Verschwundene Akten in Schweizer Archiven: Was die Crypto-Spionage-Affäre mit Täufergeschichte zu tun hat

Von mehr als 20 massiven Protokollbänden der bernischen “Täuferkammer” sind einzig diese vier im Staatsarchiv Bern erhalten. Alle andern sind “spurlos verschwunden (worden?!)” (Foto HPJ)

Nicht nur die schweizerische Öffentlichkeit staunt über das internationale Ausmass der Spionage-Affäre, die im Umfeld der Zuger Dechiffrier-Firma Crypto in diesen Tagen aufgedeckt worden ist. Wegen der offenbar grossen Auswirkungen der Affäre auf die Weltpolitik der letzten Jahrzehnte müssten nun sogar – so einige Schweizer Medien wie der «Tagesanzeiger» – bald die «Geschichtsbücher auf der ganzen Welt angepasst» werden.

Involviert in diese Affäre sind massgeblich die US-amerikanische CIA und der deutsche Bundesnachrichtendienst BND – aber offensichtlich gab es auch bei Schweizer Behörden Mitwissende. Bei entsprechenden Recherchen kam nun zum Vorschein, dass prompt auch ein zentrales Dossier im schweizerischen Bundesarchiv offenbar spurlos verschwunden ist. Es handelt sich dabei um frühere Untersuchungsakten der Bundespolizei zum Fall Crypto.

Beim Stichwort «Verschwundene Akten» in delikaten Angelegenheiten juckt es den Täufergeschichts-Historiker natürlich, auf schweizerische Parallelen hinzuweisen. Und Zufall oder nicht: Auch dabei geht es um das mittlerweile zur Hauptstadt dieses Landes aufgestiegene Bern.

Staatsarchiv Bern – Wichtigste Dokumentationsstelle für die Erforschung der Geschichte des Berner Täufertums (Foto HPJ)

Die leidvolle Geschichte des schweizerischen Täufertums mit politischen und kirchlichen Behörden ist in diesem Blog schon mehrfach vorgestellt und diskutiert worden. Und es ist bekannt, dass jede eingehendere Beschäftigung mit der Geschichte des bernischen Täufertums in der Phase seiner intensivsten Repression durch die Obrigkeit – also zwischen 1650 und 1750 – mit einer schwierigen Quellenlage konfrontiert ist. Ebenfalls bekannt ist es, dass Bern im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit dem religiösen Non-Konformismus auf eigenem Territorium im Verlauf des 17. Jahrhunderts spezielle Ministerien und Kommissionen geschaffen hat mit weitreichenden Vollmachten. Der Kampf gegen das Täufertum oblag dabei vollständig den «Committierten zum Teüffergeschäft», später auch als «Täuferkammer» bezeichnet. Einziger Auftrag dieses Ministeriums war es, das bernische Territorium «täuferfrei» zu machen. Manche sprechen dabei heute von versuchtem Ekklesiozid. Fast alle in diesem Zusammenhang bedeutsamen Akten wurden an die «Täuferkammer» weitergeleitet, viele wurden von ihr selbst erstellt und das allermeiste war hier in Original und Abschriften archiviert worden.

Wer diese schwierige Geschichte heute recherchieren will, ist konfrontiert mit einer wenigstens quantitativ noch viel umfangreicheren Lücke in den einschlägigen Aktenbeständen, als es heute bei der Crypto-Affäre der Fall ist.

Wir wissen heute, dass von den weit über 20 umfangreichen Manualen der bernischen Täuferkammer bloss die letzten vier im Staatsarchiv Bern erhalten sind (vgl. Foto oben). Sie tragen die Signaturen B III 190 bis B III 193 und stammen aus den vergleichsweise ruhigen Jahren 1721 bis 1743.

Sämtliche übrigen Protokollbände und die allermeisten weiteren Unterlagen dieser Kommission von ihrer Entstehung im Jahr 1659 bis ins Jahr 1721 sind jedoch verschollen und «spurlos verschwunden». Dass das Verschwinden dieser Dokumente mit teils höchst brisantem und kompromittierendem Inhalt möglicherweise nicht ganz zufällig erfolgt ist, liegt auf der Hand.

Nicht zuletzt darum, weil es dabei immer auch um viel Geld, um sehr viel Geld ging, das den Täuferinnen und Täufern jahrzehntelang konfisziert wurde und nicht selten in den privaten Taschen von bernischen Spitzenfunktionären landete.

Aber neben Geld ging es schlicht und einfach auch um himmelschreiendes Unrecht, das Menschen angetan und unermessliches Leid, das ihnen zugefügt worden ist.

Die Frage stellt sich effektiv: «Spurlos verschwunden» – oder vielleicht doch eher «spurlos verschwunden worden»?!

Namen über Namen von bernischen Täuferinnen und Täufern, die von der “Täuferkammer” aufgeboten, verhört, inhaftiert, enteignet oder ausgeschafft worden sind – fein säuberlich aufgelistet im Index eines Täuferkammer-Manuals (StABE B III 190, 489f.) (Foto HPJ)

Verglichen mit all dem Unrecht und Leid, das möglicherweise auch im Zusammenhang mit der Crypto-Affäre anderen Menschen zugefügt beziehungsweise vertuscht worden ist, mögen die täufergeschichtlichen Ereignisse vergleichsweise «marginal» gewesen sein.

Aber selbst wenn heute bereits auch Stimmen auftauchen, die behaupten, dass durch die Crypto-Machenschaften möglicherweise auch etliches Leid verhindert werden konnte (was es erst noch zu beweisen gilt – und wobei es zu prüfen gilt, ob damit bloss eigenes Leid gemeint ist, auf Kosten des Leidens anderer…):

Das «Verschwinden von Akten» bleibt ein Fakt, der zum doppelt sorgfältigen Nachprüfen der betreffenden Ereignisse verpflichtet: Was soll hier möglicherweise vertuscht und verschwiegen werden, was es um der Gerechtigkeit und um der Würde und auch um der Werte der davon direkt betroffenen Menschen willen jetzt um so mehr zur Sprache zu bringen gilt?

Täufergeschichte ist ein ganz kleiner Bereich, wo das geschehen kann und weiterhin geschieht. Wie das auf eine Weise geschehen kann, die bis in die Gegenwart relevant ist und bleibt, ist weiterhin auch das Anliegen des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte. Und vielleicht kann ja hier auch am historischen Beispiel eingeübt werden, was in der aktuellen Gegenwart immer wieder angewandt werden muss…!

 

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Irritationen um Jörg Grebel und Konrad Blaurock – Anmerkungen zu einem (nicht mehr ganz) neuen (Fast-)Täuferroman aus dem Glarnerland

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Alfonso Hophan: Die Chronik des Balthasar Hauser. Salis-Verlag, Zürich 2014. 352 Seiten, Fr. 34.80.

Im Ringen um Erneuerung von Kirche und Gesellschaft im 16. Jahrhundert tauchte die Täuferbewegung in vielen Regionen der Schweiz auf. Im Zeitalter von Luther, Zwingli und Calvin bildete das Täufertum einen alternativen reformatorischen Ansatz. Schon früh trat es für Glaubens- und Gewissensfreiheit, für kirchliche Unabhängigkeit von Obrigkeiten und für Gewaltverzicht ein. In der alles dominierenden Auseinandersetzung zwischen «Altgläubigen» (Katholiken) und «Neugläubigen» (Evangelischen) fanden täuferische Gruppen längerfristig aber kein Gehör, sondern wurden rasch von allen Seiten systematisch unterdrückt und verfolgt.

Nur in wenigen Gegenden der Schweiz konnten sich täuferische Kreise über das 16. Jahrhundert hinaus behaupten, in ununterbrochener Kontinuität nur in einzelnen Gebieten im Kanton Bern.

So kann es nicht überraschen, dass vor allem das bernische Täufertum denn auch wiederholt Thema in der Belletristik geworden ist. Seit 1900 entstand eine Reihe von Novellen und Romanen, von denen hier einige der wichtigsten genannt seien: Ernst Martis «Zwei Häuser – zwei Welten» (1911), Rudolf von Tavels «Frondeur» (1929), Walter Lädrachs «Passion in Bern» (1938), Katharina Zimmermanns «Die Furgge» (1989), Marie Kuhlmanns «Les Frères amish» (2013) und Werner Rysers «Das Ketzerweib» (2016).

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Seltener sind Erzählungen, in denen das Täufertum in anderen Regionen der Schweiz thematisiert wird. Dazu gehört etwa Gottfried Kellers Novelle «Ursula» (1878) oder der von Daniel Guts vor dem Abschluss stehende Roman «Funks Stille» – beide im Zürcher Hinterland angesiedelte Werke – oder René Schurtenbergers «Der Ketzer von Basel» (2009).

Vollends überraschend ist es, wenn ein Roman in einer Region spielt, wo über das lokale Täufertum kaum etwas bekannt ist. Dies ist der Fall bei Alfonso Hophans Erstling «Die Chronik des Balthasar Hauser», welche das Ringen um kirchliche Erneuerung im innerschweizerischen Glarus zwischen 1525 und 1535 zum Thema hat.

Schweizer Karte mit Umriss des heutigen Kantons Glarus (Wikipedia, Von Tschubby – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85100837)

Nun ist es zwar nicht so, dass das Täufertum in diesem Buch eine absolut zentrale Rolle spielt. Aber das Leben des als Ich-Erzähler auftretenden Balthasar Hauser nimmt im Roman Hophans doch dramatische Wendungen, die ohne täuferische Einwirkungen nicht denkbar gewesen wären.

Über weite Strecken hält sich der Autor eng an das, was von der Glarner Geschichte jener Zeit bekannt ist, insbesondere an das, was Valentin Tschudi (1499-1555) in seiner Chronik der Reformationsjahre 1521–1533 geschrieben hatte. Im Hintergrund steht die Information, dass der spätere Reformator Ulrich Zwingli als junger Priester jahrelang in Glarus tätig war und dass die späteren Glarner Erneuerer in enger Verbindung zur Zürcher Reformation gehandelt hätten.

Zum Inhalt: Nachdem der zwölfjährige Bauernsohn Balthasar “Baltzli” Hauser aus Bilten schon seinen Vater als Söldner in Italien verloren hat, wird er nach dem Tod seiner Mutter aufgrund der Pest im Jahr 1526 zur Vollwaise. Von Pflegeplatz zu Pflegeplatz weitergereicht, durchlebt er im Glarnerland die aufbrechenden Wirren im Ringen um den rechten Glauben am eigenen Leibe. Zwei Begegnungen mit führenden Täufern seiner Zeit verändern sein Leben dann aber nachhaltig: Jörg Grebel und Konrad Cajakob. Der heranwachsende Baltzli sieht in der täuferischen Bewegung das Potential, die Menschheit so umfassend zu verändern und zu befreien, dass alle sozialen Schranken wegfallen – und dass dadurch nicht zuletzt er selbst doch noch mit seiner Jugendliebe Sophie aus vornehmem Haus zusammenfinden kann…

So verwundert es wenig, dass Baltzli immer tiefer in täuferische Kreise im Glarnerland eintaucht. Während dabei Grebel in einem sehr gütigen, warmherzigen und anziehenden Ton beschrieben wird, erscheint Cajakob als äusserst unsympatischer, rücksichtsloser Manipulator und Demagoge, der die Unsicherheiten seiner Zeitgenossen schamlos für den eigenen Vorteil nutzt. Der innertäuferische Gegensatz kulminiert in der Folge in der vom «Wolf» Cajakob inszenierten Ermordung Grebels – ohne dass dies aber zum Bruch Baltzlis mit den Täufern führt. Vielmehr wird er immer tiefer hineingezogen und nimmt Teil an diversen gewaltsamen Kirchenplünderungen und Bildersturm-Aktionen.

Bildersturm im Glarnerland (1526). Quelle: URL: https://www.glarus24.ch/artikel/bildersturm-im-glarnerland-2413761/#fancybox-13761

Es soll an dieser Stelle nicht alles verraten werden – nur dies: In seiner wachsenden Gewissens-Irritation über das, was er hier auf Anweisung Cajakobs an zunehmenden Gewalttaten verübt, begegnet er just jenem obgenannten Chronikautor Valentin Tschudi. Ihm – diesem historisch nachweislich auf Ausgleich zwischen den Konfessionsparteien bedachten Theologen und Pfarrer in Glarus – beichtet er seine Taten und findet bei ihm Wohlwollen und Aufnahme. Aus Solidarität und pädagogischer Rücksicht tilgt darauf Tschudi in seiner Chronik all jene Passagen über kirchenstürmerische und gewaltsame Aktionen, an denen Baltzli und seine Täuferfreunde beteiligt waren…

Aus Dankbarkeit zu seinem Wohltäter Tschudi, bei dem er nun in der Folge Lesen und Schreiben lernt, schreibt der alternde Balthasar Hauser seine eigene Chronik. Sie ist das Buch, das Alfonso Hophan vorerst als Maturarbeit eingereicht, und ein paar Jahre später in überarbeiteter Form als Roman zum Druck bringt.

Dass Tschudi zum Schutz seines Schützlings Balthasar Hauser alle Passagen aus seiner Chronik tilgt über die täuferische Beteiligungen an den Glarner Reformationswirren, ist ein cleverer Kunstgriff, der es dem Autor Hophan erlaubt, diejenigen Geschichten zu erzählen (bzw. via den alten Hauser retrospektiv erzählen zu lassen), die in Tschudis Chronik offenbar «fehlen». Selber sagt er dazu: «Es ist eine fiktive Geschichte. Fiktiv, aber basierend auf historisch belegte Daten». In der Tat: Das «Reislaufen», den «Schwarzen Tod», die Bilderstürme, das Zerstören katholischer Reliquien, das alles ist so passiert. Auch Personen wie den Glarner Pfarrer Valentin Tschudi* und seine Reformationschronik hat es gegeben. Dann aber bekennt der Autor Alfonso Hophan ehrlicherweise auch: «Einzig bei den Täufer-Sekten habe ich dazu erfunden. Es ist historisch nicht belegt, dass diese auch bis ins Glarnerland hinauf kamen.» (In: Glarner Woche vom 26.10.2011, S.10)

Glarus von S�den

Glarus um 1540. Nach einem Holzschnitt von Hans Asper von 1547. Quelle: URL http://www.altglarus.ch/grafiken.php.

Effektiv sind bisher kaum Quellen bekannt, welche die Geschichte täuferischer Einzelpersonen oder Gruppen im Glarnerland bezeugen. Auch in den vierbändigen Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz fehlen Hinweise auf Glarus weitestgehend, ebenso wie im neuen Standardwerk “Die schweizerische Reformation”. Insofern ist es auch durchaus konsequent, wenn Hophan die Namen der beiden täuferischen Schlüsselfiguren in seinem Roman in bezeichnender Weise über’s Kreuz verfremdet: Aus den historisch bezeugten Konrad Grebel und Jörg Cajakob alias Blaurock werden Konrad Cajakob und Jörg Grebel!

Beide repräsentieren im vorliegenden Buch Licht und Schatten des zeitgenössischen Täufertums. Und auch wenn man angesichts der jahrhundertlangen Pauschalverunglimpfung des Täufertums bedauern kann, dass hier – trotz aller aktuellen «Versöhnungs-Events» zwischen täuferischen und evangelischen Kirchen im Umfeld der Reformationsgedenkfeiern – das Dunkle und Hässliche mit Cajakob einmal mehr die Oberhand bei der Charakterisierung des Täufertums behält: Wer wollte die Warnung Ernst Jandls in den Wind schlagen, der bekanntlich die folgenden Zeilen mit «lichtung» überschrieb:

«manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum»

(Ernst Jandl: Laut und Luise. Walter, Olten 1966, 175)

* Tschudi war einer der Lieblingsschüler Ulrich Zwinglis, als dieser von 1506 bis 1516 Priester in Glarus war – just auf der Stelle, die Tschudi selber von 1522 bis zu seinem Tod 1555 bekleidete! Zum neuen Zwingli-Film vgl. unseren Blog “Zwingli und die Täufer auf Grossleinwand“.

 

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Dokumentarfilm über Täuferroman-Autorin Katharina Zimmermann (Die Furgge)

Katharina Zimmermanns 1989 erschienener Täufer-Roman «Die Furgge» hat weit über das Bernbiet hinaus ein breites Echo gefunden. Zusammen mit Grossanlässen wie dem «Täuferjahr 2007» im Emmental hat es viel dazu beigetragen, die leidvolle Geschichte dieser «religiösen Nonkonformisten» in der Schweiz aufzuarbeiten. Bis in die laufenden Reformationsgedenkfeiern hat «Die Furgge» ihre Spuren hinterlassen.

2017 ist der Roman sogar in einer englischen Übersetzung publiziert worden. Bei dieser Gelegenheit entstand auch ein längeres Interview in englischer Sprache.

Aktuelle News zur Täufergeschichte stets hier.

Wer mehr über die Autorin Katharina Zimmermann erfahren wollte, war gespannt auf die Ankündigung des Dokumentarfilms «Das letzte Buch» über das «aufregende Leben» der Furgge-Autorin.

Leider lief und läuft der Film fast nur in bernischen Kinos – da galt und gilt es achtsam zu sein auf die Vorführtermine.

Derzeit läuft «Das letzte Buch» beispielsweise in Brienz im Berner Oberland – und Ende Monat an den Solothurner Filmtagen.

 

Zu täuferischen Bezügen von Brienz vgl. übrigens auch das hier.

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Erste Versammlungshäuser täuferisch-mennonitischer Gemeinden im Raum Basel

Die 1903 erstellte Kapelle der Mennonitengemeinde Schänzli in Muttenz

Mit dem Begriff «Täufertum» wird eine Bewegung bezeichnet, deren Vorstellungen von kirchlicher und gesellschaftlicher Erneuerung im Reformationszeitalter von den europäischen Obrigkeiten als gefährlich eingestuft wurden. Der täuferische Einsatz für Freiwilligkeit von Glaube und Kirchenmitgliedschaft, der Aufbau von obrigkeitsunabhängigen «Freikirchen» und die Ablehnung von Kriegsdienst und Todesstrafe machte diese «Anabaptisten» und «Wiedertäufer» über 300 Jahre lang auch in der Schweiz zur Zielscheibe der Repression.

Jahrhundertelang fanden täuferische Gottesdienste darum vorerst nur in der Abgeschiedenheit, und ab dem 19. Jahrhundert zwar nicht mehr im Versteckten, aber doch ausschliesslich in privatem Rahmen statt. Das war auch im Baselbiet so.

Nachdem in Basel das alte einheimische Täufertum gegen 1680 infolge von Verfolgung vollständig geflüchtet bzw. ausgewandert war, setzte ab der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Neu-Zuzug ein.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kristallisierte sich neben einer primär von bernischen Rückwanderern aus dem Elsass und dem Südbadischen formierten amischen „Unteren Gemeinde“ eine zweite, meist via Zuwanderung aus dem Jura und dem Emmental entstehende (nicht-amische) „Obere Gemeinde“ heraus. Während jene sich in der 1847 gebauten Kapelle an der Holeestrasse in Basel versammelte (Foto), traf diese sich vorerst noch reihum auf grösseren Bauernhöfen einzelner Mitglieder – etwa auf dem Arxhof bei Niederdorf, dem Wildenstein bei Bubendorf, dem Schillingsrain bei Liestal oder dem Oberäsch bei Duggingen.

Die 1847 erstellte Kapelle der Basler Mennonitengemeinde im Holee (nach J.J.Schneider, 1881)

Schon bald entwickelte sich aber auch der Hof Schänzli am Westrand von Muttenz, auch „Schanzhaus“ genannt, zu einem wichtigen Treffpunkt. Dies vor allem, als im Jahr 1891 der damalige Bewirtschafter David Nussbaumer-Scheidegger auf dem Hof «Schänzli» – dort wo heute die Reitsportanlage ist – einen grösseren Versammlungssaal einrichten liess. Im Jahr 1903 bezog die «Schänzli»-Gemeinde – unter Mitnahme ihres Namens! – die weiter östlich oben auf der Ebene neu erbaute Kapelle an der St. Jakobs-Strasse – dort wo heute die Tramhaltestelle «Käppeli» liegt.

Der Name «Käppeli» hat allerdings nichts mit der Mennoniten-Kapelle zu tun. Vielmehr stand – wohl schon seit dem 11. Jahrhundert – eine alte Wegkapelle am Schanz-Abhang mit Blick auf die Birsebene. Hier überquerte die alte Verkehrsachse, die von Basel über den Hauenstein ins schweizerische Mittelland führte, auf diversen Stegen und Furten die verästelte Birs. Bezeichnenderweise war diese Kapelle dem Heiligen Jakob geweiht, dem Schutzpatron der Reisenden und Pilger, zumal solche Flussüberquerungen bisweilen nicht ganz ungefährlich waren. Diese alte Kapelle stand damit einige Hundert Meter west-nordwestlich der heutigen Tramhaltestelle «Käppeli». Vgl. dazu die um 1750 zu datierende nachfolgende Darstellung von Emanuel Büchel (BILD Falk. D 14, 1 St. Jakob, 1750) (URL: http://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?ID=564947 ).

St. Jakob

Der Kapellenbau der «Oberen Basler Täufergemeinde» im Jahr 1903 reiht sich im übrigen nahtlos ein in den Bau von Versammlungshäusern anderer Schweizer Täufergemeinden, namentlich in Jura und Emmental: Cernil (1883), Langnau-Kehr (1888), Lucelle (1891), Moron (1892), Brichon (1893), Les Bulles bei La Chaux-de-Fonds (1894), Jeangui (1900), Fürstenberg (1897), La Chaux d’Abel (1905). (vgl. dazu auch den Beitrag über “Meetinghouses“).

Eine Ausnahme bildet hier einzig das oben erwähnte Versammlungshaus der «Unteren Basler Täufergemeinde» im Holee von 1847. Dieser Bau ist übrigens schweizweit das erste nicht-landeskirchliche Kirchengebäude. Die Basler Regierung hatte die Baubewilligung im Februar 1847 erteilt – einzig mit der Auflage, kein Geläut einzurichten…! (StABS, Kirchenakten M 2.1.)

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Täufergeschichtliche Nebenschauplätze : Das Beispiel Thierachern bei Thun

Titelblatt des ersten Chorgerichtsmanuals von Thierachern (1587-1615) (Kirchgemeinearchiv Thierachern)

In der schweizerischen Öffentlichkeit wird das bernische Täufertum immer noch sehr stark mit der Landschaft Emmental assoziiert. Das Täuferjahr 2007 hat hier nicht unwesentlich dazu beigetragen. Das ist insofern auch richtig und berechtigt, als das Emmental die einzige Gegend der ganzen Schweiz ist, wo diese kirchliche Erneuerungsbewegung von der Reformation bis in die Gegenwart eine ungebrochene Präsenz aufweist. Trotz jahrhundertelanger Repression.

Diese Fokussierung auf das Emmental lässt aber bisweilen vergessen, dass es in der Schweiz zahlreiche Regionen, Talschaften und Dörfer gibt, wo täuferische Überzeugungen phasenweise eine nicht minder bedeutsame Rolle gespielt haben. Auch im Bernbiet.

Manchmal bringen dies lokale Initiativen bei der Aufarbeitung der Geschichte des eigenen Dorfes erneut an den Tag. So geschehen im Fall von Thierachern bei Thun. Soeben ist das reich illustrierte Buch «Thierachern  – Eine Reise durch Raum und Zeit» erschienen.

Soeben erschienene Dorfchronik von Thierachern bei Thun

Via eine unscheinbare Illustration (p.32) wird plötzlich deutlich: Alte Chorgerichtsmanuale enthalten bisher unbekannt gebliebene Sachverhalte und Zusammenhänge. Hier schlummern noch spannende Herausforderungen für nächste Generationen von Forschenden! Gerade die Landschaft zwischen Thun und Bern westlich des Aarelaufs bis hin zum Gürbe- und Stockental ist täufergeschichtlich noch recht wenig erforscht. Und dies, obwohl hier die Wurzeln von so weit verzweigten Täuferfamilien wie den Nafzigers, den Stutzmanns, den Wenger oder den Zehr liegen, von denen vor allem in Nordamerika Tausende von Nachkommen leben!

Die auf Seite 32 abgebildete Doppelseite aus dem ältesten Chorgerichtsmanual von Thierachern enthält zahlreiche Eintragungen über lokale Täuferinnen und Täufer! Genannt werden für die Familiennamen Wenger, Fürstenberg, Bieri und Blösch. (Zur Kirchgemeinde Thierachern gehörten damals auch Uetendorf, Uebeschi und Pohlern!)

Weitere interessante Entdeckungen – wie in diesem Blog im Falle von Blumenstein und der Familie Herr bereits vorgestellt – sind zu erwarten. Der Schweizerische Verein für Täufergeschichte mit seinem Jahrbuch MENNONITICA HELVETICA wird darüber berichten!

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön all jenen, die via ihre Vereins-Mitgliedschaft diese Forschungen im vergangenen Jahr konkret unterstützt haben – und natürlich vor allem auch all jenen, die dies weiterhin bzw. ab jetzt (!) zu tun gedenken!

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Eine Weihnachtsgeschichte aus Schleitheim

Hinweistafel zum Täuferweg am Randen (Kanton Schaffhausen)

Noch einmal Weihnachten feiern…

(von Doris Brodbeck)

Wenigstens noch einmal möchte sie in der Heimat in Schleitheim Weihnachten feiern, gab die Täuferin Anna Meyer im September 1642 dem Weibel zur Antwort, als er ihrem Mann Christen Bechtold das Urteil des Rats der Stadt Schaffhausen überbrachte. Der Täufer wurde mit Ausweisung bestraft, weil er sich weigerte, seinen Glauben aufzugeben. Auch ein Glaubensverhör und danach Rutenstriche hatte ihr Mann zu erdulden gehabt, und allen fünf aus dem Gefängnis ausgebrochenen Täufern nahm man Vieh und Äcker weg. Anna Meyers Glaube war stark herausgefordert. Wie sollten sie nun den kommenden Winter überstehen? Man hatte bereits die Ernte dieses Jahres eingezogen, um die Kosten für den Ausbruch aus dem Gefängnis zu bezahlen. Ihr Mann hatte für den Ausbruch einen Ofen beschädigt, indem er die Öffnung des Ofenrohrs erweitert hatte und auch die Stadtmauer musste repariert werden, weil ein Stein herausgebrochen worden war. Doch nun, was blieb ihnen noch zum Leben? Ja, es blieben nur noch die Reben, die sie von der Gemeinde gepachtet hatten. Sie lagen auf der anderen Seite des Dorfbaches, am sonnenbeschienenen Staufenberg, jenseits des Schaffhauser Hoheitsgebiets. Annas Mann Christen trug mit seinen gut gepflegten Reben nicht unwesentlich zur Qualität des Weines bei. Das wusste man im Dorf und man schätzte ihn.

Taufe von Christian, Sohn des als «Teüffer» bezeichneten Christian Bechtold und der Anna Meyer am 17. November 1622 (Eintrag im Taufbuch von Schleitheim)

Unterdessen war es Winter geworden und Anna dachte nicht selten an die Täuferfamilien, die nun neuerdings nicht mehr nach Mähren auswanderten wie früher. Sie zogen jetzt in die verwüsteten Kriegsgebiete in der Pfalz und in den Kraichgau. Doch dort herrschte noch immer Krieg. Auch Schleitheim war einst überfallen und geplündert worden. Das war im Jahr 1633, als Annas Jüngste gerade sechsjährig war. Anna war mit den Kindern in den Wald geflohen – zum Versteck, das sie von den Täuferversammlungen her kannte. Aber das Dorf war danach nicht wiederzuerkennen. Es war schrecklich. Sollten sie sich jetzt wirklich unter diese Soldaten begeben müssen?

Doch zuerst kam das Weihnachtsfest, und obwohl bereits Schnee lag und die Temperaturen empfindlich sanken, hatte sich Anna fest vorgenommen, Weihnachten in der Täuferversammlung zu feiern. Man traf sich draussen in der nahe gelegenen Waldschneise, die man Chälle nannte, weil der Einschnitt an eine Kehle erinnerte. Dort fand Anna Ruhe und Glaubensgewissheit. Im Dorf gab es zu viele Menschen, die auch noch stolz auf ihre Verfehlungen und ihre Bosheiten waren. Das konnte sie kaum ertragen.

Und auch die schöne, grosse Dorfkirche war ihr fremd geworden, denn der Pfarrer hatte zu oft die Mandate der Regierung verlesen, die sich gegen den Glauben der täuferisch Gesinnten richteten. Anna war es wichtig, dass sich ihre Kinder später bewusst zur Taufe entscheiden konnten, nachdem sie ihre Sünden bereut hatten. Das wusste der Pfarrer und drängte sie nicht zur Kindertaufe. Ja, er verkündete sogar von der Kanzel, dass er ihr Kind nicht taufen würde. Aber dann kam der Dekan aus der Stadt und erzwang die Taufe. So sind nun gegen ihren Willen all ihre Kinder Christen, Barbal und Margret getauft und als Täuferkinder in das Taufregister eingetragen worden.

Der Schnee knirschte unter ihren Füssen, als sie sich spät abends im Schutz der Dunkelheit mit ihren bald erwachsenen Kindern und ihrem Mann auf den Weg machte. Es war jedoch kein Neuschnee gefallen und man kam gut voran. Die Chälle befand sich eine gute Wegstunde entfernt oben im Gemeindewald am Randen. Hier, etwas abseits des Fussweges, der über den Randen in die Stadt führte, hatten vor rund hundert Jahren gar zwei Täuferfamilien in einfachen Hütten gelebt, bis diese vom Rat niedergerissen worden waren.

Sobald Anna auf die Anhöhe kam, die das Dorf von diesem Waldabschnitt trennte, war ein Feuer zwischen den Bäumen zu erkennen, bei welchem sich nun Täufer aus den umliegenden Dörfern und der Stadt einfanden. Ein warmes Glücksgefühl stieg in Anna auf. Es war, als sei Gottes Reich hier besonders nahe. Anna wollte dem himmlischen Reich mehr angehören als dem diesseitigen. Hier auf Erden wurde Krieg geführt und über einander geherrscht. Aber im himmlischen Reich fand sich die Quelle für Frieden und Gerechtigkeit.

Anna freute sich, gemeinsam mit den versammelten Menschen die Bibel lesen zu können. Und am Ende der biblischen Weihnachtsgeschichte stand sie auf und alle hörten ihr zu. «Auch unsere Familie wird losziehen müssen von hier, wie Josef und Maria mit dem Jesuskind vor der Verfolgung von Herodes fliehen mussten. Doch meine Heimat ist nicht hier, sondern im Himmel bei Gott. Hier auf Erden müssen wir tapfer sein und auf Gott hören, nicht auf Menschen. Dann leuchtet das himmlische Reich auch schon hier in der Welt auf.»

Als Anna darauf süsse Birnenstücklein verteilte, standen alle neugierig um sie herum. «Als ich vor gut zwanzig Jahren, im Jahr 1620, es war um Ostern herum, als junge Frau auf dem Feld arbeitete, da schenkte mir der Weibel ein Viertel Mass getrocknete Birnenstücklein. Das war so köstlich. Der Mann wurde darauf mit einer schweren Busse belegt, weil man uns Täufern schon damals weder Essen noch Unterkunft geben durfte. Er musste seine Tat vor dem Rat bereuen. Aber ich bin ihm noch heute dankbar dafür. Die Birnenstücklein, die ich für euch im Herbst getrocknet habe, erinnern mich an all die Unterstützung, die wir mitten in der Verfolgung erlebt haben.»

Als sich ihre Familie beim Morgengrauen auf den Heimweg machte, dachte Anna, diese heilige Nacht sollte nie mehr aufhören. Sie durfte auch noch weitere sechs Jahre bis zum Ende des Dreissigjährigen Kriegs 1648 in Schleitheim bleiben und half dann mit ihrem Mann und ihren Kindern, das zerstörte Land im Kraichgau wiederaufzubauen. Ihre Nachkommen leben heute in Kanada im Staat Ontario und staunten bei ihrem Besuch in Schleitheim, dass man sich hier noch immer an ihre Familie erinnert. Auf den Tafeln des Täuferwegs kann man vom damaligen Ausbruch aus dem Gefängnis und den Birnenstücklein erfahren.

Doris Brodbeck, Schleitheim (19.12.2019)

English Translation: A Christmas story from Schleitheim

Und hier ist die Geschichte auch zu HÖREN: https://www.ref-sh.ch/dok/31585 (mp3)

 

 

HINWEIS:

Vortrag: Täuferfamilie Bechtel von Schleitheim bis nach Kanada

Der Referent Dale Bechtel

Fr. 17.01.2020, 19.30 bis 20.30 Uhr
Gemeindestube, Kirchgasse 8, 8226 Schleitheim

 

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Die Ziegelei von Péry im Freilichtmuseum Ballenberg – noch ein Beispiel für Bezüge zur Täufergeschichte!

Die neu auf den Ballenberg transferierte Ziegelei von Péry (1763)

Das Freilichtmuseum auf dem Ballenberg bei Brienz im Berner Oberland ist immer wieder eine Reise wert. Dies auch darum, weil es immer wieder Neues zu entdecken gilt. Dieses Jahr ist es die neu hier aufgestellte Ziegelei aus Péry, die auf den Ballenberg transferiert worden ist.

Schon früher ist hier in einem Blogbeitrag darauf hingewiesen worden, dass manche Ballenberg-Häuser auch interessante Bezüge zur Täufergeschiche aufweisen. Das gilt nun auch für die 1763 unweit von Pré Gary nordöstlich von Péry erbaute Ziegelei. Aus neueren Forschungen wissen wir, dass ins Bistum geflohene Täufer bisweilen als Dachdecker tätig waren und dabei auch mit Ziegeln zu arbeiten hatten – etwa die Burkhalter aus Rüederswil in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

(Vgl. dazu nun die lesenswerte Monographie von Dale Burkhalter!)

Und dann ist ja auch bemerkenswert, dass just auf dem Hof Pré Gary für längere Zeit täuferische Pächter lebten, so etliche Baumgartner-Familien – und zwar just in jenen Jahrzehnten, wo unweit ihres Bauernhofes die “Tuilerie”, die Ziegelei ihren Betrieb aufnahm! Affaire à suivre!

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Täuferischer Beitrag zu einem UNESCO-WELTKULTURERBE: Die historische Wasserwirtschaft von Augsburg

Zwei bemerkenswerte Strassenschilder in Augsburg

ANSTOSSGÄSSCHEN BEIM PFAFFENKELLER

Zwei Strassenschilder in der süddeutschen Stadt Augsburg haben es in sich.

Bekanntlich war der unverteilte Reichtum seitens mancher bloss auf’s eigene Wohlergehen fokussierter PFAFFEN und Kleriker inmitten grösster Armut mit ein Auslöser für das Zeitalter der Reformation im 16. Jahrhundert. ANSTOSS erregten aber nicht nur die PFAFFEN mit ihren prall gefüllten WeinKELLERn und Kornkammern. ANSTOSS erregte innerhalb der seit 1520 fortschreitenden reformatorischen Erneuerungsbewegungen um Martin Luther und Ulrich Zwingli auch deren sogenannter «Linker Flügel», zu dem auch das Täufertum zählte.

Letzteres setzte sich ein für eine radikalere Transformation von Kirche und Gesellschaft, aber auch von individuellem und gemeinschaftlichem Leben. Täuferinnen und Täufer sprachen sich für Freiwilligkeit von Glaube und Kirchenmitgliedschaft aus, für Frieden und Versöhnung und gegen Kriegsdienst und Todesstrafe.

Auch das erregte ANSTOSS – weit über die alt- und neugläubigen PfaffenKELLER und Ratsstuben in katholischen, lutheranischen und zwinglianisch-reformierten Territorien hinaus. Es führte zu jahrhundertelanger Repression und Verfolgung. Um so spannender ist es, just im Falle von Augsburg Beispiele zu haben, wo Menschen mit täuferischen Überzeugungen in einer andersgläubigen Gesellschaft nicht nur im Untergrund knapp überlebt haben, sondern bei der Mitgestaltung dieser Gesellschaft wesentliche Beiträge leisteten.

E i n  solches Beispiel soll im Zusammenhang mit einem aktuellen UNESCO-Weltkulturerbe-Entscheid vorgestellt werden.

Im Vordergrund rechts einer der Wassertürme beim Roten Tor in Augsburg: Wahrscheinlich zeitweise der Wohnort des Täufertheologen und Wasseringenieurs Pilgram Marpeck und seiner Frau Anna

Am 07.07.2019 stimmte das Weltkulturerbekomitee der UNESCO für den Antrag der süddeutschen Stadt Augsburg auf Anerkennung ihrer historischen Wasserwirtschaft als Weltkulturerbe. Seit einigen Wochen wird dieses Ereignis auch in schweizerischen Medien gebührend gewürdigt (vgl. etwa die Zeitschrift DOPPELPUNKT).

Nicht immer wird dabei deutlich, dass beim Ausbau der Wasserwirtschaft in Augsburg im 16. Jahrhundert ein Mitglied der europaweit verfolgten Täuferbewegung eine wesentliche Rolle gespielt hat: Der vom Bergbau herkommende “Ingenieur” und Täufertheologe Pilgram Marpeck (1495-1556). Aufgrund seiner offenbar ausserordentlichen Fähigkeiten und Kompetenzen im Bereich der frühneuzeitlichen Wasser- und Holzwirtschaft hatte Marpeck in manchen grösseren Städten wie Strassburg und Augsburg wichtige Positionen bekleidet – obwohl seine täuferische Gesinnung bekannt war. Sein Einsatz nach dem jeremianischen Motto “Suchet der Stadt Bestes” ist eine eindrückliche Illustration dafür, dass auch radikale, nonkonformistische Glaubensüberzeugungen in einer Gesellschaft durchaus nicht automatisch immer verfolgt werden. Vielmehr werden sie vor allem dann bisweilen durchaus toleriert, ja sogar geschätzt, wenn sie Lösungen auf aktuelle Probleme und Herausforderungen eines Gemeinwesens anbieten, die sonst niemand oder niemand so gut und nachhaltig zu liefern vermag.

Genau dieser von Marpeck praktizierte “Mittelweg” zwischen totaler Separation und völliger Assimilation macht aus ihm einen der attraktivsten täuferischen Theologen und Denker des 16. Jahrhunderts. Seine Positionen beinhalten interessante Denkanstösse zu hochaktuell gebliebenen Fragen wie die nach dem Umgang von Minderheiten und Mehrheiten, oder dem Verhältnis von Einheit und Vielfalt in einer multikulturellen Gesellschaft.

Weitere Hintergründe zu Marpecks Beitrag zur Wasserversorgung in Augsburg HIER – und mehr zu Leben und Werk dieses faszinierenden Täufertheologen HIER.

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Einladung zur MITGLIEDERVERSAMMLUNG 2019 / Invitation à l’ASSEMBLÉE GÉNÉRALE 2019

St.Gallen Stiftskirche

E I N L A D U N G  zur  MITGLIEDERVERSAMMLUNG

Am Samstag, 7. September 2019 um 9.30 Uhr im reformierten Kirchgemeindehaus          St. Georgen, Demutstrasse 20, 9000 St. Gallen

Es spricht sich allmählich herum, dass etwas verpasst, wer nicht an unseren jährlichen Mitgliederversammlungen (MV) teilnimmt. Das dürfte auch dieses Jahr nicht anders sein: Die diesjährige MV führt uns als Verein nämlich nach St. Gallen. Die Ostschweizer Metropole ist vor allem berühmt wegen ihrer Stiftskirche und Stiftsbibliothek, welche von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Weniger bekannt ist, dass St. Gallen und sein Hinterland auch ein ganz wichtiger Schauplatz für die frühe täuferische Bewegung gewesen ist.

Diesen täuferischen Bezügen wollen wir im Rahmen unserer diesjährigen Mitglieder-Versammlung etwas nachspüren. Wir freuen uns, dass wir mit Dr. Rudolf Gamper und Pfr. Dr. Frank Jehle zwei ausgewiesene Spezialisten der St. Galler Geschichte gewinnen konnten, die uns mit der Geschichte des Täufertums im Rahmen der regionalen Reformationsgeschichte bekannt machen werden. Es wäre schön, wenn wir viele von Ihnen in St. Gallen zu unserer MV begrüssen können. Ein weiterer Grund nach St. Gallen zu kommen: Just am 7. September ist hier Museumsnacht – auch die Stiftsbibliothek ist bis spät nachts geöffnet! https://museumsnachtsg.ch/)

St. Gallen Denkmal von Bürgermeister und Reformator Joachim von Watt, genannt Vadian (1484-1551), Schwager des Täufers Konrad Grebel

I n v i t a t i o n   à  l’Assemblée générale

 Samedi 7 septembre 2019 à 9h30, Salle de paroisse réformée St. Georgen, Demutstrasse 20, 9000 St-Gall

On dit que celui qui ne participe pas à notre assemblée des membres annuelle (AG) rate quelque chose. Il devrait en être de même cette année : Car cette année notre AG nous conduira à St-Gall. La capitale de la Suisse orientale est connue surtout pour son Abbatiale et sa Bibliothèque, qui ont été inscrites par l’UNESCO sur la liste du patrimoine culturel mondial. Ce qu’on sait moins, c’est que St-Gall et son arrière-pays ont également joué un rôle très important aux débuts du mouvement anabaptiste.

Nous allons investiguer un peu sur ces liens anabaptistes dans le cadre de notre assemblée des membres. Nous nous réjouissons d’avoir pu obtenir la participation du Dr Rudolf Gamper et du prof. Dr Frank Jehle, deux éminents spécialistes de l’histoire de St-Gall, qui vont nous en apprendre davantage sur l’histoire de l’anabaptisme dans le cadre de l’histoire de la réforme dans la région. Nous serions heureux de pouvoir vous accueillir nombreux à St-Gall pour notre AG. Et voici une raison supplémentaire de venir à St-Gall : Ce 7 septembre aura lieu ici la Nuit des musées – la Bibliothèque sera ouverte jusque tard dans la nuit !  ( https://museumsnachtsg.ch/ )

Details  → Download:

2019 SVTG-MV_Einladung_Deutsch

2019 AG_invitation

PS. Auch kurzfristige Anmeldung noch möglich! / l’inscription à court terme est encore possible !

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Kontroverse “Schweizer Brüder”

Ende März fand auf dem Bienenberg bei Liestal ein gut besuchtes internationales Symposium zum Thema «Erneuerungsbewegungen und Täufertum» statt. Die Referate dieser Tagung sollen im nächsten  Jahrbuch MENNONITICA HELVETICA 42 (2019) publiziert werden. Als Erscheinungstermin ist Dezember 2019 geplant.

Im Anschluss an das Symposium trafen sich einige Spezialisten der frühneuzeitlichen Täuferforschung zu einer ganztägigen Diskussionsrunde zum Thema «Schweizer Brüder» ebenfalls am Bildungszentrum Bienenberg. Dem Begriff, nicht aber der Sache angemessen, blieb es leider bei einer Männer-Runde…


Die Teilnehmenden der Diskussionsrunde (v.l.n.r.): John D. Roth (Goshen College University, USA), David Y. Neufeld (University of Arizona, Tucson USA), Hanspeter Jecker (Bienenberg / Liestal, Schweiz), Martin Rothkegel (Theologische Hochschule Elstal, BRD), Christian Scheidegger (Zentralbibliothek Zürich, Schweiz), Joe A. Springer (Mennonite Historical Library, Goshen USA), Karl Koop (Canadian Mennonite University, Winnipeg Kanada), C. Arnold Snyder (Conrad Grebel University, Waterloo Kanada)

Ausgangspunkt der Debatte war der kontroverse Beitrag von Martin Rothkegel in der online-Version des Mennonitischen Lexikon über die «Schweizer Brüder». Darin bezeichnete er diese «als eine von der Pfalz ausgehende Sammlungsbewegung», die ab 1540 «täuferische Restgruppen in Süddeutschland, im Elsass, der Schweiz, den Rheinlanden, Hessen und Mähren» integrierte. Diese «Schweizer Brüder» seien – so Rothkegel – weder geographisch noch theologisch so eng und so direkt mit den Anfängen des Täufertums in Zürich um 1525 und dessen anschliessender Ausbreitung in benachbarten Regionen verbunden, wie das die bisherige Forschung bisher weitgehend angenommen hatte. Dieses «Konstrukt einer kontinuierlichen konfessionellen Identität mit einem klar umrissenen, pazifistischen und ‘evangelischen’ theologischen Profil von der Frühzeit der Reformation bis zur Gegenwart» sei zurückzuweisen: Es entspreche mehr dem Wunschdenken von «nordamerikanischen „Schweizer“ Mennoniten» als der historischen Realität.

Dieser Ansicht trat in der Vergangenheit vor allem der kanadische Historiker und emeritierte Täufergeschichts-Professor Arnold Snyder entgegen, der Rothkegels Ideen mit umfangreichen Quellenhinweisen zu widerlegen suchte. Bereits zuvor hatte Snyder seinen Einspruch angemeldet mit seinem Beitrag «In Search of the Swiss Brethren” in der Zeitschrift MENNONITE QUARTERLY REVIEW 90 (2016), 421-515 oder in seiner jüngsten Publikation «Later Writings of the Swiss Anabaptists 1529-1592″ von 2018 (Foto):

Um die zunehmend kontrovers diskutierten Überzeugungen über blosse literarische Debatten hinauszuführen, moderierte John D. Roth eine ganztägige Diskussionsrunde, wo neben der Vorstellung der unterschiedlichen Positionen und einer Diskussion von deren Stärken und Schwächen sich auch dann und wann Gelegenheiten zur Vermittlung und zum Brückenbau boten.

Zum Abschluss der Tagung wurde seitens der Teilnehmenden zwar keine Erklärung zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden formuliert – zu weit lagen die Meinungen noch auseinander. Der erstmalige Austausch um einen runden Tisch von Angesicht zu Angesicht erwies sich aber gleichwohl als hilfreich. Und nach den teils sehr engagiert und kontrovers geführten Debatten bezeugt das abschliessende Gruppenbild aller Teilnehmenden (s.o.) immerhin die gute Stimmung nach Gesprächsabschluss durchaus zutreffend. Sicher ist aber auch, dass das letzte Wort in dieser Sache noch lange nicht gesprochen ist! Affaire à suivre!

Vgl. zur Thematik auch den Beitrag von David Y. Neufeld hier!

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