Zur Migration schweizerischer Täuferinnen und Täufer in den Kraichgau

Es ist bekannt, dass nach den grauenhaften Verwüstungen des Dreissigjährigen Krieges (1618-1648) die Obrigkeiten dieser Gebiete dringend nach Kolonisten suchten, welche die zerstörten Dörfer aufbauten und die verwüsteten Fluren wieder bebauten.

Es ist ebenfalls bekannt, dass die dazu erlassenen attraktiven Ansiedlungsbedingungen nicht zuletzt auch viele unter Repression leidende Täufer aus der Schweiz zur Einwanderung in die Pfalz und in den Kraichgau motivierten. Vorerst waren dies vor allem Täuferinnen und Täufer aus dem Zürichbiet, später auch zunehmend aus dem Bernbiet.

Vor allem die bernische Zuwanderung ist allerdings noch sehr schlecht erforscht. Da die vorhandenen Kraichgauer Quellen die Namen der Berner oft nur entstellt und meist ohne Herkunftsangaben auflisten, braucht es ein sorgfältiges Abgleichen der vorhandenen Angaben mit schweizerischen Dokumenten, um sich ein genaueres Bild der Zuwanderung zu verschaffen.

Steinsfurt Täuferkeller (1)

Fachwerkhaus in Steinsfurt bei Sinsheim im Kraichgau. Hier wurde im Gewölbekeller 1661 eine Täuferversammlung ausgehoben. (Kellereingang in der rechten unteren Bildecke)

Wo das allerdings geschieht, sind neue Einsichten zu erwarten. So kann aufgrund bernischer Quellen beispielsweise gezeigt werden, dass durchaus nicht alle Täuferinnen und Täufer, die 1661 in Steinfurt bei einer Versammlung im „Täuferkeller“ (Foto oben) aufgegriffen worden sind, zürcherischen oder schaffhausischen Ursprungs sind, wie dies bisher meist vermutet wurde.

Wenigstens in einem Fall scheint es sich um Migranten aus dem Bernbiet zu handeln: «Jacob Wüssler und seine Fraw» beispielsweise sind wohl die vom Hof Bembrunnen im Eyschachen bei Langnau stammenden Jakob Wisler und Madlen Friedrich, die ab den 1640er Jahren wiederholt in bernischen Quellen auftauchen. Nicht alle Familienmitglieder scheinen aber andauernd im Kraichgau verblieben zu sein, einige tauchen wiederholt im Emmental auf. 1669 wurde das elterliche Gut – in deren Abwesenheit! – konfisziert, wobei allerdings für die Obrigkeit nicht viel abfiel: „Nüt anders als die höchste armuot“ lautete die ernüchternde Bilanz…

Geltstag-Rodel für Jakob Wisler von 1669 (StABE B III 194a)

Geltstag-Rodel für Jakob Wisler und seine Frau von 1669 (StABE B III 194a)

Unlängst fand in Sinsheim eine Tagung statt zum Thema „Schweizer Brüder in fremder Heimat – Mennoniten im Kraichgau“. Es ist das Verdienst des deutschen Mennonitischen Geschichtsvereins sowie des Heimatvereins Kraichgau, dieses Treffen organisiert zu haben. Es ist geplant, die Vorträge der Tagung demnächst zu publizieren – auch aus der Optik schweizerischer Täufergeschichte ein erfreulicher Vorsatz!

Affaire à suivre!

PS. Zur Ansiedlung von Berner Täufern im Kraichgau vgl. auch den Blog-Beitrag zu den Horsch! (Zur Pfalz siehe hier)

 

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Good News für Familienforschung / Good News for Family History Research

Baptism Durs Aebi 1666

Für Personen, die ausserhalb des Kantons Bern wohnen, ist die in einer unscheinbaren Medienmitteilung des Berner Staatsarchivs enthaltene Nachricht wohl weitgehend unbeachtet geblieben: Seit dem 13. Februar 2017 sind die meisten Bernischen Kirchenbücher bis 1875 online. Das sind immerhin über 3500 Bände mit Informationen aus bernischen Kirchgemeinden zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Sie enthalten selbstverständlich auch zahlreiche Daten, die für die Erforschung täuferisch-mennonitischer Familien mit bernischen Wurzeln unverzichtbar sind.

Die neue online-Zugänglichkeit der Berner Kirchenbücher dürfte nicht zuletzt seitens nordamerikanischer Forschender einen Quantensprung für anabaptist-mennonite family history research ausmachen. Sowohl was die Korrektur oft irreführender älterer spekulativer Hypothesen, als auch was die nun zu erhoffenden neuen Einsichten angeht!

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Zürich 2017: Täufertum und Reformation im Gespräch

Das Geschichtenmobil zum Reformationsjubiläum in der Zürcher Bahnhofshalle im Januar 2017.

Das Geschichtenmobil zum Reformationsjubiläum in der Zürcher Bahnhofshalle im Januar 2017 – fast direkt unter dem „Schutzengel“ der Niki de Saint Phalle.  (Foto: Wolfgang Krauss)

 

Im Rahmen der Gedenkfeiern zum 500jährigen Jubiläum der Reformation kommt es dann und wann auch zu interessanten Begegnungen zwischen reformierten Kirchen und täuferisch-mennonitischen Gemeinden. Bei diesen Gelegenheiten kann deutlich gemacht werden, dass das Täufertum neben dem „alten“ römisch-katholischen und dem „neuen“ protestantischen (evangelisch-reformiert bzw. evangelisch-lutherischen) Weg durchaus einen bedenkenswerten alternativen Ansatz vertreten hat. Es wäre dies ein Ansatz gewesen, der auf Freiwilligkeit des Glaubens und der Kirchenmitgliedschaft setzte  – und nicht auf Obligatorien und auf Zwang.

Wäre gewesen – denn die Täufer hatten nie den Hauch einer Chance, ihre Überzeugung frei zu äussern und praktisch umzusetzen. Denn durch ihre Kritik an einer in ihren Augen unheilvollen Allianz von Kirche und Obrigkeit zogen sie bald europaweit den Zorn der Mächtigen auf sich. Ihre Absage an Krieg und Gewalt im Namen von Bibel, Gott und Kirche galt als todeswürdiges Verbrechen. Intensive Verfolgung hat darum die Täufer zumal in der Schweiz bis 1700 fast völlig ausgemerzt.

Erst in neuerer Zeit hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass das Täufertum bei manchen Themen in Kirche und Gesellschaft wohl doch nicht nur daneben lag. Das führte nach einem jahrhundertelangen Gegeneinander und Nebeneinander allmählich zu einem verstärkten Miteinander in Kirche und Gesellschaft. Es gab „Schritte der Versöhnung“ und mehrere bilaterale kirchliche Dialoge auf Augenhöhe.

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In diesen Zusammenhang gehört die Einladung der reformierten Kirche des Kantons Zürich, das aktuelle Reformationsjubiläum nicht ohne Vertreter täuferisch-mennonitischer Kirchen planen und feiern zu wollen. Ausdruck davon war der Zwischenhalt des Geschichtenmobils im Rahmen des „Europäischen Stationenweges“ in Zürich am 6. und 7. Januar 2017 in Zürich.

Veranstaltung zum Reformations-Jubiläum in der Bahnhofshalle in Zürich (Foto Wolfgang Krauss)

Veranstaltung zum Reformations-Jubiläum in der Bahnhofshalle in Zürich (Foto Wolfgang Krauss)

Für das bei klirrender Kälte in der Bahnhofshalle parkierte „Geschichtenmobil“ steuerte der Standort Zürich je 8 Kurzerzählungen aus täuferischem bzw. reformiertem Kontext bei. Die täufergeschichtlichen Beiträge wurden verfasst von Urs Leu (über Felix Mantz), Arnold Snyder (über Margret Hottinger und Konrad Winkler), Hanspeter Jecker (über Hans Jakob Boll), Daniel Gut (über Heinrich Funck), David Neufeld (über Hans Müller), John Ruth (über seinen Besuch der reformierten Zürcher Synode) und Frieder Boller (über John Paul Lederach). All diese Beiträge können nachgelesen oder gehört werden unter „Zürich“ bei https://r2017.org/veranstaltungen/europaeischer-stationenweg/blog/.

 

 

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„Im übrigen ist den Täüfferen fast jedermann geneigt!“ Ein Beitrag zum Roman „Das Ketzerweib“ von Werner Ryser

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Werner Rysers historischer Roman «Das Ketzerweib» erzählt die Geschichte der Langnauer Täuferin Anna Jakob. Über die Gründe befragt, warum sie Täuferin geworden sei, sagt sie, dass sie hier „einen näheren Weg zum Himmel gefunden“habe. Um 1700 geriet diese couragierte Frau in die Mühlen der berüchtigten Berner «Täuferkammer», welche im Auftrag der reformierten Obrigkeit das eigene Territorium «täuferfrei» zu machen hatte und darum diese auf die Reformationszeit zurückgehende alternative kirchliche Bewegung buchstäblich bis auf’s Blut bekämpfte. (Nächste Lesungen des Autors aus dem Buch: Freitag, 20 Januar 2017, 19.30 Uhr, Murtenstrasse 50 in Biel und am Dienstag, dem 24. Januar 2017, 19.30 Uhr im Restaurant Bienenberg)

Was der Autor in seinem Buch schildert, wird durch ein aufschlussreiches zeitgenössisches Dokument gut illustriert. Es handelt sich um den Bericht des Langnauer Pfarrers Johann Jakob Wyttenbach (1681-1759) über seine Kirchgemeinde, den er im Auftrag der Berner Obrigkeit im Juli 1714 abgefasst hatte. Zum Einzugsbereich dieser Gemeinde hatte bis kurz zuvor auch noch Anna Jakob mit ihrem Mann Ueli Steiner gehört, bevor ihre Güter eingezogen und konfisziert wurden.

Nach einem Überblick über Grösse („524 Haushaltungen, Seelen aber von 6 Jahren an und drüber bey 2062“), Strukturen und Schulwesen in der Kirchgemeinde berichtet der Pfarrer auch über den Zustand des einheimischen Täufertums.

Ausschnitt des Briefes von Pfarrer Wyttenbach aus Langnau (Staatsarchiv Bern B III 122, 547)

Ausschnitt des Briefes von Pfarrer Wyttenbach aus Langnau (Staatsarchiv Bern B III 122, 547)

Das Täüfferthum betreffend kann ich nicht finden, daβ selbiges zeitwährend meinem dritthalbjährigen Dienst allhier habe zuogenommen und ein einiger seye zuo den Täüffern übergegangen. Sind aber wol noch eint und ander in der Gmeind, so schon vor disem dem Täüfferthum sind zuogethan gewesen und noch sind, wie auβ beyligender Liste zuosehen. Im übrigen ist den Täüfferen fast jedermann geneigt und werden nicht leichtlich von jemandem entdeckt und verrahten, ja wann sie einichen Lufft bekämen, wurde das letztere ärger als das erste.

Die Unerkanntnuβ [d.h. fehlende Schulbildung] kann wol beÿ den Einten etwas contribuiret haben, daβ sie zu den Taüfferen übergangen, doch ist gewüβ, daβ die Taüfferleüt eben nicht die unerkanntesten [ungebildetsten] sind, sondern viel in der Schrifft wol belesene [Personen] sind Täüfferisch worden wie an dem famosen Daniel Grimm[1]  etc. zu sehen. Einiche sind also Täüfferisch, sonderlich Weibspersohnen, daβ sie sagen, wir könind in unserer Religion wol auch seelig werden. Werden sie aber befragt, ob sie dann nicht wider zu uns tretten wollind, so ist die letzte Antwort: Es mags nicht mehr ergeben. Und dann ist es auβdisputiret. Etwelche schiken ihre Kinder böser dingen in die Kinder lehr, wollen aber selbst nicht zu Kirchen gehen. Eine schlechte Kinderzucht ist beÿ den Taüfferleüten.

Gemeinlich halten die Täüfferleüt darfür, mann könne in allen Religionen seelig werden, welches ein verderblicher Irrthum ist und anzeigt, daβ, wann sich Verfolgung wurde erheben umb deβ Evangelij willen, sie nicht viel Bedenkens wurden machen, eine andre Religion anzunemmen, in Hoffnung sie könnten in derselbigen auch seelig werden.

Heterodoxe Bücher, als den Tennhardt[2] etc. habe ich gäntzlich keine finden [Randnotiz: noch verspühren] können, aber wol an eint und andren orten solche, die schon vor längst under den Täüffern waren, als den Thomas Druker[3], den Auβbund etc. doch versteken sie solche. Das N. Testament mit dem täüfferischen Stylo zuo Basel etc. gedrukt ist sehr gemein und wird solches für den Grundtext oder noch höher gehalten.[4]

Es wäre Hoffnung, daβ das Täüfferthum endlich abgehen wurde, wann die jetz bekannten Täüfferleüt, nicht nur die Manns- sonder auch die Weibspersohnen, nicht nur auβ dem Land verbannisiret, sondern auf ewig leidenlich incarceriret wurden, also daβ sie die ihrigen nicht mehr steiffen könnten, sonst ein wenig Saurteig den gantzen Teig versäuren könnte etc.“

So viel der Bericht des Langnauer Pfarrers. Aufschlussreich ist seine Bemerkung, wonach die Täuferinnen und Täufer sagen, dass man / frau (!) „in allen Religionen seelig werden“ könne. Es ist hier nicht der Ort darauf einzugehen, was dies konkret bedeuten könnte. Es eröffnet aber sicher die Perspektive, verschiedene Bekenntnisse nebeneinander stehen zu lassen, anstatt sich bis auf’s Blut zu bekämpfen… Und das war um 1700 immerhin ein fast schon ketzerischer Gedanke! Ob Anna Jakob auch dies gemeint hat, mit ihrem „näheren Weg zum Himmel“?!

Erläuternde Fussnoten:

[1] Daniel Grimm vom Gibel bei Langnau war wohlhabend, angesehen und gebildet und bekleidete das Amt eines Chorrichters in der reformierten Kirche. Kurz nach 1690 wurde er Täufer, worauf man sein umfangreiches Gut konfiszierte. Er wich ins Luzernische aus und wurde erst Ende 1709 wieder aufgegriffen. Bis zum Ende seines Lebens wechseln sich nun Gefängnisaufenthalte, Flucht, Untertauchen im Luzernischen und erneute Verhaftungen ab…

[2] Johannes Tennhardt (1661-1720), Perückenmacher und mystisch-visionärer Separatist, seit den 1680er Jahren in Nürnberg. Weite Verbreitung seiner autobiographische Schrift „Gott allein soll die Ehre sein“ (1710).

[3] Thomas von Imbroich, auch Drucker genannt (ca. 1533-1558), leitende Figur der Täuferbewegung im Rheinland und im Raum Köln. Seine Hauptwerke – ein Glaubensbekenntnis und sieben Sendschreiben – sind später neu publiziert worden im Sammelband „Güldene Aepffel in Silbern Schalen“ (1702). Kurze Auszüge finden sich auch im Märtyrerspiegel und im Liederbuch „Ausbund“.

[4] In Basel wurden – sehr zum Ärger Berns! – diverse der bei den Täufern sehr beliebten alten Froschauer-Bibeln nachgedruckt, so 1579, 1588, 1599, 1687 und 1702. Vgl. dazu Urs Leu, Die Froschauer-Bibeln und die Täufer, Herborn 2005.

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In His Majesty’s Service – Ein Berner Täufer als Dachdeckermeister im Dienst der Obrigkeit im Jura

Peter Burkhalter von Rüderswil im Emmental ist einer der vielen Täufer aus dem Bernbiet, der im frühen 18. Jahrhundert auf den Jurahöhen im Fürstbistum Basel Zuflucht fand. Gemäss landläufiger Meinung hielten sich diese meist aus dem Emmental stammenden Asylanten fast ausschliesslich auf den abgelegenen Bergketten (angeblich) oberhalb von 1000 Metern Meereshöhe auf, wo sie auf kargen Böden kleine Sennhöfe bewirtschafteten.

Einsame Bergweide im Jura mit Kühen

Einsame Bergweide im Jura mit Kühen

Fairerweise müssen wir allerdings zugeben, dass die historische Forschung über die Anfänge des vor allem seit 1700 in grosser Zahl ins Bistum geflüchteten Berner Täuferinnen und Täufern im Detail noch sehr wenig weiss. Entsprechend unhinterfragt halten sich da halt auch so manche Klischees…

Insofern mag es für manche erstaunlich sein, dass beispielsweise Peter Burkhalter (*1689), der sich wohl in den 1720er Jahren bei La Heutte nördlich von Biel niederliess, durchaus kein Leben ausschliesslich auf Kuhweiden im Jura-Gebirge führte. Vielmehr übte er – wie übrigens auch sein Bruder Ulrich (*1699) – seinen Beruf als Dachdecker aus und arbeite dabei natürlich vor allem auch in den Dörfern im Tal. Noch überraschender mag sein, dass er durchaus nicht nur diskret und halbwegs inkognito bei einigen geistesverwandten frommen Pietisten im Tal Aufträge annahm. Vielmehr ist bezeugt, dass er aufgrund seiner beruflichen Kompetenz  (und vielleicht auch dank günstiger Offerten und Kostenvoranschlägen?) sogar bei der fürstbischöflichen Obrigkeit als Dachdeckermeister („maître couvreur“)  wichtige Arbeiten ausführte.

Beleg über Dachdeckerarbeiten am Schloss Erguel und an der Stiftskirche von St.Imier durch Peter Burkhalter (AAEB, Comptes de Bienne et Erguel 1729-1730

Beleg über Dachdeckerarbeiten am Schloss Erguel und an der Stiftskirche von St.Imier durch Peter Burkhalter (AAEB, Comptes de Bienne et Erguel 1729-1730)

So wissen wir anhand etlicher Dokumente aus dem Jahr 1729, dass Peter Burkhalter Teile des Schlosses Erguël bei Sonvilier sowie der Stiftskirche (Eglise Collégiale) in Saint-Imier mit neuen Holzschindeln (clavins) gedeckt hatte. Dafür erhielt er vom obrigkeitlichen Schatzmeister Wildermeth einen „rechten Batzen“ an Lohn…

Dokumente und Vorgänge wie diese lassen es geraten erscheinen, die Frage der Absonderung und Separation täuferischer Kreise von der übrigen Gesellschaft etwas genauer und differenzierter anzusehen. (Genau dies ist übrigens auch eines der Ziele eines Forschungsprojektes, das derzeit anläuft und mich in nächster Zeit beschäftigen wird.)

Und weil Peters Bruder Ulrich einer der Stammväter der in Nordamerika sehr zahlreichen mennonitischen Burkhalter / Burkholder geworden ist, gibt es durchaus auch ein Interesse der internationalen Familienforschung an solchen Untersuchungen…

[PS. Vgl. den sehr informativen Beitrag von Dale Burkholder: Barbara Schenk (Burkholder): From Fambach to Conestoga, in: Muddy Creek Review 2016, 22-40] 
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Mitgliederversammlung SVTG

Samstag, 3. September 2016, 09:30 Uhr im ‹Museum Schleitheimertal›,
Kirchgasse 6 in 8226 Schleitheim / SH
pdf Einladungsschreiben

SVTG-LOGO

Assemblée générale 2016

Samedi, 3 septembre 2016 à 9h30 au Musée ‹Schleitheimertal›,
Kirchgasse 6 à 8226 Schleitheim / SH
pdf Invitation

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Durs Aebi alias Theodorus Eby von Sumiswald

Urbar über das Täufergut der Kirchgemeinde Sumiswald (Gemeindearchiv Sumiswald)

Urbar über das Täufergut der Kirchgemeinde Sumiswald (Gemeindearchiv Sumiswald)

Das Internet ist auch für täufergeschichtliche Fragen eine zunehmend wichtige Quelle: Immer mehr Dokumente aus Archiven sind online geschaltet, und immer mehr Forschungsresultate sind auf dem Netz abrufbar.

Mit der zunehmenden Datenmenge wird aber nicht nur Hilfreiches besser verfügbar, sondern auch eine wachsende Flut an Falschinformationen macht es zunehmend schwer, sich zurecht zu finden. Und ein Fehler wird dadurch nicht wahrer, wenn man ihn zwanzig mal wiederholt oder dreissig mal kopiert und weiter verbreitet… Besonders deutlich wird dies im Bereich der Familienforschung.

Einzelne aus der Schweiz ausgeschaffte oder geflüchtete Täuferinnen und Täufer haben heute eine teils sehr zahlreiche Nachkommenschaft im Ausland. Viele dieser Nachkommen – insbesondere in Nordamerika – sind an ihren eigenen Wurzeln in der Schweiz sehr interessiert. Und viele wünschen sich, einmal in ihrem Leben eine Reise an diejenigen Orte, Dörfer, Weiler und Einzelhöfe machen zu können, von denen ihre Vorfahren um ihrer Überzeugungen willen vertrieben worden sind. Und hier bietet sich das Internet natürlich an als Quelle, um die eigene Familiengeschichte rekonstruieren zu können.

Dazu ein Beispiel: Recht viele heute in Nordamerika lebende Personen berufen sich auf einen „Theodorus Eby“ als ihren Vorfahren.* Dieser sei um 1720 nach Pennsylvania gekommen – aber welches seine Vorgeschichte ist, wer seine Eltern und allfälligen Kinder sind und aus welchem Winkel der Schweiz er stammt, dazu gibt es auf diesen Websites sehr Widersprüchliches zu lesen.

Während „Eby“ als angelsächsische Schreibweise von „Aebi“ noch leicht nachvollziehbar ist, bleibt bereits unklar, wie aus dem schweizerischen Vornamen „Durs“ (Urs) ein Theodorus werden konnte.

Denn der männliche Vorname Durs (auch Urs) geht wohl auf einen Zusammenzug von Sankt Ursus [Turs / Durs] zurück. Der Heilige Ursus (gemäss Legende gestorben etwa um 300 in Solothurn) ist ein Märyrer der legendären Thebäischen Legion und er ist überdies der Schutzpatron der Stadt Solothurn. Im Solothurnischen war der Name Urs (lat. ursus = Bär) denn auch lange Zeit weit verbreitet. Im Bernbiet war er vor allem in den Grenzregionen zum Solothurnischen recht häufig (Vgl. auch Idiotikon I, 467).

So richtig schwierig wird es dann aber, wenn die einen Quellen ihn als Zürcher, die anderen als Solothurner aus Oberbuchsiten, und die dritten ihn als „wahrscheinlich aus dem Bernbiet stammend“ bezeichnen.

Aufgrund des aktuellen Kenntnisstandes taucht ein Durs Aebi als Täufer in den Akten wohl erstmals im Oktober 1670 auf, und zwar im Bernbiet. Zu jenem Zeitpunkt wurde er vom Landvogt zu Trachselwald inhaftiert und bald darauf nach Bern ins Waisenhaus überführt, weil man mit ihm als einem „töüfferischen ertzlehrer“ kurzen Prozess machen wollte.

Glücklicherweise sind etliche der bei den in der Folge stattfindenden Verhören erstellten Dokumente erhalten geblieben und können (u.a.) im Staatsarchiv Bern studiert werden.

Staatsarchiv Bern

Staatsarchiv Bern

Aufgrund dieser Texte wird schon bei einer ersten Durchsicht rasch deutlich, dass vieles auf den einschlägigen Websites im Internet nicht stimmen kann. Fast aus jeder einzelnen Archivalie gehen Informationen hervor, die das Bild des Täuferlehrers Durs Aebi erheblich zu korrigieren und zu erweitern vermögen.

Ein Beispiel gefällig? Bitte sehr:

DursAebiGeltstag

Schon nur aus dem obigen kurzen Bildausschnitt (Akte aus StABE, B III 194a) geht hervor, dass Durs Aebi um 1670 erstens mit Margreth Steiner verheiratet war, dass er zweitens einen Sohn namens Andreas hatte, und dass er und seine Frau offenbar drittens gemeinsam einen Hof auf dem Weiler Ober-Kneubühl bei Sumiswald besassen, der auf ansehnliche 3680 Pfund eingeschätzt wurde.

Ein paar Zeilen später wird deutlich, dass seine Frau offenbar aus Ober-Diessbach  stammte. Dies ist meines Wissens der bisherigen Forschung ebenso unbekannt geblieben, wie die Tatsache, dass Durs Aebi offenbar einen Bezug zur Glaserei hatte: Denn bei der Konfiskation seines Gutes wurde ihm auch „Werkzüg zum Glaser Handtwerck aller  gatung by 40 stucken“ weggenommen.

Wer für seine eigenen Forschungen nicht der erstbesten Website auf dem Internet glauben will, tut darum gut daran, die einschlägigen Dokumente sorgfältig anzusehen.

Der Schweizerische Verein für Täufergeschichte berät Forschende gern (vgl. Flyer) – und für umfangreichere Anfragen steht auch die Fachstelle für täuferische Theologie und Geschichte auf dem Bienenberg zur Verfügung (mit einem Infoblatt für genealogische Forschungen).

Und übrigens: Wer gern mehr über die verschiedenen(!) Durs Aebi erfährt – sowohl über den alten Täuferlehrer im Emmental, als auch über dessen Enkel, den nach Pennsylvania auswandernden Mühlenbetreiber im Kraichgau – der lese die Details in einer der nächsten Ausgaben von Mennonitica Helvetica nach!

* Bedeutung und Verbreitung der Aebi-Familie ist auch daran ersichtlich, dass Nachkommen des Durs Aebi von Pennsylvania nach Ontario auswanderten und dort Ebytown gründeten. Ebytown wurde zwischenzeitlich in Berlin (1854-1916) umbenannt, bis es infolge antideutscher Stimmung während des Ersten Weltkrieges zu Kitchener wurde.

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MH 38 (2015)

«MENNONITICA HELVETICA»
38 (2015) erscheint demnächst!

Grössere Beiträge:

Roland Senn
 Wer war (Hans) Jacob Boll? Die Geschichte zweier Täufer aus Stein am Rhein

senn_boll
Die Biographie des Hans Jacob Boll von Stein am Rhein, des Verfassers des ‹Christenlichs Bedencken› von 1615, bereitete beim bisherigen Stand der Forschung unlösbare Probleme. Vermutet wurde eine Identität mit einem Täuferarzt Jacob Boll. Dank einigen neuen Aktenfunden kann gezeigt werden, dass es sich dabei um zwei verschiedene Personen handelt, womit die Kenntnis der Biographie beider Personen um wichtige Elemente erweitert wird.

Ulrich J. Gerber
Bewegte Jahre 1933–1945 auch in der Schweiz. Spuren des Nationalsozialismus und des Widerstandes bei den Schweizer Mennoniten

gerber_gerber

In der Schweiz stiess der deutsche Nationalsozialismus bei den Mennoniten-Gemeinden auf Anhängerschaft wie auf Widerstand. Als Multiplikatoren des braunen Gedankenguts wirkten an der Universtät Bern und am Predigerseminbar St. Chrischona, der bevorzugten Bildungsstätte für Mennonitenprediger, etliche Dozenten, desgleichen an der «Konferenz» und in der Sonnenberggemeinde vor 1939 einige deutsche Gastprediger. Die Sympathie mancher Täufer zur bräunlichen Jungbauernbewegung eines Dr. Hans Müller förderte deren Verständnis für das Anliegen Hitlers und seiner Garde. An der kritischen Berichterstattung des von Johann Kipfer redigierten ‹Zionspilgers› hatten diese Kreise, wenig Freude. Verführte wie Widerständler finden sich auch in der Familie Gerber aus Les Joux.

Hanspeter Jecker
Von Sympathisanten, Querulanten und Profiteuren. Der Täuferlehrer Christian Güngerich von Oberdiessbach (1595–1671) und der Streit um seinen Nachlass

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Nach dem Tod des in Bern inhaftierten Täuferlehrers Christian Güngerich von Aeschlen im Jahr 1671 kommt es zu langwierigen Auseinandersetzungen um dessen Nachlass zwischen der bernischen Obrigkeit, der lokalen Kirchgemeinde Oberdiessbach und verschiedenen Gruppen von Angehörigen. Das jahrelange Hin und Her ermöglicht einen Einblick in einen konkreten Einzelfall einer Konfiskation von Täufergut und das davon betroffene Beziehungsgeflecht einer Dorfgemeinschaft. Und dies in einer Phase wachsender kirchlicher und politischer Unrast, die das ältere Täufertum erneut anwachsen lässt und den Boden vorbereitet dafür, dass die neue Bewegung des Pietismus bald auch in Bern Fuss fassen wird.

Hans Rudolf Lavater–Briner
Johann Konrad Füssli (1704–1775), das Zürcher Pflaster und die Täufer

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Mit dem Veltheimer Pfarrer und Gelehrten Johann Konrad Füssli (1704–1775) gerät ein vergessener Protagonist der Zürcher Aufklärung von europäischem Zuschnitt in den Blick. Seine quellenbasierte Kirchengeschichtsschreibung weist den Weg zu einer neuen, bisher kaum gewürdigten Einschätzung der schweizerischen Täuferbewegung zur Reformationszeit. Ein kommentiertes Werkverzeichnis erschliesst erstmals das umfangreiche und breitgefächerte Oeuvre des vielseitigen Autors, der von mehreren Zürcher Kleinmeister porträtiert wurde.

Ulrich J. Gerber
Un réformateur suisse: Ulrich Zwingli

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Le cheminement d’Ulrich Zwingli jusqu’à ses débuts au Grossmünster à Zurich en 1519 ainsi que les spécifités de sa théologie ancrant dans l’alternative Créateur-créature, son influence sur le plan culturel et son importance pour la Réforme en terres francophones, de même que ses plans d’alliances pour propager l’évangile jusqu’à sa mort sont le contenu de cet exposé.

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Ein Meilenstein in der Erforschung des schweizerischen Täufertums

LOWRY Brotherly Love II Cover

Das im Verlag der „Ohio Amish Library“ soeben erschienene Buch „Documents of Brotherly Love. Dutch Mennonite Aid to Swiss Anabaptists, Volume II, 1710-1711“ markiert einen Meilenstein in der Erforschung des schweizerischen Täufertums im frühen 18. Jahrhundert.

Auf imposanten 1400 Seiten präsentiert James W. Lowry 216 Dokumente zur dramatischen Geschichte der Repression des Täufertums in Bern und der umfangreichen Hilfe von niederländischen Doopsgezinden zugunsten ihrer Glaubensverwandten im Süden aus den Jahren 1710 und 1711. Die Edition zeichnet sich aus durch eine sorgfältige Transkription der (teils nur schwer entzifferbaren!) Quellen in den Originalsprachen, eine Übersetzung der vor allem niederländischen, deutschen und französischen Texte ins Englische sowie ein Register zu Personen, Orten und wichtigsten Schlüsselbegriffen. Gerade letzteres wird ein wichtiges Hilfsmittel auch für die genealogische Forschung sein.

Das Buch kostet $ 69.95 und ist direkt beim Verlag erhältlich (Ohio Amish Library Inc
4292 State Rt 39, Millersburg, OH 44654) oder via Masthof Press (http://www.masthof.com/).

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Auswanderung, Flucht und Deportation – langjährige Konstanten täuferischer Geschichte. Ein Kurz-Spot zur Täuferfamilie Liechti

Einer der beiden Chratzme-Höfe bei Landiswil, von wo 1671 der "besonders widerspenstige" Täufer Ueli Liechti mit seiner Familie fliehen musste.

Einer der beiden Chratzme-Höfe bei Landiswil, von wo 1671 der „besonders widerspenstige“ Täufer Ueli Liechti mit seiner Familie fliehen musste.

In diesen Tagen der omnipäsenten Flüchtlingsnot liegt es nahe, sich daran zu erinnern, dass Auswanderung und Flucht auch zu den jahrhundertelangen Konstanten täuferischer Geschichte gezählt haben.

Eine der aus dem Bernbiet stammenden täuferischen Familien, deren Fluchtwege sie vom Emmental über den Jura ins Elsass, in die Pfalz und in den Kraichgau und von dort nach Nordamerika geführt haben, sind die Liechti.

Mehr noch als bei manch anderen Familien sind in heiklen Zeiten immer wieder einige weiter gezogen, währenddem andere geblieben sind. Das führte dazu, dass es heute sowohl in schweizerischen Mennonitengemeinden noch Liechtis gibt, als auch in Deutschland zahlreiche Lichtis und in Nordamerika noch zahlreichere Leichty, Leighty oder Liechty.

Wie meistens, so sind auch für die täuferischen Anfänge dieser Familien die Zusammenhänge komplizierter, als einem bisweilen lieb ist. Den Familiennamen Liechti findet man nämlich bereits im 17. Jahrhundert im Bernbiet an verschiedenen Orten, so etwa in Oberdiessbach, in Hasle bei Burgdorf, in Rüderswil, in Trachselwald, in Landiswil und Biglen sowie in Signau und im Eggiwil.

Die reformierte Kirche von Eggiwil

Die reformierte Kirche von Eggiwil

In manchen der genannten Orte gab es Personen aus Liechti-Familien mit Bezügen zum Täufertum. Der früheste täuferische Liechti in meiner eigenen Datenbank ist ein Hans Liechti aus Oberdiessbach, der in Akten aus den 1550er Jahren auftaucht. Längerfristig bedeutsam scheinen bei den täuferisch-mennonitischen Liechtis aber vor allem zwei bzw. drei Stammlinien zu sein: Eine aus dem Eggiwil und eine aus der Kirchgemeinde Biglen, wobei bei letzterer die eine Unterlinie Biglen als Heimatort angibt, die andere Landiswil (was ebenfalls zur Kirchgemeinde Biglen gehört).

Reformierte Kirche in Biglen

Reformierte Kirche in Biglen

Bereits in den 1670er Jahren sind etliche Liechtis in die Pfalz und in den Kraichgau geflüchtet. Später haben sich zahlreiche Liechtis im Fürstbistum auf den Jurahöhen niedergelassen, zuerst auf der Chasseralkette und später vor allem im Raum Moutier: Es sind Angehörige sowohl der Eggiwil- als auch der Biglen- und Landiswil-Linie.

Welches die jeweiligen „Stammhöfe“ der einzelnen Linien sind, ist noch nicht restlos geklärt. Einer der kaum bekannten möglichen Stammhöfe ist der Chratzme, südwestlich von Landiswil, wo 1671 ein Täufer Ueli Liechti in den Akten wiederholt als besonders widerspenstig bezeichnet wird und in der Folge mit seiner Familie ebenfalls die Heimat verlassen muss.

(Die obige Foto zeigt einen der beiden Höfe)

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