ mit Einträgen zu Ereignissen, die bis ins Jahr 1777 zurückreichen. Teils sind darin auch Ehedaten der jeweils genannten Eltern vermerkt. Da es sich dabei oft um Informationen handelt, die in keinen anderen obrigkeitlichen oder volkskirchlichen Dokumenten verzeichnet sind, stellen diese Art von Archivalien oft auch familiengeschichichtliche Kostbarkeiten dar.

Die Dokumentationsstelle des Schweizerischen Vereins auf dem Bienenberg verfügt zwar nicht über das Original, aber über Kopien und Transkriptionen dieses Dokuments (wie auch anderer vergleichbarer Quellen aus schweizerischen und v.a. elsässischen Täufergemeinden). Für genealogisch Interessierte stellt diese Art von Archivalie immer wieder eine willkommene Fundgrube dar.

 

Beispielsweise gelang es in den letzten Tagen, nordamerikanischen Forschern mit einem Auszug aus dem Holee-Geburtsregister einen wichtigen Hinweis zu geben und eine entscheidende Forschungslücke in ihren Untersuchungen zu schliessen. Die oben abgebildete Seite nennt die Kinder einer Familie Jacob Bürgi [Bürki] und Katharina Uhli (Ulrich) aus „Niederdiessbach“ in der Kirchgemeinde Ober-Diessbach bei Thun (Bern). Das Paar hatte sich „kubalieren lasen zu Mömbegat den 21 Wintermo. 1780″* und war laut Dokument später bei „Baselaugst“ wohnhaft. Einzelne Nachkommen waren später nach Kanada ausgewandert.

* kubalieren = verheiraten; Mömbegat = Mömpelgart = Montbéliard; Wintermonat = November

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Berner Kantonsregierung bittet die Täufer um Verzeihung

«Der bernische Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektor Christoph Neuhaus hat an Berns ‹Nacht der Religionen› im Namen des Kantons Bern bei den Täufern für Verzeihung gebeten. Er tat dies für die staatlichen Verfolgungen und Vertreibungen, unter denen die Täufer in der Vergangenheit zu leiden hatten.»

bernerzeitung.ch

«Wie könnten Sie und ich leben, wenn es die Bitte um Vergebung nicht gäbe?» fragte Christoph Neuhaus. Wie es uns das Unser Vater lehrt «bitte ich Sie – als Berner Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektor, aber auch als Mensch – in aller Schlichtheit heute Abend um Verzeihung für all das, was den Täuferinnen und Täufern in unserem Kanton zu Leide getan wurde. Kein Mensch kann rückgängig machen, was einmal getan wurde. Aber wir können sehen, was gewesen ist. Es aufnehmen anstatt zu verdrängen. Es als unsere gemeinsame Geschichte anerkennen, anstatt von uns abzuspalten.»

Pressemitteilung •

 

 

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Die «Wiedertäufer»käfige von St.Lamberti in Münster


(Foto H. R. Lavater 26.09.2015)
Erhellendes zum Thema Erinnerungskultur der Strafgerichtsbarkeit bei http://archivalia.hypotheses.org/68170(Klaus Graf) •

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Mitgliederversammlung – 2017 – Assemblée générale


(Bild)
Friedrich Dürrenmatt : Wiedertäufer in Lumpen.
Illustration für «Es steht geschrieben» («Les fous de Dieu»), um 1946

Mitgliederversammlung – Assemblée générale
2017 
Neuchâtel
Samstag, 7. Oktober / samedi, 7 octobre, 10:00 – 16:00 h
Mitgliederversammlung / Assemblée générale
Vortrag / Conférence (Prof. em. Dr. Pierre Bühler)
Mittagessen / Repas de midi
Besuch / Visite Centre Dürrenmatt Neuchâtel : «Les fous de Dieu»

«Es steht geschrieben»«Les anabaptistes»



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Mennonitica Helvetica 39 (2016) soeben erschienen!

A B H A N D L U N G E N

Roland Senn : Als Joseph Hauser nach Mähren zog: Berner Geistliche auf Abwegen
Die Biographie des bernischen Theologen und nachmaligen hutterischen Dieners am Wort Joseph Hauser wird um einige bisher unbekannte Elemente seiner Berner Zeit erweitert. Nach seinem Übertritt zum Täufertum kehrte Hauser mehrfach als hutterischer Missionar in die Heimat zuruck. Im Zuge dieser Tätigkeit zogen mit Samuel Hauser und Andreas Seelmatter Ende der 1590er Jahre zwei weitere Berner Geistliche zeitweilig nach Mähren, die in Verbindung zu Joseph Hauser standen. (7–20) 

Hanspeter Jecker : Im Spannungsfeld von Separation, Partizipation und Kooperation:
Wie täuferische Wundärzte, Hebammen und Arzneyer das «Wohl der Stadt» suchten.
Dem frühen Schweizer Täufertum wird nachgesagt, dass es sich sehr umfassend aus der Gesellschaft zuruckgezogen habe. Seine friedenskirchlichen Positionen seien fast nur noch in Separation und Verweigerung sichtbar geworden. Das Beispiel täuferischer Heilkundiger zeigt, dass diese Pauschal-Aussage nicht haltbar ist. Ihnen gelang es, proaktiv und über die eigenen Kreise hinaus «der Stadt Bestes» zu suchen. (Jer 29). Und da sie dabei erstaunlich erfolgreich waren, wurden sie von breiten Kreisen der Bevölkerung zunehmend geschätzt – und teils nun auch gegen die Repression der eigenen Obrigkeit geschützt. [21–33]

David Y. Neufeld
«Ihr hand dergleichen Leuht auch under Euch». Gemeindedisziplin unter Zürcher Täufern im 17. Jahrhundert.
Wenig ist über den tatsächlichen Gebrauch kirchlicher Disziplinierungsmassnahmen unter Schweizer Täufern im 17. Jahrhundert bekannt. Dies ist verwunderlich, da diesen Praktiken eine wichtige Rolle in der Erhaltung der moralischen Taufergemeinschaft zukam, da die Aufrichtigkeit der Gemeindemitglieder neue Anhänger anzog. Dieser Aufsatz wird durch die Untersuchung zweier Fälle aus den 1630er Jahren dieses Phänomen untersuchen. Sowohl Jacob Zehnder als auch Rudolf Landis, beide Täufer aus der Zürcher Umgebung, haben sich in dieser Zeit sexueller Übergriffe schuldig gemacht. Obwohl es Anhaltspunkte dafÜr gibt, dass es zu Disziplinierungsmassnahmen kam, die den Regeln der TÄufer entsprachen, legt der folgende Beitrag den Schluss nahe, dass sowohl gemeinschaftsinterne als auch andere soziale Faktoren ausserhalb der Gemeinschaften die tatsächlichen Disziplinarmassnahmen der Gemeinden wie auch jene der Zürcher Behörden abschwächen und behindern konnten. [34–46]

Margrit Ramseier-Gerber : «Unser Gesang beruht nicht auf Kunst und Wissenschaft». 100 Jahre Christlicher Gesangverein Schänzli 1915–2015.
Dieser Beitrag gibt einen Einblick in die Entstehung und in die personelle und familiäre Zusammensetzung des Chors der Evangelischen Mennonitengemeinde Schänzli in Muttenz bei Basel, dessen Chorleben der ersten Jahrzehnte in Manchem als Beispiel für die Geschichte des Chorwesens uberhaupt und des Chorwesens in den schweizerischen Mennonitengemeinden im Besonderen gelten kann. [47–82]

M I S Z E L L E N

Hans Rudolf Lavater : Thomas Wyttenbach († 1526), le maître de Zwingli.
Nach Studien in Tübingen und Basel erlangte der aus Biel am Jurasudfuss stammende Thomas Wyttenbach (1480/82–1526) den Grad eines Doktors der Theologie. Seine durch die Reformtheologen Summenhart und Scriptoris geschulte Lehre gab er in Basel an seine Schuler Huldrych Zwingli und Leo Jud weiter. Daneben wirkte er als Stadtpfarrer von Biel, später als Kustos und Chorherr am Berner Vinzenzenstift. Mit der Kritik an der Messe schloss er sich 1523 der Reformation Zwinglis an, was er durch seine Verheiratung öffentlich bekräftigte. Die Kindertaufe war ihm zeitweise ein Problem. Seines Amts enthoben, predigte Wyttenbach fortan auf der Gasse und in den Zunfthäusern Biels. Den Durchbruch der Reformation in seiner Heimatstadt erlebte er nicht mehr. [83–91]

Roland Senn : Archivschnipsel zu Hans Pfistermeyer [92–95].

Hans Rudolf Lavater : Zwischen Zürich und Znaim. Täuferisches und weniger Täuferisches im Bullinger-Briefwechsel Band 17 [96–107].

 

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Zur Migration schweizerischer Täuferinnen und Täufer in den Kraichgau

Es ist bekannt, dass nach den grauenhaften Verwüstungen des Dreissigjährigen Krieges (1618-1648) die Obrigkeiten dieser Gebiete dringend nach Kolonisten suchten, welche die zerstörten Dörfer aufbauten und die verwüsteten Fluren wieder bebauten.

Es ist ebenfalls bekannt, dass die dazu erlassenen attraktiven Ansiedlungsbedingungen nicht zuletzt auch viele unter Repression leidende Täufer aus der Schweiz zur Einwanderung in die Pfalz und in den Kraichgau motivierten. Vorerst waren dies vor allem Täuferinnen und Täufer aus dem Zürichbiet, später auch zunehmend aus dem Bernbiet.

Vor allem die bernische Zuwanderung ist allerdings noch sehr schlecht erforscht. Da die vorhandenen Kraichgauer Quellen die Namen der Berner oft nur entstellt und meist ohne Herkunftsangaben auflisten, braucht es ein sorgfältiges Abgleichen der vorhandenen Angaben mit schweizerischen Dokumenten, um sich ein genaueres Bild der Zuwanderung zu verschaffen.

Steinsfurt Täuferkeller (1)

Fachwerkhaus in Steinsfurt bei Sinsheim im Kraichgau. Hier wurde im Gewölbekeller 1661 eine Täuferversammlung ausgehoben. (Kellereingang in der rechten unteren Bildecke)

Wo das allerdings geschieht, sind neue Einsichten zu erwarten. So kann aufgrund bernischer Quellen beispielsweise gezeigt werden, dass durchaus nicht alle Täuferinnen und Täufer, die 1661 in Steinfurt bei einer Versammlung im „Täuferkeller“ (Foto oben) aufgegriffen worden sind, zürcherischen oder schaffhausischen Ursprungs sind, wie dies bisher meist vermutet wurde.

Wenigstens in einem Fall scheint es sich um Migranten aus dem Bernbiet zu handeln: «Jacob Wüssler und seine Fraw» beispielsweise sind wohl die vom Hof Bembrunnen im Eyschachen bei Langnau stammenden Jakob Wisler und Madlen Friedrich, die ab den 1640er Jahren wiederholt in bernischen Quellen auftauchen. Nicht alle Familienmitglieder scheinen aber andauernd im Kraichgau verblieben zu sein, einige tauchen wiederholt im Emmental auf. 1669 wurde das elterliche Gut – in deren Abwesenheit! – konfisziert, wobei allerdings für die Obrigkeit nicht viel abfiel: „Nüt anders als die höchste armuot“ lautete die ernüchternde Bilanz…

Geltstag-Rodel für Jakob Wisler von 1669 (StABE B III 194a)

Geltstag-Rodel für Jakob Wisler und seine Frau von 1669 (StABE B III 194a)

Unlängst fand in Sinsheim eine Tagung statt zum Thema „Schweizer Brüder in fremder Heimat – Mennoniten im Kraichgau“. Es ist das Verdienst des deutschen Mennonitischen Geschichtsvereins sowie des Heimatvereins Kraichgau, dieses Treffen organisiert zu haben. Es ist geplant, die Vorträge der Tagung demnächst zu publizieren – auch aus der Optik schweizerischer Täufergeschichte ein erfreulicher Vorsatz!

Affaire à suivre!

PS. Zur Ansiedlung von Berner Täufern im Kraichgau vgl. auch den Blog-Beitrag zu den Horsch! (Zur Pfalz siehe hier)

 

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Good News für Familienforschung / Good News for Family History Research

Baptism Durs Aebi 1666

Für Personen, die ausserhalb des Kantons Bern wohnen, ist die in einer unscheinbaren Medienmitteilung des Berner Staatsarchivs enthaltene Nachricht wohl weitgehend unbeachtet geblieben: Seit dem 13. Februar 2017 sind die meisten Bernischen Kirchenbücher bis 1875 online. Das sind immerhin über 3500 Bände mit Informationen aus bernischen Kirchgemeinden zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Sie enthalten selbstverständlich auch zahlreiche Daten, die für die Erforschung täuferisch-mennonitischer Familien mit bernischen Wurzeln unverzichtbar sind.

Die neue online-Zugänglichkeit der Berner Kirchenbücher dürfte nicht zuletzt seitens nordamerikanischer Forschender einen Quantensprung für anabaptist-mennonite family history research ausmachen. Sowohl was die Korrektur oft irreführender älterer spekulativer Hypothesen, als auch was die nun zu erhoffenden neuen Einsichten angeht!

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Zürich 2017: Täufertum und Reformation im Gespräch

Das Geschichtenmobil zum Reformationsjubiläum in der Zürcher Bahnhofshalle im Januar 2017.

Das Geschichtenmobil zum Reformationsjubiläum in der Zürcher Bahnhofshalle im Januar 2017 – fast direkt unter dem „Schutzengel“ der Niki de Saint Phalle.  (Foto: Wolfgang Krauss)

 

Im Rahmen der Gedenkfeiern zum 500jährigen Jubiläum der Reformation kommt es dann und wann auch zu interessanten Begegnungen zwischen reformierten Kirchen und täuferisch-mennonitischen Gemeinden. Bei diesen Gelegenheiten kann deutlich gemacht werden, dass das Täufertum neben dem „alten“ römisch-katholischen und dem „neuen“ protestantischen (evangelisch-reformiert bzw. evangelisch-lutherischen) Weg durchaus einen bedenkenswerten alternativen Ansatz vertreten hat. Es wäre dies ein Ansatz gewesen, der auf Freiwilligkeit des Glaubens und der Kirchenmitgliedschaft setzte  – und nicht auf Obligatorien und auf Zwang.

Wäre gewesen – denn die Täufer hatten nie den Hauch einer Chance, ihre Überzeugung frei zu äussern und praktisch umzusetzen. Denn durch ihre Kritik an einer in ihren Augen unheilvollen Allianz von Kirche und Obrigkeit zogen sie bald europaweit den Zorn der Mächtigen auf sich. Ihre Absage an Krieg und Gewalt im Namen von Bibel, Gott und Kirche galt als todeswürdiges Verbrechen. Intensive Verfolgung hat darum die Täufer zumal in der Schweiz bis 1700 fast völlig ausgemerzt.

Erst in neuerer Zeit hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass das Täufertum bei manchen Themen in Kirche und Gesellschaft wohl doch nicht nur daneben lag. Das führte nach einem jahrhundertelangen Gegeneinander und Nebeneinander allmählich zu einem verstärkten Miteinander in Kirche und Gesellschaft. Es gab „Schritte der Versöhnung“ und mehrere bilaterale kirchliche Dialoge auf Augenhöhe.

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In diesen Zusammenhang gehört die Einladung der reformierten Kirche des Kantons Zürich, das aktuelle Reformationsjubiläum nicht ohne Vertreter täuferisch-mennonitischer Kirchen planen und feiern zu wollen. Ausdruck davon war der Zwischenhalt des Geschichtenmobils im Rahmen des „Europäischen Stationenweges“ in Zürich am 6. und 7. Januar 2017 in Zürich.

Veranstaltung zum Reformations-Jubiläum in der Bahnhofshalle in Zürich (Foto Wolfgang Krauss)

Veranstaltung zum Reformations-Jubiläum in der Bahnhofshalle in Zürich (Foto Wolfgang Krauss)

Für das bei klirrender Kälte in der Bahnhofshalle parkierte „Geschichtenmobil“ steuerte der Standort Zürich je 8 Kurzerzählungen aus täuferischem bzw. reformiertem Kontext bei. Die täufergeschichtlichen Beiträge wurden verfasst von Urs Leu (über Felix Mantz), Arnold Snyder (über Margret Hottinger und Konrad Winkler), Hanspeter Jecker (über Hans Jakob Boll), Daniel Gut (über Heinrich Funck), David Neufeld (über Hans Müller), John Ruth (über seinen Besuch der reformierten Zürcher Synode) und Frieder Boller (über John Paul Lederach). All diese Beiträge können nachgelesen oder gehört werden unter „Zürich“ bei https://r2017.org/veranstaltungen/europaeischer-stationenweg/blog/.

 

 

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„Im übrigen ist den Täüfferen fast jedermann geneigt!“ Ein Beitrag zum Roman „Das Ketzerweib“ von Werner Ryser

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Werner Rysers historischer Roman «Das Ketzerweib» erzählt die Geschichte der Langnauer Täuferin Anna Jakob. Über die Gründe befragt, warum sie Täuferin geworden sei, sagt sie, dass sie hier „einen näheren Weg zum Himmel gefunden“habe. Um 1700 geriet diese couragierte Frau in die Mühlen der berüchtigten Berner «Täuferkammer», welche im Auftrag der reformierten Obrigkeit das eigene Territorium «täuferfrei» zu machen hatte und darum diese auf die Reformationszeit zurückgehende alternative kirchliche Bewegung buchstäblich bis auf’s Blut bekämpfte. (Nächste Lesungen des Autors aus dem Buch: Freitag, 20 Januar 2017, 19.30 Uhr, Murtenstrasse 50 in Biel und am Dienstag, dem 24. Januar 2017, 19.30 Uhr im Restaurant Bienenberg)

Was der Autor in seinem Buch schildert, wird durch ein aufschlussreiches zeitgenössisches Dokument gut illustriert. Es handelt sich um den Bericht des Langnauer Pfarrers Johann Jakob Wyttenbach (1681-1759) über seine Kirchgemeinde, den er im Auftrag der Berner Obrigkeit im Juli 1714 abgefasst hatte. Zum Einzugsbereich dieser Gemeinde hatte bis kurz zuvor auch noch Anna Jakob mit ihrem Mann Ueli Steiner gehört, bevor ihre Güter eingezogen und konfisziert wurden.

Nach einem Überblick über Grösse („524 Haushaltungen, Seelen aber von 6 Jahren an und drüber bey 2062“), Strukturen und Schulwesen in der Kirchgemeinde berichtet der Pfarrer auch über den Zustand des einheimischen Täufertums.

Ausschnitt des Briefes von Pfarrer Wyttenbach aus Langnau (Staatsarchiv Bern B III 122, 547)

Ausschnitt des Briefes von Pfarrer Wyttenbach aus Langnau (Staatsarchiv Bern B III 122, 547)

Das Täüfferthum betreffend kann ich nicht finden, daβ selbiges zeitwährend meinem dritthalbjährigen Dienst allhier habe zuogenommen und ein einiger seye zuo den Täüffern übergegangen. Sind aber wol noch eint und ander in der Gmeind, so schon vor disem dem Täüfferthum sind zuogethan gewesen und noch sind, wie auβ beyligender Liste zuosehen. Im übrigen ist den Täüfferen fast jedermann geneigt und werden nicht leichtlich von jemandem entdeckt und verrahten, ja wann sie einichen Lufft bekämen, wurde das letztere ärger als das erste.

Die Unerkanntnuβ [d.h. fehlende Schulbildung] kann wol beÿ den Einten etwas contribuiret haben, daβ sie zu den Taüfferen übergangen, doch ist gewüβ, daβ die Taüfferleüt eben nicht die unerkanntesten [ungebildetsten] sind, sondern viel in der Schrifft wol belesene [Personen] sind Täüfferisch worden wie an dem famosen Daniel Grimm[1]  etc. zu sehen. Einiche sind also Täüfferisch, sonderlich Weibspersohnen, daβ sie sagen, wir könind in unserer Religion wol auch seelig werden. Werden sie aber befragt, ob sie dann nicht wider zu uns tretten wollind, so ist die letzte Antwort: Es mags nicht mehr ergeben. Und dann ist es auβdisputiret. Etwelche schiken ihre Kinder böser dingen in die Kinder lehr, wollen aber selbst nicht zu Kirchen gehen. Eine schlechte Kinderzucht ist beÿ den Taüfferleüten.

Gemeinlich halten die Täüfferleüt darfür, mann könne in allen Religionen seelig werden, welches ein verderblicher Irrthum ist und anzeigt, daβ, wann sich Verfolgung wurde erheben umb deβ Evangelij willen, sie nicht viel Bedenkens wurden machen, eine andre Religion anzunemmen, in Hoffnung sie könnten in derselbigen auch seelig werden.

Heterodoxe Bücher, als den Tennhardt[2] etc. habe ich gäntzlich keine finden [Randnotiz: noch verspühren] können, aber wol an eint und andren orten solche, die schon vor längst under den Täüffern waren, als den Thomas Druker[3], den Auβbund etc. doch versteken sie solche. Das N. Testament mit dem täüfferischen Stylo zuo Basel etc. gedrukt ist sehr gemein und wird solches für den Grundtext oder noch höher gehalten.[4]

Es wäre Hoffnung, daβ das Täüfferthum endlich abgehen wurde, wann die jetz bekannten Täüfferleüt, nicht nur die Manns- sonder auch die Weibspersohnen, nicht nur auβ dem Land verbannisiret, sondern auf ewig leidenlich incarceriret wurden, also daβ sie die ihrigen nicht mehr steiffen könnten, sonst ein wenig Saurteig den gantzen Teig versäuren könnte etc.“

So viel der Bericht des Langnauer Pfarrers. Aufschlussreich ist seine Bemerkung, wonach die Täuferinnen und Täufer sagen, dass man / frau (!) „in allen Religionen seelig werden“ könne. Es ist hier nicht der Ort darauf einzugehen, was dies konkret bedeuten könnte. Es eröffnet aber sicher die Perspektive, verschiedene Bekenntnisse nebeneinander stehen zu lassen, anstatt sich bis auf’s Blut zu bekämpfen… Und das war um 1700 immerhin ein fast schon ketzerischer Gedanke! Ob Anna Jakob auch dies gemeint hat, mit ihrem „näheren Weg zum Himmel“?!

Erläuternde Fussnoten:

[1] Daniel Grimm vom Gibel bei Langnau war wohlhabend, angesehen und gebildet und bekleidete das Amt eines Chorrichters in der reformierten Kirche. Kurz nach 1690 wurde er Täufer, worauf man sein umfangreiches Gut konfiszierte. Er wich ins Luzernische aus und wurde erst Ende 1709 wieder aufgegriffen. Bis zum Ende seines Lebens wechseln sich nun Gefängnisaufenthalte, Flucht, Untertauchen im Luzernischen und erneute Verhaftungen ab…

[2] Johannes Tennhardt (1661-1720), Perückenmacher und mystisch-visionärer Separatist, seit den 1680er Jahren in Nürnberg. Weite Verbreitung seiner autobiographische Schrift „Gott allein soll die Ehre sein“ (1710).

[3] Thomas von Imbroich, auch Drucker genannt (ca. 1533-1558), leitende Figur der Täuferbewegung im Rheinland und im Raum Köln. Seine Hauptwerke – ein Glaubensbekenntnis und sieben Sendschreiben – sind später neu publiziert worden im Sammelband „Güldene Aepffel in Silbern Schalen“ (1702). Kurze Auszüge finden sich auch im Märtyrerspiegel und im Liederbuch „Ausbund“.

[4] In Basel wurden – sehr zum Ärger Berns! – diverse der bei den Täufern sehr beliebten alten Froschauer-Bibeln nachgedruckt, so 1579, 1588, 1599, 1687 und 1702. Vgl. dazu Urs Leu, Die Froschauer-Bibeln und die Täufer, Herborn 2005.

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