Mitgliederversammlung 2020 abgesagt / Assemblée générale 2020 annulée

Wegen steigenden Covid-19-Fallzahlen:

Die Mitgliederversammlung des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte vom 5. September 2020 in Welschenrohr ist abgesagt und auf 2021 verschoben!

(SVTG 28AUG2020)

 

Le nombre de nouveaux cas de Covid-19 augmente:

L’assemblée générale de la Société Suisse d’Histoire Mennonite du 5.septembre 2020 à Welschenrohr est annulée et reportée en 2021!

(SSHM 28AOUT2020)

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Hans Rudolf LAVATER (26.3.1946 – 9.7.2020)

Betroffen und sehr traurig müssen wir als Vorstand des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte zur Kenntnis nehmen und mitteilen, dass unser langjähriger geschätzter Vorstands-Kollege und Freund Hansruedi Lavater am 9. Juli 2020 nach längerer Krankheit verstorben ist.

Von seinen Operationen, die er im vergangenen Sommer und Herbst vornehmen lassen musste, hat er sich nur sehr langsam erholt. Und doch haben wir alle bis zuletzt gehofft, dass trotz Rückschlägen die Genesung nachhaltig sein werde. Zuversichtlich gestimmt hat uns, dass manche von uns mit ihm bis zuletzt in einem anregenden Austausch über Gott und die Welt – und nicht zuletzt über faszinierende täufergeschichtliche Forschungs- und Publikationsprojekte gestanden haben. Leider, leider hat es nun einen anderen Ausgang genommen.

Mit seiner Frau Marianne und der ganzen Familie trauern wir um Hansruedi, auch uns als SVTG-Vorstand schmerzt das Abschiednehmen-Müssen sehr. Wir sind dankbar für alles, was uns Hansruedi gewesen ist und was uns bleibend inspirieren wird – aber ihn nicht mehr unter uns zu wissen, gibt uns ein Gefühl der Leere und die entstandenen Lücken tun weh.

Viele von uns werden ihn auf unseren nächsten Wegstücken vermissen, nicht zuletzt in den zahlreichen täufergeschichtlichen Projekten, an denen er mit uns zusammen gearbeitet hat, und von denen viele nun wohl unvollendet bleiben werden.

An der Mitgliederversammlung 2018 in Zofingen

Eine ausführliche Würdigung von Hansruedi Lavaters Leben und Werk erfolgt in unserem Jahrbuch Mennonitica Helvetica 43 (2020).

Vgl. zu Hansruedi Lavaters zahlreichen Publikationen die Inhaltsverzeichnisse von MENNONITICA HELVETICA sowie die Angaben auf seiner eigenen Website.

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Die “Wiedertäuferhütte” auf dem Ober-Bölchen. Oder: Was COVID-19 und das Jungfraujoch mit Täufergeschichte zu tun haben

Blick von der Belchenfluh ins Baselbiet. Links unten sieht man Gutsbetrieb und Restaurant Ober-Bölchen, die frühere “Wiedertäufer-Hütte” oberhalb von Eptingen (Foto Eliane Kipfer).

Nach dem Covid-19-bedingten Ausbleiben asiatischer Touristen titeln Schweizer Medien: «Die Schweizer erobern das Jungfraujoch zurück!». Anstatt Japanisch, Chinesisch und Koreanisch erklinge dort neuerdings Schwytzertütsch und Romandie-Französisch. Aber auch Destinationen wie das Freilichtmuseum Ballenberg bei Brienz im Berner Oberland ist plötzlich wieder propevoll mit Thurgauern, Solothurnern und Wallisern und selbst das Restaurant Kemmeriboden-Bad unterhalb der Furgge im hintersten Emmental kann nicht allen Besuchern sofort einen der vielen Tische zuweisen und muss Besucherinnen und Besucher bisweilen warten lassen, bis wieder etwas frei geworden ist.

Die Furgge (Hohgant) von Schangnau aus gesehen. Der dank Katharina Zimmermanns gleichnamigem Täufer-Roman bekannte Berg hat sich allerdings noch nicht zum touristischen Renner entwickelt… (Foto HPJ)

In der Tat: Schweizerinnen und Schweizer entdecken nach dem Stornieren ihrer Auslandferien wieder einmal die Schönheiten des eigenen Landes.

Neben Reisen zu den bekannten touristischen Hotspots im eigenen Land bietet sich damit allerdings auch DIE Gelegenheit, um auch unbekanntere Schauplätze zu erkunden. Für die Täufergeschichte könnte das heissen: Exkursionen abseits der ausgetretenen Trampelpfade mennonitischer Pilgerinnen und Wallfahrer etwa in der Zürcher Altstadt oder zur Täuferhöhle bei Bäretswil (ZH), abseits von Schloss-Trachselwald-Besichtigungen im Emmental und abseits von Anabaptist History Tour-Expeditionen zum Pont des anabaptistes oder zum Geisskirchli im Berner Jura.

Exkursionen zum Beispiel ins Baselbiet, auf den Ober-Bölchen etwa, zur sogenannten «Wiedertäuferhütte», wie man diesen Sennhof früher nannte, und wo sich heute ein Gasthof befindet.

Hier, unweit des Nordportals des Belchentunnels der Autobahn A2, auf fast 900 Meter Höhe, befand sich in den 1720er Jahren eines der Zentren einer täuferisch-pietistischen Erweckung rund um den Laienprediger Hans Martin aus Pratteln.

Immer mehr Menschen begannen am Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert, an Lehre und Leben der be­stehen­den Konfessionen irre zu werden. Immer mehr drängten nach ei­nem Neuaufbruch und sehnten sich nach geistlicher Erweckung. Und tatsächlich: Mit dem Pietismus war seit einigen Jahren eine Bewegung entstanden, die aus den Engführungen der Orthodoxie herauszuführen versprach: Anstelle blosser “rechter Lehre” sollte nun auch “rechte Praxis” gepflegt werden. Überall im Land entstanden Bibellese- und Gebetskreise. Vertreter traditioneller Kirchlichkeit und Obrigkeiten sahen sich durch diese Aufbrüche oft bedroht und versuchten sie einzudämmen. Nicht alle Erneuerungswilligen liessen sich allerdings in vorgegebene Institutionen einbin­den oder in erbauliche Privatheit abdrängen.

Immer wieder kam es um 1700 zu Kontakten zwischen solchen „Pietisten“ und dem aus der Reformationszeit stammenden Täufertum. Auch dieses hatte – nach Jahrhunderten der blutigen Unterdrückung – da und dort an in­nerem Schwung verloren und stand – ähnlich wie die Grosskirchen – in der Gefahr der Erstarrung. Es scheint aber, dass das Täufertum seit den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts auch in der Schweiz auf Erneuerungswillige wieder eine wachsende Anziehungskraft ausübte. Bezeichnenderweise glaubten manche Zeitgenossen, dass wer ernsthaft und glaubwürdig Christ sein wolle, über kurz oder lang zum Täufertum treten müsse. Zwar war für manche der zu bezahlende Preis eines solchen Beitritts zu hoch – immerhin drohte dabei im Normalfall Gefangenschaft, Güterkonfiskation und Landesverweisung. Es lässt aber aufhorchen, dass mit Johann Jakob Wolleb von Tenniken im Baselbiet anno 1722 auch ein reformierter Pfarrer im Baselbiet ein Buch publiziert hat, worin er seine eigenen Kirchgenossen von einem Übertritt zum Täufertum abhalten will: Der Titel des Buches lautet «Gespräch zwischen einem Pietisten und einem Wiedertäuffer». Als erneuerungswilliger Landeskirchler befürchtete er die Abwanderung seiner engagiertesten Kirchenmitglieder, auf die er bei seinem Kampf gegen die Missstände im eigenen reformierten Lager so dringend angewiesen wäre! Sein Buch dürfte eine Antwort gewesen sein auf die durch Hans Martin mitgeprägte Aufbruchsbewegung im Raum Diegten-Eptingen-Oberbölchen!

Titelblatt des 1722 vom Tenniker Pfarrer Johann Jakob Wolleb publizierten Buch zur besseren Unterscheidung von Pietismus und Täufertum.

Den Behörden fehlt in diesem Umfeld von Täufertum und Pietismus oft noch das nötige Differenzierungsvermögen. Bei entsprechenden religiösen Normabweichungen wird auch in Basel weiterhin der berüchtigte „Wiedertäufer“-Artikel der Basler Kirchenordnung von 1595 zur Anwendung gebracht, Haft, Güterkonfiskation und Verbannung vorsieht.

Es fehlt hier der Platz, um die spannende und dramatische Geschichte des Hans Martin zu erzählen, die ihn und seine Familie fast ein Leben lang auf der Flucht vor obrigkeitlichen Nachstellungen durch die halbe Welt herumirren liess: Vom Baselbiet ins niederländische Friesland, vom Hackboden im Emmental via den Mont Soleil im Berner Jura bis nach North Carolina in Amerika…  (Vgl. dazu aber die ausführliche Darstellung in MENNONITICA HELVETICA 24/25 [2001/2002], ferner unseren Blog-Beitrag von April 2020)

Anregungen zu täufergeschichtlichen Ausflügen auch an unbekanntere Orte liefern übrigens u.a. der Exkursionsführer von Markus Rediger und Erwin Röthlisberger «Täuferführer der Schweiz» oder das Geschichten-Bändchen von Hanspeter Jecker «Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern» (Online unter: https://issuu.com/ebraun/docs/jeker).

Die vom Hotel Bienenberg im Juli 2020 organisierte Tour d’Histoire führte am Hof Grütsch bei Niederdorf vorbei (Foto Markus Rediger)

Vgl. zum Thema täufergeschichtlicher Exkursionen auch das interessante «Täuferspuren»-Projekt deutscher Mennoniten.

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Die Lörzbachmühle bei Schönenbuch – ein früher Zufluchtsort bernischer Täuferfamilien im elsässisch-baslerischen Grenzraum im 18. Jahrhundert

Der alte Mühlstein der Lörzbachmühle bei Schönenbuch (BL) [Foto Vera Klaunzer]

Kaum hatten die letzten einheimischen Täufer gegen Ende des 17. Jahrhunderts ihre Basler Heimat aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen verlassen, so setzte bald schon in denselben geographischen Raum eine neue Zuwanderung von Täuferfamilien ein. Meist waren es Personen aus dem Bernbiet, die dort keine Bleibe mehr hatten und auf der Suche nach einem neuen Aufenthaltsort allmählich auch die Regio Basiliensis in Erwägung zogen. Durch zunehmenden Einfluss von Pietismus und Aufklärung war hier die anti-täuferische Stimmung in Politik, Gesellschaft und Kirche ab 1750 allmählich abgeklungen.

Diese Immigration erfolgte allerdings in der Regel nicht direkt aus dem Bernbiet, sondern in den meisten Fällen via erste Zufluchtsorte anderswo. So war es auch bei den wohl ersten täuferischen Ankömmlingen mit bernischen Wurzeln, der aus Frutigen stammenden Familie des Peter Rychen und der Margreth Zurbrügg. Kurz nach 1703 hatten sie das Berner Oberland verlassen und waren nach Aufenthalten im Raum Montbéliard gegen 1725 nach Blotzheim bei Basel gekommen.[1] Ab 1739 bewirtschaftete die Familie die zum sundgauischen Hagenthal-le-Bas gehörende Mühle von Schönenbuch unweit der Schweizer Grenze – die sogenannte Lörzbachmühle (heute zur Gemeinde Allschwil gehörig).[2]

Die Angehörigen der nächsten Generation dieser täuferischen Rychen (bzw. später auch Rich) wohnten und arbeiteten später auf Gütern im Sundgau unweit von Basel, teils auch auf der damals baslerischen Enklave in Michelfelden bei Hüningen. Zahlreiche Nachkommen dieser täuferischen Migranten aus dem Berner Oberland leben noch heute in der Regio Basiliensis – einige immer noch als Mitglieder täuferisch-mennonitischer Kirchgemeinden (Basel-Holee bzw. Muttenz-Schänzli).   Zu den ersten Versammlungshäusern dieser beiden Gemeinden vgl. unsern Blog-Beitrag.

Wohnhaus der Lörzbachmühle [Foto Vera Klaunzer]

 

[1] Peter Rychen und Katharina Zurbrück verheirateten sich am 1. Oktober 1696 (Staatsarchiv Bern, KB Frutigen 5, 59) und liessen noch vor ihrem Wegzug folgende Kinder in Frutigen taufen: Peter am 24. April 1698 (KB Frutigen 5, 418), Elsbeth am 25. Februar 1700 (KB Frutigen 6, 2), Susanna am 18. Dezember 1701 (KB Frutigen 6, 12) und Daniel am 25. März 1703 (KB Frutigen 6, 21). Zum Umzug und Aufenthalt der Rychen in Blotzheim vgl. Archives Départementales Bas-Rhin (ABR), C 338.

[2] Archives Départementales Haut-Rhin (AHR), 4 E Huningue 41. Zur Lörzbachmühle vgl. den «Dictionnaire géographique et statistique de la Suisse» Bd. 1, Lausanne 1836, p. 29. Im April 1745 stirbt Vater Peter Rychen bei Hagenthal-le-Bas – wohl auf der Lörzbachmühle, AHR 4 Huninge 12.

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VON STATUEN, DENKMÄLERN UND ALTEN SCHLÖSSERN – Was Zwingli, Trachselwald und Black Lives Matter miteinander zu tun haben

Innenhof von Schloss Trachselwald (Foto:HPJ)

Schloss Trachselwald ist für die Geschichte der Täufer in der Schweiz ein Symbol für deren Repression durch einheimische politische und kirchliche Obrigkeiten. Es ist aber auch ein Symbol für die Bereitschaft und den Mut, für eigene Werte und Überzeugungen auch dann einzustehen, wenn es notfalls einen hohen Preis zu bezahlen gilt.

In den letzten Tagen konnte die Konferenz der Mennoniten der Schweiz darüber berichten, wie dank eines Vertrages mit dem Kanton Bern auf Schloss Trachselwald demnächst eine Ausstellung eingerichtet werden soll, um die Geschichte der Täufer darzustellen und über deren aktuelle Bezüge für die Gegenwart nachzudenken.

Schlösser wie dasjenige in Trachselwald im Emmental waren – nicht nur für die Täuferinnen und Täufer, sondern für sämtliche Untertanen bzw. für die gesamte sogenannt «einfache Bevölkerung» – jahrhundertelang Symbol für die Unterdrückung durch die Mächtigen. Kein Wunder, dass nur wenige solche Schlösser einigermassen unbeschadet bis heute überlebt haben: Früher oder später hat der «Volkszorn» viele von ihnen zerstört, und nur wenige haben die Zeit der Französischen Revolution überlebt und nur wenige können demzufolge heute noch als Denk- oder Mahnmal besucht werden.

Über Denk-Mäler wurde in den letzten Tagen intensiv debattiert. Im Zusammenhang mit der «Black-Lives-Matter»-Bewegung sind in den USA zahlreiche Statuen von historischen Persönlichkeiten, deren Bezüge zu Sklavenhaltung und Rassismus neu in den Fokus breiterer Bevölkerungskreise gerückt sind, umgestürzt und zerstört oder von den Behörden abmontiert worden. Selbst «Helden» mit schweizerischer Vergangenheit, wie ein «General Sutter» aus Rünenberg im Baselbiet, sind (zurecht!) erneut ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Eine Statue im kalifornischen Sacramento, 1987 noch von der Baselbieter Regierung mitfinanziert, ist Mitte Juni entfernt worden.

 

Zwingli-Denkmal bei der Zürcher Wasserkirche         (Foto: Roland zh / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Interessanterweise ist just diese Woche – inmitten der globalen Denkmaldebatten – das gerade auch von täufergeschichtlichen Exkursionsgruppen oft besuchte Zwinglidenkmal vor der Zürcher Wasserkirche nach einjähriger restaurationsbedingter Absenz wieder installiert worden. Die aus friedenskirchlich-täuferischer Perspektive kritisierte Synthese von Bibel und Schwert, wie sie weit über Zwingli hinaus in der offiziellen Christenheit weltweit jahrhundertelang das Sagen hatte, ist bei vielen Betrachtern dieser Zwinglistatue wohl der stärkste und nachhaltigste Eindruck. In der einen Hand die Bibel, in der andern das Schwert, so steht der Zürcher Reformator aus einer Bildhauer-Werkstatt des späten 19. Jahrhunderts monumental und pathetisch da und blickt über seine Betrachter hinweg über den Zürichsee hinaus – dorthin wo ganz nebenbei ja nicht nur seine zeitgenössischen katholischen Gegner hausen, sondern noch etwas näher auch einige seiner täuferischen Kritiker im Zürcher Hinterland…

In einem anregenden Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung aus Anlass dieser Rückführung der Zwingli-Statue am 16. Juni an ihren angestammten Standort lässt der Journalist Urs Bühler den Zürcher Reformator in einem fingierten Selbstgespräch monieren: «Vielleicht finden die Moralhüter ja eines Tages ein historisches Motiv, auch mich niederzureissen, etwa weil sie den Reformator als Kriegsgurgel verschreien oder als verkappten Frauenhelden.»

Aus täufergeschichtlicher Optik sei dem hinzugefügt: Fehlt nur noch, dass Zwingli wegen seiner political incorrectness in Form der Repression einer religiösen Minderheit – der Täufer nämlich – vom Sockel geholt wird. Oder dass er, weniger gewalttätig zwar, aber doch gleicherweise medienwirksam, regelmässig mit Farbe bekleckert wird, die einige Nachtbuben ihm in der Gestalt einer Friedenstaube auf seinen Theologenrock aufgesprayt hatten – und wo manche Experten frappante Ähnlichkeiten dieser Peace-Graffiti mit dem mennonitischen MCC-Hilfswerk-Logo feststellen zu können glauben…

Nun, die Zwingli-Statue steht also wieder am alten bekannten Ort. Noch steht sie nicht im Zentrum neuzeitlicher Bilderstürmer und denkmalstürzlerischer Ikonoklastinnen: Die schweizerische Öffentlichkeit holt bekanntlich derzeit andere reformierte Grössen von den Sockeln…. Die neue alte Zwingli-Statue bietet damit weiterhin Hundertschaften von (nicht nur) täufergeschichtlichen Tour-Guides willkommenen Anlass, um über «Bibel und Schwert» nachzudenken. Und um dabei Freundliches und Weniger-Freundliches über Zwingli und über grosskirchliche Theologie und Glaubenspraxis zu sagen. Und manche dieser Tour-Guides fügen dann natürlich auch noch viel Gutes (und ja, bisweilen auch einiges weniger Gutes) über die täuferische pazifistische Alternative an…;-)

Einer, der im Rahmen unzähliger Anabaptist History Heritage Tours auch die Schweiz regelmässig Male bereist hat und mit seinen täuferhistorischen Touristengruppen oft auch vor dem Zwingli-Denkmal über «Bibel und Schwert» nachgedacht hat, ist der mittlerweile 90jährige John L. Ruth aus Pennsylvania. Eindrücklich bleibt seine 2011 gehaltene Rede im unweit des Zwinglidenkmals liegenden Rathaus. Sein Vortrag vor der Zürcher Kirchensynode illustriert in bewegenden Worten, wie eine schwierige Vergangenheit durchaus auch für Versöhnung in Gegenwart und Zukunft fruchtbar gemacht werden kann (Abdruck in Mennonitica Helvetica 34/35 (2011/2012), 257-258).

John L. Ruth bei seiner Ansprache im Zürcher Rathaus, unweit des Zwingli-Denkmals
(Foto Peter Schmid, https://www.livenet.ch/sites/default/files/media/cache/images/title/192348-John-L-Ruth.jpg)

John L. Ruths soeben im Rahmen des 50jährigen Jubiläums der nordamerikanischen Reiseorganisation TourMagination auf YOUTUBE publizierter Film «Is There a Lesson? A Heritage Documentary» ist ein faszinierender Einblick in sein eigenes lebenslanges Engagement, um (Täufer-)Geschichte für die Gegenwart fruchtbar zu machen – und in diesem Sinne auch ein bedenkenswerter Beitrag zur aktuellen Denkmal-Debatte! Denn auch in Sachen Denkmäler und Erinnerungskultur gilt es wohl noch einige Lektionen zu lernen…

 

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Es bewegt sich etwas bei Schloss Trachselwald

Die Schweizer Mennoniten schliessen einen Vertrag mit dem Kanton Bern ab. 

Über mehrere Jahre hinweg war eine Arbeitsgruppe der Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS) in Gespräche involviert, wo über die Zukunft von Schloss Trachselwald beraten wurde. Ihre zentralen Anliegen waren dabei: Die Zugänge zum Bergfried sollte langfristig gewährleistet werden; eine Dauerausstellung zu Leben und Glauben, Geschichte und Gegenwart des Täufertums sollte installiert werden; und die Schautafeln zur Täufergeschichte sollten ins Französische und Englische übersetzt werden.

Nun konnte ein Vertrag mit dem Kanton Bern unterzeichnet werden, welcher die Einrichtung der Ausstellung möglich macht. Der Bericht der Arbeitsgruppe findet sich hier. (Deutsch / Français / English)

 

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Zum 300. Todestag von Bendicht Brechtbühl (1666–1720) am 26. April 2020

Notiz auf Innendeckel des Neuen Testamentes von Hans Herr (Mennonite Historical Society, Lancaster)

Zum 300. Todestag von Bendicht Brechtbühl (1666–1720)

Am kommenden Sonntag finden meines Wissens keinerlei Gedenkveranstaltungen statt: Und doch ist der 26. April 2020 der 300. Todestag einer der Schlüsselgestalten des schweizerischen Täufertums: Bendicht Brechtbühl (1666–1720).

Einziger Hinweis auf den Todestag Brechtbühls («BBB») ist der oben abgebildete Eintrag im alten Froschauer-Testament von Hans Herr, einem anderen Pionier der Einwanderung schweizerisch-süddeutscher Täuferinnen und Täufer nach Pennsylvania:

«Anno 1720, den 26. April ist der gute Fründ BBB in dem Herren entschlaffen.»

Die Zeit um 1700 bildete in Bern bekanntlich den Höhepunkt der Verfolgung des einheimischen Täufertums. Herausragende Eckpfeiler dieser Repression waren dabei die missglückte Täufer-Deportation im März 1710 sowie der Grosse Täuferexodus im Juli 1711. Bei beiden Ereignissen spielte der Täuferlehrer Bendicht Brechtbühl eine Schlüsselrolle. Rasch wurde er zu einer der wichtigsten Kontaktpersonen für die niederländischen Taufgesinnten und deren umfangreiches Hilfswerk zugunsten ihrer schweizerischen Glaubensverwandten.

Sein Lebensweg führte ihn aus dem ländlichen Emmental via zahlreiche Gefängnisaufenthalte und mehrere Ausweisungen zuerst in die Niederlande und später ins Asyl im Kraichgau. Er veröffentlichte Liedtexte, übersetzte theologische Erbauungsliteratur und leitete eine Erkundigungstour durch Ostpreussen, bevor er kurz vor seinem Lebensende nach Pennsylvania auswanderte und sich bei Strasburg im Lancaster County niederliess.

Seine Bereitschaft zum Dialog, seine Offenheit für Neues und sein Ringen um eine gute Mischung von Kontinuität und Wandel liessen ihn bereits zu Lebzeiten zu einem hochgeachteten Vermittler und Brückenbauer über alle Grenzen und Gräben hinweg werden, und sein Beispiel vermag bis heute zu beeindrucken.

Nachzulesen ist seine spannende und erstaunliche Biographie «Bendicht Brechtbühl (1666–1720) – Täuferlehrer, Brückenbauer und Grenzüberschreiter aus dem Emmental» in Mennonitica Helvetica 36 (2013), 105–158.

Und in englischer Version in Mennonite Quarterly Review, LXXXIX (July 2015): “Bendicht Brechtbühl (1666-1720) of the Emmental: Anabaptist Teacher, Bridge Builder, and Border Crosser”.

 

ENGLISH TRANSLATION:

300th anniversary of the death of Bendicht Brechtbühl (1666-1720)

As far as I know, there will be no commemoration ceremonies next Sunday: And yet, April 26, 2020 is the 300th anniversary of the death of one of the key figures in Swiss Anabaptism: Bendicht Brechtbühl (1666-1720).
The only reference to Brechtbühl’s death date (“BBB”) is an entry (pictured above) in the an old Froschauer Bible by Hans Herr, another pioneer of the immigration of Swiss Southern German Anabaptists to Pennsylvania:

“Anno 1720, April 26th, the good friend BBB passed away in the Lord.”

The period around 1700 is recognized to be the height of Anabaptist persecution in Bern. Outstanding pillars of this repression were the failed Anabaptist deportation in March 1710 and the Great Anabaptist Exodus in July 1711. In both events, the Anabaptist leader Bendicht Brechtbühl played a key role. He quickly became one of the most important contacts for the Dutch Mennonites and their extensive relief work for the benefit of their Swiss faith cousins.

His pilgrimage in life led him from the rural Emmental via numerous stays in prison and several deportations, first to the Netherlands and later to asylum in the Kraichgau.
He wrote song texts, translated edifying devotional literature and toured East Prussia to investigate potential settlement there.  Finally, shortly before the end o his life he emigrated to Pennsylvania, settling near Strasburg in Lancaster County. 

He was willing to engage in dialogue, open to new ideas and strove to mediate the tensions of continuity and change. These qualities made him a highly respected mediator and bridge-builder across many borders and divides during his lifetime. His example is still impressive today.

 

You can read his fascinating biography “Bendicht Brechtbühl (1666-1720) – Anabaptist teacher, bridge builder and border crosser from the Emmental” in German in Mennonitica Helvetica 36 (2013), 105-158.

Or in English in Mennonite Quarterly Review, LXXXIX (July 2015): “Bendicht Brechtbühl (1666-1720) of the Emmental: Anabaptist Teacher, Bridge Builder, and Border Crosser”.

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Von Pietisten, Separatisten und «faulen Buben»: Spuren von Muttenz und Biel-Benken nach North Carolina

Sankt-Arbogast-Kirche in Muttenz

Im Umfeld von älterem Täufertum und frühem Pietismus kommt es um 1700 europaweit zu einer Reihe von neuartigen, für die Zeitgenossen vorerst nur kaum einzuordnenden Formen kirchlichen und gesellschaftlichen Aufbruchs und Protestes. Auch in der Schweiz manifestiert sich dieser Aufbruch in zahlreichen, namentlich traditionell protestantischen Regionen wie Zürich, Bern und Schaffhausen.

Im Baselbiet verfügt diese Bewegung in der Person des Frenkendörfers Andreas Boni (geb. 1673-1741) schon früh über eine zentrale Gestalt aus dem Bereich des zeitgenössischen religiösen Nonkonformismus. Boni wird 1708 in Schwarzenau bei Bad Berleburg in Westfalen zu einem der Mitbegründer der «Schwarzenauer Täufer», der heutigen Church of the Brethren, die neben Mennoniten und Quäkern zu den «Historischen Friedenskirchen» zählt. Vgl. dazu den Blog «Was Frenkendorf und Turin mit Boko Haram und Täufergeschichte zu tun haben».

Nach Boni sind es andere, von der Obrigkeit als «Fanatiker, Separatisten und Sektierer» gescholtene Personen, die im Baselbiet für alternative Modelle von Glaube und Kirche aktiv sind. Einer davon ist Hans Martin (1688-1736?) aus Pratteln, der im Rahmen seiner Tätigkeit als zwischen Täufertum und Radikalpietismus anzusiedelnder Wanderprediger und Laienevangelist seit 1720 quer durch die Lande zieht. Mal taucht er in der Nähe der Stadt Basel auf, mal im oberen Baselbiet auf dem Bölchen, mal hält er im emmentalischen Trub eine erweckliche Versammlung, mal auf dem Chasseral, mal wohnt er mit Frau und Familie auf dem Mont Soleil im Jura in enger Nachbarschaft zu dorthin geflüchteten Berner Täufern, mal versucht er im neuenburgischen Val-de-Ruz Fuss zu fassen. Für kurze Zeit versucht er auch mit der Hilfe niederländischer Doopsgezinden im friesländischen Groningen eine Bleibe zu finden, bevor er schliesslich wie so viele andere religiöse Nonkonformisten in Nordamerika sein Heil sucht. [Vgl. dazu Hanspeter Jecker, Grenzüberschreitungen – Der Fall des Hans Martin und der Anna Hodel von Pratteln (1719ff.) in Mennonitica Helvetica 24/25(2001/2002), (: 177-187).]

Der Hof Hackboden im Emmental: Hier fand Hans Martin zeitweise Unterschlupf.

Der Same religiöser Unrast und Sehnsucht, der durch diese «Laienverkündiger» quer durch die Lande ausgestreut wird, geht dann und wann auf.

So weigern sich im Frühsommer 1722 acht Männer in Muttenz bei Basel, anlässlich einer Musterung die Waffe zu ergreifen. Sie gehören zu einem Kreis von Personen, die offensichtlich von Leuten wie Hans Martin geprägt worden sind, die sich in Berufung auf Jesus und das Neue Testament immer wieder kritisch zum Waffen- und Kriegsdienst ausgesprochen hatten. Anlässlich eines Verhörs auf Schloss Münchenstein bezeichnet Leutnant Fritschi diese als «Pietisten von Muttenz» beschriebene Gruppe als «faule Buben» (Staatsarchiv Basel-Stadt Criminalia 1 A, P 7). Einer der Angeklagten, Hans Jakob Pfau, kontert diesen Vorwurf, indem er nun seinerseits seinen vornehmen Kontrahenden ebenfalls als «faulen Buben» tituliert. Als die Obrigkeit darauf ihre Muskeln spielen lässt und mit schwerwiegenden Konsequenzen und Strafen droht, geben die meisten Angeklagten zwar klein bei und versprechen Gehorsam. Aber die folgenden Jahre zeigen, dass die religiöse Unrast damit nicht vom Tisch ist. Und immer wieder geben noch Jahre später Männer und Frauen zu Protokoll, welche Rolle Hans Martin in ihrem Leben gespielt habe: “Vorhin sey ihnen nicht in Wüssen gewesen, wie man zu Unserem Jesu kommen solle, aber eben des durch Ihn den Bratteler [=Hans Martin] erfahren und der hab sie den rechten Weg zur Seligkeit gelehrt!”

Vor einiger Zeit bin ich von einem nordamerikanischen Pastor kontaktiert worden, der in einer Church of the Brethren-Gemeinde in North Carolina gearbeitet hat, die 1772 von einem Baselbieter gegründet worden sei, einem Jacob Faw (1723- ca.1790) aus Biel-Benken. Effektiv gelang es, die Geburt dieses Mannes in den Kirchenbüchern von Biel-Benken nachzuweisen: Hier war für den 3. Oktober 1723 tatsächlich die Taufe eines Jakob, Sohn des Hans Pfau dem Schmied und der Barbara Spaar eingetragen, auf den all das zutraf, was man sonst von diesem späteren Nordamerika-Auswanderer noch wusste (Staatsarchiv Basel-Landschaft, Kirchenbuch Biel-Benken 3, 18).

Taufe des Jacob Pfau in Muttenz (KB Biel Benken 3, 18)

Offenbar war einfach dessen Name von Pfau zu Faw mutiert. Allerdings ging aus keinen Akten, die ich zu dieser Person ausfindig machen konnte, irgend etwas hervor, was auf religiösen Nonkonformismus schliessen liess. Keine Kontakte zu Täufern und Mennoniten, keine Präsenz in pietistischen oder separatistischen Konventikeln – weder bei ihm, noch bei seinen Eltern oder Geschwistern.

Die reformierte Kirche von Biel-Benken (erbaut 1621): Hier wurde Jakob Pfau 1723 getauft.

Einzig an einer kleinen unscheinbaren Stelle horchte ich auf: Bei seiner Taufe in Biel-Benken war ein (Hans) Jakob Pfau aus Muttenz Götti (=Pate)! Es war höchstwahrscheinlich genau derjenige (Hans) Jakob Pfau, der sich – wie oben geschildert! – einige Monate zuvor in Muttenz als «Pietist» geoutet hatte. Das ist zwar kein Beweis, aber doch ein Indiz dafür, dass möglicherweise dieser Pate bei seinem Göttikind den Samen gesät hatte, der später – vielleicht erst in neuer Umgebung in Nordamerika – mit seiner Hinwendung zu den Schwarzenauer Täufern aufging.

Feststeht jedenfalls, dass der Sattler Jakob Pfau im Herbst 1749 mit seiner Frau Catharina Dyssly und Kindern (KB Biel-Benken 3, 392) Biel-Benken verlässt und sich nach einer schwierigen Überfahrt vorerst in Frederickstown (Maryland) im Shenandoah Valley (heute Winchester) niederlässt (SCHELBERT/RAPPOLT 1977, 136.431). Denn, so schreibt er in einem Brief vom 17. September 1750 an seine Verwandten in der Schweiz, “ihm Pänßelfania iß aleß besätz” (= in Pennsylvania ist alles besetzt). Nach dem Tod seiner Frau verheiratet sich Jakob Pfau ein zweites Mal – erneut mit einer Biel-Benkemerin, Anna Magdalena Jundt. Später zieht er nach North Carolina weiter, wo er 1772 bei Winston-Salem die Fraternity Church gründet, die er und seine Nachkommen während mehrerer Generationen massgeblich mitprägen.

Fotos von der Facebook-Seite der aktuellen “Fraternity Church of the Brethren”

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Mennonitisches Lexikon 1 (1913) + 2 (1937)

Christian Hege / Christian Neff (Hg.) : Mennonitisches Lexikon. Erster Band (Aachen–Friedrich V.), Frankfurt am Main und Weierhof (Pfalz) 1913–24. → PDF

Christian Hege / Christian Neff (Hg.) : Mennonitisches Lexikon. Zweiter Band (Friedrich–Mähren), Frankfurt am Main und Weierhof (Pfalz) 1937. → PDF


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VON KÖNIGSPINGUINEN, RIESENSCHILDKRÖTEN UND ETHNO-PAPARAZZIS. Zur DOK-Sendung «Die Mennoniten – Fremde unter uns» im Schweizer Fernsehen SRF vom 12. März 2020

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«Die Mennoniten sind eine ultrakonservative christliche Gemeinschaft, ähnlich wie die Amish. Sie wehren sich gegen die Einflüsse der modernen Gesellschaft und führen ein Leben wie im 19. Jahrhundert. DOK gewährt einen seltenen Einblick in diese verschlossene Gesellschaft.» (Bild und Originalzitat stammen vom Medienportal des Schweizer Fernsehens SRF, beides wurde von zahlreichen Pressestellen und Medien in ihren TV-Programmhinweisen unverändert übernommen)

Mit grosser Regelmässigkeit tauchen alle Jahre wieder in unseren Medien dokumentarische Berichte auf über konservative mennonitische Gruppen nicht nur, aber vor allem aus Lateinamerika. Um es etwas unverblümt zu sagen: Anstatt Königspinguine auf den subantarktischen Prinz-Edward-Inseln oder Riesenschildkröten auf Galapagos wird hier von Ethno-Paparazzis Jagd auf konservative mennonitische Randgruppen wie die Sommerfelder oder die Altkolonier in Mexiko, Bolivien oder Belize gemacht. Die journalistische Ausbeute wird dann in Hochglanz-Magazinen oder TV-Dokus einem breiteren Publikum vorgelegt.

Was dabei immer wieder für Irritation bis Verärgerung bei mir sorgt, sind meist zweierlei Aspekte.

Zum einen ist es die oft undifferenzierte Darstellung, die glauben lässt, ALLE oder wenigstens die meisten Mitglieder täuferisch-mennonitischer Kirchen seien, leben und glauben so oder ähnlich wie die portraitierte Randgruppe (vgl. die Anmerkung unten). Kein Journalist kann es sich heute leisten, eine radikal-islamistische IS-Splittergruppe zu portraitieren und darüber die Überschrift “Was Muslime glauben” zu setzen. Warum kann die gleiche differenzierende Sorgfalt nicht auch bei vergleichsweise kleinen Bewegungen wie “DEN Mennoniten” zum Tragen kommen?

Zum andern ist es das oft ausgeprägte Bestreben der AutorInnen dieser Dokumentationen, vor allem das Exotisch-Schräge, Hinterwäldlerisch-Enge und Skurril-Bornierte zu betonen, das diese Gruppen ihrer Ansicht nach auszeichnet. Dieser Fokus ist zwar einigermassen nachvollziehbar. Leider wird dann allerdings oft kaum je historisch aufgearbeitet, warum und wie es zu diesen teils eindrücklichen, teils ja aber durchaus auch frag-würdigen Entwicklungen überhaupt gekommen ist. Gezeigt werden dann allenfalls die bei diesen Gemeinschaften im Gefolge von Isolation und Abschottung oft auch prompt auftauchenden Zwänge und rigiden Sozialkontrollen, bis hin zu vielfältigen Formen von Missbrauch. Aber was das mit Weichenstellungen rund um Identität und Solidarität, Anonymität und Zugehörigkeit, Beliebigkeit und Gruppendruck zu tun haben könnte, mit denen Menschen nicht nur im hintersten Belize, sondern hier und jetzt auch bei uns täglich konfrontiert sind, das rückt selten ins Blickfeld.

Bisweilen gelingt es zwar, diese beiden Klippen einigermassen zu umschiffen. Als Beispiele dafür könnten gelten zum einen der Spielfilm «Stellet Licht» von Carlos Reygadas (2007) aus dem südamerikanischen Kontext, oder etwa auch Peter von Guntens «Im Leben und über das Leben hinaus» (2005) über Mennoniten im schweizerischen Jura und deren in die USA geflüchtete und ausgewanderte Glaubensververwandte.
Aber leider ist die Zahl der Gegenbeispiele erheblich grösser. Und auch der DOK-Film von SRF “Die Mennoniten – Fremde unter uns” reiht sich da meines Erachtens mit seinen Pauschalisierungen über DIE (!) Mennoniten leider einigermassen nahtlos ein…

Als Schweizerischer Verein für Täufergeschichte zählt die Erforschung der auf das russlanddeutsche Täufertum zurückgehenden Gruppen der Altkolonier nicht zum Kerngeschäft. Aber da die meisten Zivilgesellschaften und Kirchen stets ihre konservativen Flügel mit ihren teils sehr eigenwilligen Sonderentwicklungen haben, ist das Thema natürlich auch für die Geschichte des schweizerischen Täufertums nicht fremd (vgl. z.B. die Geschichte der Amischen!). Nur: “Ultrakonservative” Tendenzen sind für überhaupt keine Form von Gesellschaft und menschlichem Zusammenleben fremd. Eine kritische Aufarbeitung des Spannungsfeldes von Kontinuität und Wandel ist darum auch im Hinblick auf aktuelle lokale und globale Transformationsprozesse alles andere als überflüssig.

Schade einfach, wenn Chancen zu solch einer historisch nuancierten, kritischen, aber fairen Aufarbeitung von Themen, die uns alle etwas angehen, nicht genutzt werden. Selbst aus einem Portrait über «ultrakonservative Gemeinschaften» wie die Altkolonier in Belize könnte dann ein Nachdenkprozess angeregt werden, der etwas mit unserer eigenen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Gegenwart zu tun hat – und über bloss überheblich-distanzierten Voyeurismus hinausgeht.

Und wem nach dem SRF-DOK an einem differenzierteren Überblick über die Vielfalt täuferisch-mennonitischer Kirchen gelegen ist, der/die darf sich gern mit den nachfolgenden Lesehinweisen schlau machen.

*Näheres zu den Altkoloniern hier. Zur Einordnung von Altkoloniern und Sommerfeldern in die gesamte Geschichte der täuferisch-mennonitischen Bewegung vgl. dies hier. Zur neueren Geschichte täuferisch-mennonitischer Kirchen vgl. den weltweiten Überblick in der Reihe der Global Mennonite History Series, teils auch in deutscher Übersetzung. Zur Mennonitischen Weltkonferenz, der die portraitierten Altkolonier-Gruppen allesamt nicht angehören, vgl. hier.

 

 

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